20.11.2009

The Wonderful Thrash Metal-Gewinnspiel

Machen wir den Thrash-Laden mit einem schönen Gewinnspiel dicht. Es ist ganz einfach - aber auch sackschwer: hier unten sind sieben Artwork-Ausschnitte von Thrash-Alben aufgelistet. Ihr nennt mir einfach den jeweils dazu passenden Bandnamen und den Plattentitel und gewinnt mit ein wenig Glück anschließend eine tolle Thrash-Überraschung. 

Die richtige Antwort geht entweder in die Kommentarfunktion oder an dreikommaviernull[at]yahoo[dot]de

Einsendeschluss ist der 1.12.2009

Tätätätääää!

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08.11.2009

Verstaubt und Liegengelassen - Die Nachlese



Es ist immer dasselbe: man blickt zurück, schaut sich die endgültige Auswahl nochmal an und ist umgehend am Hadern. Wäre es nicht besser gewesen, vielleicht doch diese eine Wrath-Scheibe zu erwähnen? Was ist mit der ersten Indestroy, was mit den megaobskuren Haunted Garage, was mit dem Debut der räudigen Kanadier von D.B.C.? Oftmals sind eben nur Nuancen zwischen Platz 10 und Platz 11 zu erkennen, die den Ausschlag für die Top Ten-Platzierung geben. Ich hoffe dennoch, die letztendlich richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. Vielleicht hat der ein oder andere meiner Leser ja einen unentdeckten Schatz bergen können. 

Ein weiterer Stolperstein waren Platten bekannterer Combos, die aber in der Bewertung der Bands keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielten, die streng genommen eben auch "Verstaubt & Liegengelassen" sind. Bestes Beispiel: das Debut der Bay Area-Legende Vio-Lence. Vio-Lence sind in erster Linie wegen ihres Gitarristen Robb Flynn bekannt, der später Machine Head gründete, an zweiter Stelle steht das Major-Debut "Oppressing The Masses", das 1990 einige Aufmerksamkeit erhielt. Nur wenige kennen jedoch "Eternal Nightmare", das erste Album der Band aus den Jahr 1988, das zweifellos zu den zehn besten Thrashplatten aller Zeit zählt, ein regelrechter Orkan von einem Album. Wäre das hier nicht ein angemessener Platz gewesen, um darauf hin zu weisen? Ich entschied mich am Ende dagegen, aber vielleicht ergibt sich in der Zukunft nochmal die Gelegenheit, dieses Album zu besprechen.

Falls sich darüber hinaus jemand über die Fokussierung auf die Jahre 1990-1992 gewundert haben sollte: die Skepsis ist auf den ersten Blick durchaus legitim. Besonders vor dem Hintergrund, dass Anfang der Neunziger der Stern des Thrash Metal langsam aber sicher zu sinken begann - nicht zuletzt durch die Machtübernahme des Death Metal. Und wenn man schon von Old-School-Thrash spricht, dann sollte man meinen, man redet in erster Linie von den frühen Anfängen 1983-1985, wenigstens jedoch von der als Blütezeit des Genres bewerteten Phase in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre. In meiner Wahrnehmung beginnt die Blütezeit später, eben etwa um 1990 herum. Für die nächsten zwei bis drei Jahre sollten hier auch von den bekannten Acts die für mich besten Alben des Thrash Metal erscheinen. Allen voran das Abschiedsalbum von Dark Angel "Time Does Not Heal", Slayers "Seasons In The Abyss", Forbiddens "Twisted Into Form", der Cyclone Temple-Klassiker "I Hate Therefore I Am", die beiden Demolition Hammer-Meisterwerke "Tortured Existence" und "Epidemic Of Violence", der Höhepunkt in der Karriere von Sepultura ("Arise"), oder auch Nachzügler wie die Underground-Sensation Invocator, die 1993 mit "Weave The Apocalypse" tatsächlich noch zu vorgerückter Stunde einen Meilenstein 'raushauten. Der musikalische Unterschied zu den rauhen Anfangstagen liegt bei all diesen Scheiben auf der Hand und es ist letztlich eine reine Geschmacksfrage, welche Phase besser schmeckt. Die Spätphase des Genres beeindruckt einerseits durch technische Raffinessen, transparentere Produktionen, komplexeres Songwriting und mit einem durch gedrosseltes Tempo nach oben geschraubten Härte- und Intensitätslevel. Andererseits ergaben sich durch die Schnittpunkte zum aufkeimenden Death Metal interessante Vermischungen, wie sie auf den beiden erwähnten Demolition Hammer-Scheiben zu hören sind. Hier entfällt dann allerdings das "gedrosselte Tempo", dainsbesondere "Epidemic Of Violence" ob seines wahnsinnigen Geschwindigkeitsrausches nur noch verbrannte Erde hinterlässt. 

An dieser Stelle sei abschließend noch bemerkt, dass ich für Tipps in dieser Richtung sehr empfänglich bin. Wer also noch weitere vergessene Perlen in seinem CD-Schrank hortet und sie mit mir und der Welt teilen will: immer her damit!

"Schönen Sonntag!"(Peter Weihnacht)

P.S.: Stay Tuned for the wonderful Thrash Metal-Gewinnspiel!

