19.10.2019

Die Heavy Metal Ursuppe (5)




SACRED REICH - AWAKENING


Auch mit deutlich herabgesetzten Maßstäben ist das erste Studioalbum Sacred Reichs nach 24 Jahren leider eine große Enttäuschung. Und keinen schmerzt es mehr als mir, diesen Satz schreiben zu müssen, schließlich bin ich seit ihrem Klassiker "The American Way" großer Fan dieser Band, von ihrer Musik, ihren Texten und auch von ihrem Auftreten abseits der Bühne. Ich sah sie erstmals im Juli 1991 im Frankfurter Volksbildungsheim im Vorprogramm von Sepultura, nachdem ich meine Eltern als damals gerade mal 14 Jahre alt gewordener Backfisch über fucking Wochen in den fucking Ohren lag, mich doch bittebittebitte und trotz der Indisponiertheit meines üblicherweise als Begleitperson eingesetzten älteren Bruders, alleine zum Konzert gehen zu lassen. Und ich war erfolgreich. Ich kaufte zur Hochzeit meiner Metalphase alle ihre T-Shirts, CDs, LPs und EPs und fuhr sogar noch sehr viel später, nach ihrer Reunion in den nuller Jahren, für ein Konzert ihrer damals typischen Sommertourneen durch Europa sogar in die verbotene Stadt nach München und ertrug all die Schickeria-Bussi-Bussi-Watschengesichter, die einem schon fünf Minuten nach Überqueren der Stadtgrenze entgegenflattern und die Laune versauen. Das alleine sagt vermutlich mehr über meine Liebe zu Sacred Reich aus als die Plattensammlung. 

Dabei bin ich mir schon seit vielen Jahren darüber im Klaren, dass Sacred Reich schon lange keine wirkliche Thrash Band mehr sind - strenggenommen darf man die Schublade nur für das recht flotte Debut "Ignorance" und die "Surf Nicaragua"-EP öffnen und schon beim Nachfolger "The American Way" zumindest zur Hälfte wieder schließen - und das nicht nur wegen der Open Mind-Hymne "31 Flavors":


Aber das war einfach schon immer eine verdammt coole Band und die beiden von vielen Betonköpfen kriminell unterbewerteten, weil vergleichsweise experimentelleren und groovigeren Alben "Independent" und "Heal" stehen in meiner Gunst sogar ziemlich deutlich vor "Ignorance". Und ich habe ihren über Jahre dargelegten Standpunkt, auch trotz ihrer Reunion keine neue Musik mehr veröffentlichen zu wollen, nicht nur jederzeit respektiert, ich war sogar hocherfreut: wenn die Band nicht glaubt, ihrem bis dato völlig unantastbaren Oevre eine weitere fehlerlose Platte hinzuzufügen, dann nehme ich ihnen das ganz bestimmt nicht übel. Streng genommen hätte sich so manch andere Band besser mal an jenem Ansatz orientiert, anstatt sich in müder Mediokrität zu ergehen. Kollateralschäden des Sinneswandels waren Drummer Greg Hall und Gründungsmitglied Jason Rainey. Ich halte beide Abgänge für sehr schwerwiegend, aber angesichts der Lässigkeit, wie sowohl die Metalszene als auch die Band selbst darüber hinweg ging, bin ich wohl entweder zu empathisch oder zu altmodisch. 

"Awakening" hinterlässt nun leider ein paar dunkle Flecken auf der bislang blütenweißen Weste. Das beginnt bei der zwar angenehm unmodernen, aber zeitgleich auch saft- und kraftlosen Produktion, die vor allem im Bereich der Rhythmusgitarre jede Schärfe und jeden Punch vermissen lässt. Das Hauptproblem hingegen sind die Songs. Die Band war dem Minimalismus sicher schon immer zugetan, aber das hier ist zu weiten Teilen schon frech unterfordernd. Gefühlt kommen Sacred Reich auf drei maximal harmlose Riffs pro Song, Gesangslinien, die dank steter Wiederholung schon nach dem zweiten Durchgang unfassbar nerven und extrem simple Hooklines, die nicht einen einzigen Song tragen können. Hinzu kommen mit dem drögen Südstaatenrocker "Death Valley" und "Something To Believe", einem dreieinhalbminütigen Nichts, das mich völlig ratlos zurücklässt, gleich zwei glatte Totalausfälle aufs Tableau - und alleine das ist bei einer Spielzeit von 31 Minuten einfach zu viel. Sowas veröffentlicht man eigentlich nur, wenn man wirklich gar keinen Bock auf gar nichts mehr hat. Und das traue ich dieser Band nicht zu. Nicht Sacred Reich. Nicht nach dieser Vorgeschichte. Was uns zur logischen Schlussfolgerung führt: es liegt also alles (wie immer) nur an mir. Muss ich mit leben.




