26.04.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #156: Nudeswirl - Nudeswirl (1993)




NUDESWIRL - NUDESWIRL


"Der erste Eindruck, den das Walross auf den Betrachter macht, ist kein günstiger." (Brehms Tierleben)


Der eigenen kognitiven Dissonanz ein Trulala: Wenn ich mir vergegenwärtige, wie wenig mir professionelle Musikkritik seit über 20 Jahren bedeutet, und ich wegen meiner Ignoranz gegenüber ihrer entsprechenden Publikationen also fleißig am Untergang ganzer Redaktionen seit mindestens ebenso langer Zeit beteiligt war und bin, ist es erstens auf jeden Fall diskussionswürdig, seit 2007 einen Blog mit immerhin unprofessioneller Musikkritik am Kacken zu halten, und zweitens an der Grenze zum Schockmoment entlangtänzelnd, wie viele Platten ich in meiner Adoleszenz nur deswegen kaufen und hören konnte, weil es professionelle Musikkritik gab. Zugegeben keine, die über den Tellerrand von Rockmusik hinausblickte, aber dafür braucht's ja immer zwei: jemanden der darüber schreibt und jemanden, der es auch verarbeiten kann. Ersteres gab's in meiner Realität des Frankfurter Westens nicht, für zweiteres fehlten mir sowohl Kompetenz als auch Kapazität. Aber als Rock Hard-Redakteur Wolfgang Schäfer, in der Redaktion als Progressive Rock/Metal-Experte bekannt und zeitgenössischen Trends eher mit einiger Skepsis begegnend, das zweite Album von Nudeswirl mit 9,5 (von zehn) Punkten bewertete und als "ein echtes Muß für jeden, der Schlagwörter wie Seattle, Alternative und Noise selbst anno '93 noch einigermaßen aufgeschlossen gegenübersteht" adelte, war für den sechzehnjährigen Florian mit 3-Tage-Bart, Karohemd und Cobain-Frisur klar, was zu tun ist: ich muss unbedingt diese Platte hören. 


Hätte Wolle Schäfer also nicht außerhalb seiner stilistischen Komfortzone dieses Album bejubelt, wären wir alle heute nicht hier auf meinen 3,40qm. Ich schreibe nicht darüber, ihr lest nichts darüber. Es steht darüber hinaus zu befürchten, dass mir Nudeswirl auch später unbekannt geblieben wären, denn die Band verabschiedete sich von der Musikwelt sehr sang- und klanglos im Jahr 1995. Und da zeigt es sich wieder mal, wie wichtig Menschen sind, die Dir Musik näherbringen. Dummerweise gibt es gleichzeitig fast nichts Abgründigeres als Menschen, die Dir Musik näherbringen wollen. Diese Ambivalenzen machen einen fertig. 


Das Quartett auf New Jersey war für das, was der Weltgeschichte später als Grunge und Alternative-Explosion in die Annalen gekritzelt werden sollte, mit ihrem 1989 erschienenen und selbstbetitelten Debutalbum ein bisschen zu früh dran, um die mit etwas mehr Gravitas ausgestattete Musikindustrie auf sich aufmerksam zu machen, "The Real Thing" hin, "Louder Than Love" her. Aber nachdem "Nevermind" passierte und sämtliche A&Rs auf der Suche nach den neuen Nirvana waren, meldeten sich plötzlich Megaforce Records, das Label der mittlerweile verstorbenen Metallica-Entdecker Marsha und Jon Zazula und nahmen die Band unter Vertrag. Als schließlich 1993 das zweite und kurioserweise ebenfalls selbstbetitelte Album erschien, sahen sich Nudeswirl und Megaforce vermutlich eher mit dem Vorwurf konfrontiert, eine eilig gegründete und gesignte Retortenband ins Rennen zu schicken, um einen guten Sitzplatz am Tisch mit dem ganzen schönen Hype-Spielgeld zu erwischen. Was natürlich totaler Quatsch war, aber vieles war früher einfach totaler Quatsch. Die Band tourte unter anderem mit Danzig, Flotsam And Jetsam, Mindfunk und White Zombie und spielte sogar auf dem 1993er Dynamo Festival


"Nudeswirl" ist ein übersehenes Juwel der großen Alternative Rock-Bewegung der ersten Hälfte der neunziger Jahre. Die Band spielt einen sehr intensiven, dynamischen und mit allerlei psychedelischen Elementen verzierten Gitarrenrock, stilistisch eher an Bands wie Janes Addiction und The God Machine orientiert als an den punkigen Vertretern wie Nirvana oder den Melvins. Dominierend ist die melancholische Strömung, die sich selbst in den betont krachigen Momenten durch das ganze Album zieht und sich in Songs wie "Disappear", "Buffalo" und "Now Nothing" voll entfalten kann; in meinem Buch mit dem kleinen Underground-Hit "F Sharp" und "Sooner Or Later" sowieso einige der besten Songs der kompletten Dekade. Ich bin freilich völlig voreingenommen, wenn es um Musik geht, die mir soviel bedeutet, und ich habe außerdem nur wenig Phantasie dafür, wie eine Platte wie "Nudeswirl" heute bei einem Erstkontakt eines Millennials oder ärger noch: eines Zoomers aufgenommen werden würde - aber ich sag's jetzt halt: "Nudeswirl" will einfach nicht altern. Es begleitet mich nun seit über dreißig Jahren durch dick und dünn und klingt immer noch frisch, mutig und sagenhaft lebendig. Quer durch's ganze große Feld der Emotionen nimmt die Band alles mit, was sie kriegen kann. Bebende Spannung. Vibrierende Atmosphäre. Die Lust am Leben, mit allem und scharf. 


Vinyl und so: Ein bisschen überraschend ist es schon, dass sich bislang niemand zu der Entscheidung aufraffen konnte, "Nudeswirl" eine Wiederveröffentlichung zu spendieren - so bleibt es bis auf Weiteres bei der 1993 erschienenen Erstpressung für aktuell um die 50 Euro. Ich möchte außerdem darauf hinweisen, dass sich eine Anschaffung auch über die Musik hinaus nochmal extra wegen des außergewöhnlichen und stimmungsvollen Coverartworks lohnt.


Weiterhören: "Nudeswirl" (1989)






Erschienen auf Megaforce Records, 1993. 



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