07.11.2009

Entropy - Ashen Existence (1992)


Zugegeben, "Ashen Existence" war der größte Wackelkandidat für diese Top Ten-Aufstellung. Dabei machten Entropy aus Ontario, Kanada ziemlich viel - wenn nicht gar alles - richtig. Die Produktion ist womöglich einer der besten Thrash-Produktionen aller Zeiten, kristallklar und ultraheavy, die Riffs gleichen nicht selten einem wahren Orkan, die Songs sind vertrackt und doch nachvollziehbar, und ich habe mich mittlerweile selbst an den Gesang gewöhnt. Der wechselt nämlich wie aus dem Nichts von tiefen Death-Grunts, die ein bisschen an Chuck Billys "Demonic"-Performance erinnern, zu einem hohen, leicht heiseren Thrashgesang, der wie ein aggressiver David R. White der Bay Area-Legende Heathen klingt. Und wieder zurück. Und wieder hin. Und zurück. Das verwirrt mich. Was mich zusätzlich verwirrt: "Ashen Existence" erschien 1992 und ist mal sowas von Un-Old-School, dass ich zunächst skeptisch war. Das Quartett klingt unterkühlt und trotz der furiosen Ausrichtung ihrer Songs, die niemals auch nur im Ansatz schlapp werden, leicht steril. Ich habe das Gefühl, dass Entropy mit ihrem Sound gar ein paar Jahre zu früh dran waren (welch Abwechslung in einer Reihe von zu spät gekommenen...). "Ashen Existence" klingt eher nach einem Metal, der in der zweiten Hälfte der Neunziger gute Chancen auf den Durchbruch gehabt hätte. Mir geistern die ganze Zeit Fear Factory durch den Kopf, was ein Zeichen für die klangliche Verbindung zum Spätneunzigersound darstellen könnte. Dass "Ashen Existence" trotzdem in dieser Liste auftaucht liegt schlussendlich einfach daran, dass das Album schlicht viel zu eindrucksvoll ist, als dass ich darum herumkomme, es nicht zu erwähnen. Warum die Band an sechster Stelle einen reinen Death Metal-Track auf das Album gepackt hat, der klingt, als sei er direkt von einer angeschimmelten, 20 Jahre alten Demokassette gezogen worden, bleibt ihr Geheimnis. Aber den Schund kann man ja leicht wegskippen. 

"Ashen Existence" von Entropy ist 1992 auf Inazone Records erschienen.

03.11.2009

Denial - Antichrist President (1991)


Und noch eine Band, die Opfer ihrer eigenen Verspätung wurde. Denial tauchten Ende 1990 in der Szene auf und veröffentlichten 1991 auf Colossal Records ihr einziges Album "Antichrist President". Was für eine Verschwendung an Talent: eine taufrisch agierende Band, eine rohe, drückende Produktion, komplexe, qualitativ weit über dem Durchschnitt liegende Thrasher in Verbindung mit einem damals nicht gerade untypischen Comic-Cover sowie regierungskritischen, rebellischen Texten, die unter dem Eindruck des Einmarschs der Bush-Administration in den Irak entstanden sein müssen, hätten ein paar Jahre früher ausgereicht, um Denial einen gar nicht so üblen Platz in der Thrash-Geschichte zu überlassen. Heute weiß man: es kam alles ganz anders. Wer ein bisschen über den Tellerrand des Thrash-Mainstreams schauen möchte und auf die etwas ausufernden Songstrukturen des Frühneunziger-Thrash abfährt, es aber dennoch gerne rauh und wild mag, kann ruhigen Gewissens mit "Antichrist President" beginnen. 

"Antichrist President" von Denial ist 1991 auf Colossal Records erschienen.

24.10.2009

Savage Thrust - Eat 'em Raw (1990)


Auch wenn der Bandname Savage Thrust wenigstens im Untergrund etwas geläufiger sein dürfte als so manch andere Kapelle, handelt es sich immer noch um eine reichlich obskure Band. Das liegt weniger an der geringen Verbreitung von "Eat 'Em Raw", sondern an der tatsächlichen Musik, bei der ich mich nie ganz entscheiden kann, ob es sich dabei lediglich um größtenteils recht generischen Speed/Thrash Metal handelt, oder ob das ziemlich abgefahrenes Zeug ist. Einerseits erinnern die New Yorker vor allem dank der extrem hohen Stimme von Michael Smith an die frühen Agent Steel-Werke, sie gehen aber weitaus weniger straight als die kalifornische Speed Metal-Sensation vor und haben durch die krude Zusammensetzung ihrer Riffs und die verschrobenen Songstrukturen einen Vorsprung in Sachen Originalität. Savage Thrust bewegen sich zweifellos im Speed/Thrash-Umfeld, aber mir fällt partout keine andere Band ein, die so klingt wie sie: nichts scheint zu passen, die Songs wirken nicht stimmig, bestehen eher aus vermeintlich wahllos aneinandergeklatschen Riffs und Breaks. Erst nach ein paar Durchläufen kommt man hinter das Geheimnis dieses Albums. Denn auch wenn es einen Riesenspaß macht, "Eat 'em Raw" zu hören, und die schiere Ausgelassenheit der Band fast schon physisch spürbar ist, ist die alte Metal-Losung "Headbangen und Bier trinken" hier nicht angebracht. So gerät die Auseinandersetzung mit dieser Platte zu einer kleinen Herausforderung, und das in einer Umgebung, die es mit Herausforderungen für gewöhnlich ja nicht so hat. Das finde ich spannend und deshalb steht "Eat 'em Raw" auch zurecht in dieser Liste. Not your average Speed Metal band, indeed! 

"Eat 'em Raw" von Savage Thrust ist 1990 auf Avanzada Metalica Records erschienen.

