LARD - THE LAST TEMPTATION OF REID
"If you love god, burn a church." (Jello Biafra)
Das eigentliche Problem bei derlei Listen-Akrobatik ist ja, praktisch rund um die Uhr das Gefühl zu haben, jede einzelne fucking Platte wäre viel zu tief einsortiert. Das ist doch alles locker Top 10 hier?! Wie kann ich eine solche Sensation wie "The Last Temptation Of Reid" in die 150er setzen, bin ich noch bei Trost? Sagen Sie es mir! Und um alles noch viel schlimmer zu machen: das Album ist über 35 Jahre alt und es steht zu befürchten, dass ein großer Teil der nachgewachsenen Generationen nicht mal mit dem Bandnamen vertraut ist. Dabei ist das eine der kompromisslosesten, gefährlichsten und energiegeladensten Aufnahmen aller Zeiten.
Jello Biafra aus dem Hause Dead Kennedys und die Ministry-Amphetamin-Poolboys Al Jourgensen, Paul Barker, Jeff Ward und Bill Rieflin spielen auf ihrem Debut aus dem Jahr 1990 eine außer Kontrolle geratene Mischung aus den beiden Bands der beteiligten Protagonisten mit unbändiger Wucht und hemmungsloser "Fuck You All!"-Attitüde. Angriffslustig, provokant, politisch eindeutig positioniert und mit rasiermesserscharfen Kommentaren zur gesellschaftlichen und politischen Generalverblödung, die - wir vergessen den ganzen Irrsin stets viel zu schnell; sehr wahrscheinlich eine Schutzfunktion unserer Denkmurmel - bereits 1990 in voller Blüte stand.
Im Prinzip muss "The Last Temptation Of Reid" mindestens ein Mal pro Monat, ach was: WOCHE! gehört werden; einerseits zur musikalischen Rekalibrierung, um sich Runkel und Rübe von all dem kompostierten Kernschrott des zeitgenössischen heiligen Rocks freiblasen zu lassen - und um sicher zu stellen, noch kein minderbemittelter Schmalspurliberaler mit Zeit-Abo geworden zu sein, dessen ehemals unverrückbare Vorstellungen von Moral und Miteinander, vom Kampf gegen Unterdrückung, Kapitalismus, Rassismus, Religion und Bigotterie mittlerweile im krustigen Arsch von Kapital, Eigenheim, der verschissenen Bundeswehr und dem ETF-Portfolio gelandet sind. Das geht auch heute noch problemlos, weil "The Last Temptation Of Reid" weder musikalisch noch inhaltlich einen einzigen Tag gealtert ist. Woran man einen Klassiker erkennt? Genau daran.
Vinyl und so: das Original gibt's gebraucht zwischen 20 und 30 Euro. Einer jener Fälle, für die ein Reissue im Grunde überflüssig ist. Freilich gibt es trotzdem einen - und der ist mittlerweile deutlich teurer als das Original. Said it before, will say it again: Plattennerds must die.
Erschienen auf Alternative Tentacles, 1990.