Erschienen auf Metal Blade Records, 2019.

Kommentare:

Kracher hat gesagt…

Und so können Meinungen und Haltungen mal wieder auseinandergehen: Ich empfinde das fast schon soulige "Something To Believe" - es ist ein starker Song, auch wenn er den Bogen musikalisch wie textlich ganz schön weit spannt - als sowas wie 'ne Mischung aus 'Free' und '31 Flavors', die das Album als der etwas andere Song versöhnlich abrundet, und eher 1-2 der reinen Thrash-Rumpler als die Filler des Albums, auch wenn ich 'Death Valley' ohne Frage auch nicht so wirklich gebraucht hätte.

Darüber, dass das Album nicht auf Amrerican Way/ Independent/ Heal Niveau ist, brauchen wir nicht disktuieren, aber meine Haltung dazu ist mehr so "hätte noch schlimmer kommen können" und "dafür, dass ich kaum noch solchen Metal höre, dafür geht's mir ganz gut rein"... Auch bei dieser durchaus sehr besonderen Band.

Hauptproblem eigentlich auch, dass wir 2019 haben, Du bist heute anders als damals, ich bin heute anders als damals, Phil ist heute anders als damals, aber Thrash Metal ist ein so "zeitloses" Gerne, dass der Spagat zwischen dem eigenen Wurzeldünger treu bleiben und... nuja, sagen wir "neuzeitlicher (kreativer) Relevanz" in diesem Subgenre so schwieirg ist wie in kaum einem anderen.


In die Xentrix wiederum habe ich mich nicht mal reinzuhören getraut.

Flo hat gesagt…

An Deinem letzten Absatz ist schon was dran. Allerdings, wie angedeutet, geht es mir gar nicht in erster Linie darum, dass es "purer" Thrash sein muss, und eigentlich geht es mir auch nicht darum, dass gerade solche Bands immer überkreativ in ihren Genregrenzen sein müssen - aber ich möchte zu allererst schon ein entsprechendes Energielevel hören. Das höre ich hier einfach nicht, die Band ist tiefenentspannt. Ich verstehe das, ich finde das vermutlich auch sehr ehrlich - aber interessant finde ich es nicht. Was ich sagen will: ich möchte wirklich so viel Reflektionsvermögen aufbringen wie möglich und nötig, aber ich wehre mich schon einigermaßen vehement dagegen, immer nur alten Scheiß zu hören und abzufeiern. Aber ich denke, Du weißt, was ich meine...

Kracher hat gesagt…

Weiß ich total, ist bei mir ja ganz ähnlich, aber ich habe wohl aufgegeben bei einer solchen Altmetall-Veröffentlichung was anderes als alten Scheiß erwarten zu wollen. Sicher isses dann auch schön, wenn man mal positiv überrascht wird, aber.
Da bin ich dann halt sehr selektiv, an welchen alten Helden ich mich vielleicht doch noch mal erfreue, lasse sowas in anderen Fällen aber immer öfter auch einfach mal links liegen, denn es gibt ja auch genug andere, energischere Musik...

Flo hat gesagt…

Ich wurde dieses Jahr gleich von drei Platten oller Thrasher positiv überrascht (und die Acid Reign ist eine davon), das ist ehrlich gesagt mehr als ich erwartete. Zumindest reinhören muss ich in sowas. Du bist ja schon sehr umfangreich in anderer und neuerer harter Musik unterwegs, was mir fast komplett abgeht, weil das meist wirklich Musik für andere Menschen ist. Daher sind solche Ausflüge auf bekanntes Thrash Metal-Terrain meine beinahe einzigen ins Feld "harter" Musik und das triggert natürlich auch immer das romantisch verklärte, nostalgische Gefühlszentrum (ich kann mich davon nicht freisprechen, selbst wenn ich es versuche). Bin aber tatsächlich gespannt, was Du von einer weiteren Überraschung (Spoiler!) hältst: Meinungen zur Exhorder?

Kracher hat gesagt…

Kann man abkürzen:
http://krachundso.blogspot.com/2019/09/mourn-southern-skies-exhorder.html

außerdem: http://krachundso.blogspot.com/2019/10/war-ubrigens-sehr-nice-exhorder.html

Flo hat gesagt…

Sehe die Platte tatsächlich auch recht positiv. Die Despiktierlichkeiten über den Sound von "Slaughter" IGNORIERE ICH DANN ABER BESSER MAL, NE?!