18.10.2009

Impact - Take The Pain (1991)


Das muss eine der meistgesuchtesten Thrash-Platten aller Zeiten sein. Impacts Debut erschien 1991 auf dem legendären mexikanischen Label Avanzada Metalica Records (u.a. Morbid Saint), als sich die Firma praktisch schon mit eineinhalb Beinen in der Insolvenz befand. Daher gelangten nur wenige Exemplare in den Handel. Zudem geschah dies zu einer Zeit, in der der klassische Thrash Metal schon in den letzten Atemzügen lag. Diesen Faktoren mag es geschuldet sein, dass "Take The Pain" nicht wie eine Bombe einschlug, an der Musik kann es unmöglich gelegen haben. Impact spielen einen furios nach vorne preschenden Speed/Thrash Metal, der zweifellos seinen Platz in der zweiten Reihe der Thrash-Garde gefunden hätte. Der Opener "In The Flesh" hat gar das Zeug zum Genreklassiker: für diese Riffs würden andere Bands töten. Großen Anteil an der Qualität von "Take The Pain" hat zudem Sänger/Gitarrist Nathan Kane, der mit klarer und kraftvoller Stimme überrascht und für einige Querverweise in Richtung Agent Steel oder frühe Vicious Rumors sorgt. Angesichts des Erscheinungsjahres ist man darüber hinaus ob der sehr räumlichen, harschen Produktion durchaus überrascht. Regierten 1991 die unter dem Eindruck von Metallicas "...And Justice For All" entstandenen, komprimierten "Mitten Raus"-Sounds, die einerseits zwar fast immer sehr heavy waren, andererseits aber etwas poliert klangen, ist der Sound von "Feel The Pain" deutlich direkter, roher und wilder und damit besser als 90% aller übrigen Low-Budget-Releases. 

Wer nun Appetit auf dieses kleine Juwel bekommen hat, sollte sich Gedanken um die Auflösung des Bausparvertrags machen: für "Take The Pain" muss tief (und mit einem mittleren dreistelligen Eurobetrag meine ich wirklich tief!) in die Tasche gegriffen werden.

"Take The Pain" von Impact erschien 1991 auf Avanzada Metalica Records.

16.10.2009

Fantom Warior - Fantasy Or Reality (1987)


Eine reichlich mysteriöse Thrash Band aus der zweiten Hälfte der achtziger Jahre ist diese aus New Jersey stammende Formation. Alleine der Bandname und das furchtbare Cover von "Fantasy Or Reality" sind eigentlich ein gutgemeinter Hinweis darauf, einen weiten Bogen um diese Veröffentlichung zu machen, aber weit gefehlt: dieses 1987 erschienene Debut von Fantom Warior entpuppt sich als ganz klassischer Vertreter authentischen Thrash Metals mit großartigem Riffing und schnodderigen, leicht an Overkills Blitz erinnernden Vocals. Die New Yorker Institution ist darüber hinaus auch hinsichtlich der Songs kein schlechter Vergleich. Insbesondere der Rausschmeißer "Kill Rip Destroy" erinnert in der ausufernden Anlage an die immer leicht pathetischen "Overkill"-Feger oder auch an das erste, fantastische Hallows Eve-Album "Tales Of Terror". Vereinzelt lassen sich ergänzend dazu ein paar punkige Fetzen im Sound erkennen, die einen an frühe Nuclear Assault oder auch frühe Anthrax denken lassen ("Don't Criticize") und dem sympatischen Spirit dieser Scheibe natürlich bestens in die Karten spielen. Flüssiger, zügig auf den Punkt gespielter Thrash Metal, hörbar von der Ostküste der USA, der ohne ziellose Riffkaskaden auskommt und hier und da gar an klassischen US-Metal erinnert. 

Leider ist der Sound von "Fantasy Or Reality" recht bescheiden, echte Genre-Fans werden jedoch angesichts von Killertracks wie "Final Call" oder "E.R.C." gerne darüber hinwegsehen.

15.10.2009

Sacrament . Haunts Of Violence (1992)


Da war ich jahrelang der Auffassung, dass die Reihenfolge der zehn besten Thrash-Platten aller Zeiten eigentlich seit spätestens 1995 tief in mein angestaubtes Metal-Fundament einzementiert ist und plötzlich trifft mich dieses Album mit der sprichwörtlichen Wucht einer Abrissbirne und ich weiß: da muss ich nochmal nachdenken. "Haunts Of Violence" von den Christenthrashern Sacrament erhielt von classicthrash.com - das Paradies für jeden (Underground) Thrash-Fan - die Auszeichnung "the best thrash metal release that most people never heard of" und könnte tatsächlich die Nachfolgescheibe zu Forbiddens "Twisted Into Form" sein, wenn man deren Hitpotential mal ausblendet. Für einen Hit ist "Haunts Of Violence" viel zu vertrackt, viel zu technisch. Ein wahnsinniges Riffmassaker reiht sich an das nächste, die schwindelerregenden Breaks sind für selbst für geübte Ohren harter Tobak und nur dann nachvollziehbar, wenn man sich wirklich voll auf dieses Thrashfest einlassen mag. Dazu passt die knochentrockene, brettharte Produktion, die ihren Teil dazu beiträgt, dass Sacrament das Intensitätslevel über die gesamte Spielzeit am oberen Limit halten können. Das ist zweifellos anstrengend, aber es ist auch unfassbar geil.

"Haunts Of Violence" von Sacrament ist 1992 auf R.E.X. Records erschienen.

14.10.2009

Swineflu Over The Kuckucksnest

Wir unterbrechen unsere Übertragung für eine wichtige Mitteilung.

Blitz a-t vom 25.8.2009:"Schweinegrippe: Alles im Griff? (I)"

Blitz a-t vom 25.9.2009:"Schweinegrippe: Alles im Griff? (II)"

Und wie es der Zufall will, wurde mir just heute Morgen dieses Video von Youtube empfohlen:

Wie das mit den beiden obigen Dokumenten in Zusammenhang steht? Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Wirklich. 

11.10.2009

Overthrow - Within Suffering (1990)



Ein wunderbar rohes Stück blutigen Hi-Speed-Thrash Metals aus Kanada mit einer bewährt brutalen Produktion von the one and fucking only Scott Burns aus den Morrissound Studios in Tampa, Florida. Ich dachte nicht, dass ich tatsächlich nochmal ein derart obskures Juwel hören darf, bei denen Burns seine Finger im Spiel hatte, aber "Within Suffering" ist ein solch seltener Fall. Und er leistete auch hier selbstverständlich ganze Arbeit. Overthrow liefern dem Mann allerdings auch eine hervorragende Vorlage: an extreme Sadus-Bolzereien erinnerndes Gebretter mit weitgehend simplen, aber ungemein effektiven Riffs, eine höllische Geschwindigkeit und aggressive, rauhe Schreivocals von Nick Sagias, die "Within Suffering" in die Nähe der ersten Demolition Hammer-Großtat "Tortured Existence" und damit folgerichtig in das Grenzgebiet von Thrash und Death Metal rücken. Die Unbekümmertheit des Quartetts und die schiere Raserei der Musik sind neben der Produktion die beiden größten Pluspunkte dieses Albums. Im Dezember 2007 wurde "Within Suffering" von NHR Records neu aufgelegt und zusätzlich mit dem "Bodily Domination"-Demo aus dem Jahr 1989 versehen. Da die Originalversion auf Epidemic Records nur sehr schwer auf zu treiben ist,  eine durchaus lohnenswerte Anschaffung.

"Within Suffering" von Overthrow ist 1990 auf Epidemic Records erschienen. 

10.10.2009

Hellbastard - Natural Order (1990)


Britischer Thrash Metal konnte qualitativ nur selten vollends überzeugen und fristete damals wie heute ein Außenseiterdasein. Die bekanntesten (und besten) Vertreter waren sicherlich Onslaught, Sabbat und die immer wieder unterbewerteten Xentrix, die zweite Reihe mit Formationen wie Slammer, Acid Reign oder D.A.M hatte außerhalb Britanniens nur wenig zu melden. Das hätte alles anders laufen können, wenn die ursprünglich aus der Punk und Hardcore-Szene stammenden Hellbastard etwas mehr Glück gehabt hätten und stilistisch etwas berechenbarer gewesen wären. Ihr drittes Album "Natural Order" aus dem Jahr 1990 ist mit seinem reinrassigen, an Bay Area-Großmeister angelehnten Thrash Metal sozusagen das Außreißer-Album der Band, die ansonsten einen weiten Bogen um diesen Sound machte. Ironischerweise handelt es sich zumindest in meinen Ohren bei diesem "Betriebsunfall" um eines der fünf geilsten britischen Thrash-Scheiben aller Zeiten, und ich war bereits beim ersten Durchlauf völlig baff, wie es mir möglich war, dieses wirklich überdurchschnittliche Album jahrelang zu übersehen. Die Gitarrenarbeit ist insbesondere hinsichtlich der Soli locker reif für die Champions League, im Rhythmusbereich regiert ein nachhaltiges, stringentes Riffing mit vielen kleinen Details und einem überfließenden Ideenreichtum, hinzu kommt eine absolute state-of-the-art-Produktion, die umso mehr wiegt, wenn man das Aufnahmejahr bedenkt. "Natural Order" ist in seiner ganzen Ausstrahlung eine fast perfekte Symbiose aus erfrischender Schlichtheit und souveräner Raffinesse. 

Hellbastard haben sich 2007 reformiert und spielen heute als "legendary metal crust punks" sogar US-Touren. Man lernt nie aus.

"Natural Order" von Hellbastard ist 1990 auf Earache erschienen.

09.10.2009

Acridity - For Freedom I Cry (1991)


Zu einer kleinen Überraschung hat sich diese kleine Platte entwickelt. Ursprüglich 1988 aufgenommen, aber erst 1991 veröffentlicht, teilen auch Acridity  das Schicksal vieler Bands aus der fünften oder sechsten Reihe, die mit ihrer Musik ein paar Jahre zu spät dran waren und in der Folge keine Aufmerksamkeit mehr erhielten. "For Freedom I Cry" ist ein unerwartet intensives Album, das etwas unter seiner zu leisen und dünnen Produktion leidet, aber einige bärenstarke Thrasher mit dichtem Riffing und "...And Justice For All"- Melodieläufen bietet. Selbst der Gesang von Darrin Carroll erinnert hier und da entfernt an James Hetfield. Zu Beginn meiner Auseinandersetzung mit "For Freedom I Cry" hätte ich das Album nicht unbedingt als besonders herausragend bezeichnet, selbst wenn ich den Enthusiasmus und den Charme von Acridity schon früh nur schwerlich übergehen konnte. Nach einer Handvoll Durchläufen jedoch wurde ich angesichts großartiger Songspassagen und gar nicht mal unoriginellen Riffs immer öfter hellhörig. Mit einer besseren Produktion und dem tatsächlichen Release im Jahr 1988 hätte die Band aus dem texanischen Corpus Christi sicherlich mehr reißen können. 

06.10.2009

The Crucified - The Crucified (1989)


Im Zuge des Thrash Revivals mit jungen Bands wie Municipal Waste oder Fueled By Fire könnten die Christen-Thrasher von The Crucified heute etwas mehr Aufmerksamkeit erhalten als zur Zeit Ihres Bestehens. Die Wiederveröffentlichung ihrer beiden Alben (neben dem selbstbetitelten Debut erschien zwei Jahre später der Nachfolger "The Pillars Of Humanity") in einer Box mit unveröffentlichtem Material und beiliegender Live-DVD ist sicherlich ein guter Anreiz, sich im Jahr 2009 mit dem Quintett erstmals zu beschäftigen. Zumal ihr Sound heute durchaus wieder gefragt ist: The Crucified stürmen auf ihrem Debut durch vierzehn rasende Thrashcore-Attacken, die etwas weniger chaotisch als die Songfetzen von Cryptic Slaughter sind, qualitativ aber locker auf D.R.I. oder auch Acrophet(!!!)-Niveau liegen. Einzig Sänger Mark Salomon fällt mit seinem seltsam komprimiert klingenden Organ manchmal etwas ab, was durch die Masse an stürmischen Riffs mit Slayer-Touch aber locker wettgemacht wird. Und auch wenn der Sound durchaus mehr Schmiss und weniger Vakuum vertragen könnte: es riecht nach Schweiß, Moshpits und gebrochenen Nasen. Gott mit Dir!

"The Crucified" ist 1989 auf Tooth And Nail Records erschienen.

05.10.2009

Verstaubt & Liegengelassen

- Musik, die keine Sau interessierte

Früher oder später musste es ja so kommen. Ich oute mich hiermit als Anhänger des klassischen Thrash Metal aus der Zeit von 1985 bis 1993 und bekenne, dass meine Faszination für diesen Stil bis heute ungebrochen ist. Genau genommen befindet sie sich seit etwa drei Jahren sogar auf dem Höhepunkt, was sich besonders darin äußert, dass ich meine Thrash-Sammlung seit jener Zeit "sukzessive" (Bruno Labbadia) ausbaue und mit einiger "Wonne" (Veronica Ferres) tief in Internet-Archiven und längst vergessenen Labelkatalogen wühle, um übersehene oder aus dem Gedächtnis gestrichene Perlen dieses Genres zu entdecken. Das führt ab und an zwangsläufig zu kleinen Dummheiten, wenn es etwas kostspieliger wird als erwartet, aber der daraus gewonnene Spaß ist sowieso unbezahlbar. 


Vor einiger Zeit entstand vor diesem Hintergrund die Idee, die zehn besten "ungehörten" Thrash-Alben dieser Epoche zu präsentieren. Die Genre-Klassiker wie Dark Angels "Darkness Descends" oder Slayers "Reign In Blood" sind in den letzten 20 Jahren bereits zur Genüge (tot)diskutiert worden, also erschien mir das als wenig lohnenswert. Aber wer kümmert sich um die vergessenen, die Anti-Klassiker? Ich streifte also mein Thrashman-Supercape über und sprang aus dem Fenster.

Unten angekommen musste zunächst der Rahmen definiert werden. Wer ist "ungehört"? Wer ist vergessen? Und habe ich wirklich zuviel Zeit, wenn ich mir jetzt ein Projektmodell ausdenke? Absolut!

Erste Reihe, auch bekannt unter dem Namen "Die großen 4", unantastbar, einzementiert, selbst wenn es aus heutiger Sicht bei drei dieser vier Bands ja völlig absu*auf die Faust beiß*: Slayer, Metallica, Anthrax, Megadeth

Zweite Reihe: Exodus, Testament, Forbidden, Overkill, Dark Angel u.a.

Dritte Reihe: Xentrix, Sadus, Devastation, Sacrifice u.a.

Vierte Reihe: Mortal Sin, Wargasm, Cyclone Temple, Forced Entry u.a.

Disclaimer, bitte keine Morddrohungen schicken, lieber zu Hause darüber diskutieren: die kleine Auflistung soll keine Qualitätsabstufung darstellen, sondern in erster Linie eine Kategorisierung hinsichtlich des subjektiv gefühlten Bekanntheidsgrads der genannten Thrashbands erlauben. Kein Anspruch auf Vollständigkeit. 

Diese vier Reihen waren also für mein kleines Projekt tabu. Was mich interessierte waren die nachfolgenden Reihen fünf und sechs - wenn man sich anstrengt und beispielsweise Bands mit einbezieht, die ausschließlich Demo-Veröffentlichungen vor zu weisen haben und nicht über dieses Stadium hinaus gekommen sind,kann man sicher noch eine siebte und achte und neunte und zehnte Reihe entwickeln, aber dann stehen wir am Ende in einer Pisspfütze in Süd-Arkansas und schauen Mini-Amöben beim Musizieren zu. Außerdem wird dann mein Cape dreckig. Also lasse ich den Vorhang nach der sechsten Reihe fallen. Ich hoffe, das geht für Dich in Ordnung?! Ja? Na, ist doch super!

Als nächsten Schritt ging es um eine entsprechende Eingrenzung der in Frage kommenden Platten und die anschließende Auswahl, die mich eigentlich am meisten Nerven kostete. Wer darf mit, wer muss draußen bleiben? Vielleicht werde ich die (nun wahrscheinlich endgültig vergessenen) restlichen Werke in einiger Zeit nochmal gesondert vorstellen. 

Für die nächsten Tage gilt jedoch: die Top Ten der vergessenen Thrash-Perlen! Live! In Farbe!

Nobody really gives a damn, but me!


*standing ovations*

30.09.2009

Du Darfst


Mokira - Persona

Die ersten Minuten von "Persona" kommen meiner sprichwörtlichen Traumvorstellung von Ambient ziemlich nahe und lassen sich in Teilen durchaus mit Vladislav Delays "Whistleblower" aus dem Jahr 2007 vergleichen. Auch wenn Andreas Tilliander auf das erste Hören weniger Kratzer und Risse einsetzt und erst mit zunehmender Spieldauer etwas lebhafter wird, sind es in erster Linie die warmen Sounds, die mich wie Wellen langsam und sanft umspülen und in dieser Hinsicht an Delays Meisterwerk erinnern. Das klingt toll, und ich hätte absolut nichts dagegen, mit diesem Sound auf den Ohren entweder ein zu schlafen, oder ihn tagelang in Endlosschleife um mich herum zu haben. Das ist gar so einschmeichelnd und im besten Sinne einlullend, dass ich erst nach Minuten bemerke, wie sich die Platte verändert hat. Da ist plötzlich ein Bass, und ich weiß auch nach mehreren Durchläufen ums Verrecken nicht, woher der gekommen ist. Er spielt ein wenig mit einem Rhythmus, gibt einen kleinen Beat vor. "Persona" wird an dieser Stelle zum ersten Mal ein Stückchen konkreter und gibt eine schemenhafte Richtung vor. 

Tilliander bleibt bei dieser Richtung und weitet sie in den folgenden Tracks noch aus. Der pulsierende Unterwasser-Bass gibt den Herzschlag zu sirrenden Obertönen und geloopten Feedbacks, eine Kombination, die "Persona" überraschend hell und entmystifiziert erscheinen lässt. Und spätestens mit dem klinischen "Oscillations And Tremolos" ist jeder Schleier, jede Dunkelheit und jeder Zweifel verschwunden. Ironischerweise passiert das mit einem Stück, der angesichts seines im Vergleich eher schroffen Klangs den Schleier über die ganze Platte werfen könnte - und es letztendlich auch tut. Hier verzettelt sich Tilliander für meinen Geschmack ein wenig, "Persona" wirkt nicht mehr schlüssig und das abschließende "Invitation To Love" geistert wie eine halbfertige und nicht ernstgemeinte Remeniszenz an die Anfangsminuten umher, nur um irgendwie noch die Kurve zu kriegen. 

Ich lege "Persona" nichtsdestotrotz immer noch sehr gerne auf.

"Persona" von Mokira ist 2009 auf Type erschienen.

17.09.2009

Tango Fandango


The Life And Times - Tragic Boogie

Auch wenn ich nun schon mehrfach auf dieses wundersame Trio aus Kansas aufmerksam machte: ich könnt' schon wieder. Und mit Verlaub: ich tu's auch schon wieder. Nur kurz immerhin, aber ich kann nicht anders.

"Tragic Boogie" ist Musik aus einer anderen Zeit. Ins Musikjournalisten-Gequalle übersetzt hieße das wohl sowas wie "Sie stehen über der Zeit". Aber wer will sowas schon lesen? Sie? Ich nicht. Andreas "Kanzler" Kohl vom Exile On Mainstream-Label jedenfalls frohlockte neulich über das Jesus Lizard-Konzert in Berlin "Solche Bands werden heute einfach nicht mehr gebaut.", und ich könnte dasselbe über The Life And Times sagen. Ihre komplette Herangehensweise an ihren mit einiger Dramatik aufgeputschten Indierock ist getränkt mit 80er- und 90er-Jahre-Ästhetik: komplex, melancholisch, verweht. Dass das verwehte Element auch daher rührt, dass der Sound nicht zu knapp Volumen mit sich herumträgt und sich gefühlte 180 Gitarrenspuren die Klinke in die Hand geben, bon. Aber sie vergessen den Song dahinter nicht. Diese musikalischen, ich sag's jetzt einfach mal, weil's halt so doll richtig ist: Meilensteine schälen sich ganz zielsicher aus dem dichtesten Geknäuel empor und präsentieren sich besonders auf der komplett anbetungswürdigen B-Seite mit der Strahlkraft ganzer Säuglingsstationen. Ein behutsamer Aufbau, der den Weg als Ziel definiert, der sich gar nicht weiter aufblähen muss, weil die Stimmung es sowieso richten wird. Dann schlängelt sich "The Lucid Dream" eben mal minutenlang in einer rotglühenden Lavazunge unter der Erde entlang. Und Dir bleibt nichts anderes über, als bei 'ner Tasse Tee (ich weiß, es ist furchtbar klischeehaft, aber da müssen wir jetzt "gemeinsam"(A.Merkel) durch) die Augen zu schließen und - ja mein Gott, lass' es Dir halt gut gehen.

"Tragic Boogie" von The Life And Times ist 2009 auf Hawthorne Street Records erschienen.

Que Sera Sera

Tragic Boogie

16.09.2009

12.09.2009

Schinken Aharattamattatatamtamtam


Spain - The Blue Moods Of Spain

Ein kleines Schmuckstück aus der Indiewelt: Josh Hadens Spain-Debut "The Blue Moods Of Spain" aus dem Jahr 1995 findet sich seit einigen Wochen regelmäßig im Player wieder. Warum also nicht ein paar Zeilen darüber bloggen, hm? Frage ich Sie!

Der Sohn des Jazz-Bassisten Charlie Haden (u.a. Keith Jarrett, Ornette Coleman) hat hier eine neun Songs umfassende Sammlung von dunklen, melancholischen Schleichfetzen aufgenommen, die zur großen Überraschung eigentlich in jeder meiner Lebenslagen funktionieren. Vor allem - riesige Überraschung - zur Nacht jedoch entfalten sich die sehr intimen Aufnahmen vollständig: eine angenehme, sanft dahinfließende Welle von Wohlklang, optional eine große Wolke Prozac, auf der man sich nackt und in Butterschmalz eingerieben verlustiert, vorzugsweise mit adäquatem Sexualpartner. Grob gesagt: Fickmusik für Suchtgestörte. 

Nur die weniger gutgelaunten würden mit Begriffen wie "Monoton, öde und sacklangweilig" herumprotzen, aber die hören sowieso alle nur Onkelz und Wahlkampfreden von Angela Merkel und sind somit zu vernachlässigen. Wir Genießer vom Fach (Rumkugel, Sahne-Leberwurst, vermoderte Kniekehlen) indes kochen uns nachts um 3:00 Uhr nochmal 'ne schöne Kanne Stechapfeltee und starren wie in Stahlbeton eingesaugt in den mit Lack übergossenen Sternenhimmel, während die meist überlangen Tracks sich mit uns in die Lüfte schwabbern. Die beiden Highlights "World Of Blue", mit gerade mal vierzehn Minuten ein echter Smash-Hit, und das sogar von Johnny Cash gecoverte "Spiritual" (nicht, dass es ein Qualitätsmerkmal wäre, von Johnny Cash gecovert zu werden, aber ich habe noch 'ne Klammerbemerkung gebraucht und außerdem genug Nihilismus oder weiß ich was in mir, hier an dieser Stelle zu staten, dass keine Sau, also wirklich gar keine, irgendetwas von Johnny Cash hören, geschweige denn mögen muss, wüähä), reichen im Grunde für einen Rundflug völlig aus, das restliche Material ist schmückendes Beiwerk, das erst bei der Gesamtbetrachtung eine Rolle spielt. Die Platte ist furchtbar stimmig, die Songs hervorragend arrangiert, und es war 1995 sicherlich alles andere als "in", eine derart ruhig-sedierte Musik auf einen Markt zu hauen, der mit Alternative Rock und Crossover-Pissflitschen - natürlich nenne ich keine Namen, ich bin schließlich ein seriöser Blogger, der für Vodafone wirbt! - überfüllt war. Auch heute noch gewinnt "The Blue Moods Of Spain" genau aus dieser Haltung heraus sein Alleinstellungsmerkmal (OHO!) und seine Faszination (AHA!)

Eine kleine Platte mit großer Wirkung (TSEHE!). 

"The Blue Moods Of Spain" von Spain ist 1995 auf Restless Records erschienen.

06.09.2009

38 Stunden





MAGNUM - GOODNIGHT L.A.


August 1990, Flos Kinderzimmer. Mein Bruder Dirk steckt grinsend den Kopf zur Tür herein.

Dirk:"Wassen das?"

Flo:"Die neue Magnum."

Dirk:"Klingt doch gut."

Da lief gerade der Opener "Rocking Chair" dieser neuen Magnum-Platte, und ich war wenigstens skeptisch. Gut, als 13-jähriger hat man so manchen Aussetzer im Oberstübchen zu verkraften, und ich behaupte auch nicht, dass ich damals auch nur 20% der von mir gehörten Musik gerafft hätte - aber solche Erkenntnisse fallen einem ja immer erst ein paar Jahre später ein beziehungsweise auf. Als zwei Jahre zuvor das Cover von Magnums "Wings Of Heaven", dem Vorgänger zu "Goodnight L.A.", an Dirks Stereoanlage lehnte, war mein erster Gedanke tatsächlich jener, ob dieser schnauzbärtige Privatdetektiv aus Hawaii nun auch noch Musik machte, verbunden mit der Frage, wie die denn dann klänge, würde man mir die Frage mit einem "ja" beantworten. Natürlich beantwortete mir niemand diese Frage, weder mit einem "ja", noch mit einem "nein"; wie man sich in angemessener Weise zum Affen macht, wenn man zuviel Blödsinn denkt und ihn dann fatalerweise auch noch ausspricht, hatte ich in sechs Jahren Schulkarriere schon ausreichend geübt, also behielt ich diesen - wenn ja auch irgendwie niedlichen - Blödsinn ausnahmsweise für mich. Bei dem Weg: ist es nicht erstaunlich, wie lange es schon diese dämliche Eisspezialität mit Holzstiel gleichen Namens gibt?

Aber nun zu etwas völlig anderem.

Ich war also skeptisch, genau genommen kann ich mich noch daran erinnern, dass ich "Rocking Chair" beim ersten Durchlauf sogar ziemlich dämlich fand, was in erster Linie wohl an dieser seltsamen Rhythmik des Gitarrenriffs lag, nebst der eingesetzten Congas, Bongos und/oder Kofferraumdeckeln (Audi 80). Und das immer noch feist wirkende Grinsen auf Dirks Gesicht ließ gleichfalls nicht Gutes erahnen. Ich kannte diesen Blick und dieses Grinsen. Nämlich. Das bekam ich auch dann zu sehen, wenn ich mal wieder Metallicas "Master Of Puppets" mit der Melodie von Foreigners "Jukebox Hero" vor- und nachsang. Oder wenn ich Liveauftritte inszenierte und mir zur visuellen Unterstützung von Metallicas "Jump In The Fire" ein Flammenmeer aus feuerrot angemalter Pappe anfertigte, in das ich dann passend zum Refrain - genau: hineinsprang. Kurz: irgendwas schien hier nicht zu stimmen.

In den kommenden Jahren lernte ich jedoch zwei Dinge. Erstens: Magnum ist eine britische Rockband. Und zweitens: ich liebe diese Platte. Ehrlich. Bis zum heutigen Tag. Zugegeben: es hat ein bisschen den Beigeschmack von "Huiuiui, da habe ich aber ein paar hübsche Leichen im Keller.", aber meine große Schwäche für bombastischen AOR von Magnum oder auch für lässigen Bluesrock von Great White ist wenigstens mir ja seit einigen Jahren bekannt. Dass ihr sie nicht kennt..."Jagutääähh"(Der Kaiser), "strengt's euch halt mal ein bisschen an" (Guido "NEUWAHLEN" Westerwelle).

Magnums Plattenfirma Polydor wollte mit der Band endlich den amerikanischen Markt knacken. Dessen Interesse war bis dato durchaus gedämpft. Zum einen haftete der Band bedingt durch ihre früheren Arbeiten ein staubtrockenes Artrock- und Progressive Rock-Image an, von dem Ende der achtziger Jahre nunmal wirklich keine Sau etwas wissen wollte und zum anderen...naja, es waren eben Engländer, waren sie nicht?! Amerika befand sich im Guns'n'Roses/Ratt/Mötley Crue/Poison/Bon Jovi-Taumel, durchgerüttelt von wallenden, blonden Haarmähnen, zugekleistert mit drei Dosen Wella Flex pro "Kopf", vernebelt im Suff- und Heroinrausch. Wie man in dieser Situation von einer potentiell medial fast zum Kotzen langweiligen Band wie Magnum erwarten konnte, sie würde mal eben das Feld von hinten aufrollen, wenn man ihr nur einen amerikanischen Starproduzenten (Keith Olsen) und einen Hitsongwriter (u.a. Desmond Child) vor die Nase setzt, ist völlig schleierhaft. Rubrik "Vollprofis in Plattenfirmen".

Überraschung indes: dabei sind sowohl die Produktion als auch die Songs selber frei von jeder Kritik. Der Engländer würde nun den Ausdruck "flawless" verwenden und er wäre "damn right", wie wir Doofexperten sagen, ich mag mittlerweile ja sogar den rockenden Stuhl! Aber der Rest, Kinder! DER REST! "Goodnight L.A." ist feinster Rock-Pop oder Pop-Rock für das beste Radioprogramm aller Zeiten: arschglatt und dermaßen poliert bis wirklich kein Neutron mehr aus dem Sound hervorlugen kann, und das bei nur marginaler Bombastreduzierung. Wenn in "Mama" nach leisem Beginn die Gitarre volle Akkorde in den Song peitscht und das typisch-hallige Schlagzeug Fahrt aufnimmt, wenn in der kitschfreien Megaballade "Only A Memory" die mächtigen Chöre einsetzen und von einem schweren Megariff abgelöst werden, wenn der straighte Rocker "What Kind Of Love Is This" mit rauhem Bob Cately-Gesang und umwerfender Hookline eine zweite Seite eröffnet, die mit "Shoot" und "Born To Be King" zwei glasklare 10-Punkte-Songs präsentiert, dann erkennt der 13-jährige Florian vielleicht nur die herausragenden, zwar eingängigen aber ebenso anspruchsvollen Songs, während der XX[noch einfügen - d.Setzer]-jährige Florian die Größe der kompletten Produktion nebst der Arrangements und der herbeigeführten dunklen, schwer-glühenden Atmosphäre zu würdigen weiß.

"Goodnight L.A." ist in jeder Hinsicht eine Meisterleistung und in der Konsequenz natürlich tierisch gefloppt. Polydor strich sogar die angedachte dritte Singleveröffentlichung "No Way Out", weil die zweite Auskoppelung "Heartbroke & Busted" schon ordentlich baden ging und die erwünschte Chartplatzierung nichtmal im Ansatz erreichen konnte. Der harte Kern der Magnum-Fans hingegen ließ das Album ebenfalls kräftig durchfallen: viel zu poppig, viel zu kompakt, viel zu glatt, viel zu amerikanisch - und zumindest das war eben kompletter Humbug: selbstverständlich klangen Magnum immer noch typisch britisch, nur eben nicht mehr so steif und verkopft. Tatsächlich legte schon der großartige Vorgänger "Wings Of Heaven" (ebenfalls ein sicherer Kandidat für meine "Rotz und Wasser heulen auf die Knie sinken"-Ruhmeshalle) mit heruntergefahrenem Kitsch und einer Fokussierung auf naivere Dramatik den Grundstein für die hier fortgesetzte Entwicklung, auch wenn er noch deutlich klarer und rauher klang.

Und das Ergebnis von all dem? Es kamen keine neuen Fans hinzu, stattdessen verlor man einen nicht kleinen Teil der eingefleischten Anhänger. Im Grunde ist "Goodnight L.A." der möglicherweise entscheidende Bruch in der Magnum-Karriere: nach vielbeachteten Alben Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre und den Meilensteinen "Chase The Dragon", "Vigilante", "Wings Of Heaven" und vor allem "On A Storyteller's Night" waren sich die konservativen und sicherheitsbewussten Rockfans nach "Goodnight L.A." eben nicht mehr sicher. Noch einen Reinfall riskieren? Auf keinen Fall! Der Nachfolger "Sleepwalking" interessierte dann niemanden mehr so richtig. Ich glaube ja, dass die Band (die bis heute existiert, Platten veröffentlicht und auf Tour geht) sich seitdem nicht mehr von diesem Einbruch erholt hat. Und es ist natürlich nicht gering zynisch, dass dieser Einbruch gerade mit ihrer nach meinem Ermessen zweifelsfrei besten Platte erfolgte.


"Goodnight L.A." von Magnum ist im Juli 1990 auf Polydor erschienen.

31.08.2009

Zwischenruf (2)

Wer ein wenig Lust auf neue Musik hat, wird sich mit diesem Blogeintrag etwas autoben können.

Der ganze Downloadkack kann mir zwar grundsätzlich mal schön den Hoppel ausblasen, aber zum Entdecken der nächsten Sensation, deren Platten man sich dann mit desaströser Umweltbilanz aus Malaysia oder der Antarktis zuschicken lässt, ist es dann doch ganz hübsch. 

Das kanadische Indielabel Arts & Crafts bietet einen Labelsampler mit unveröffentlichten Songs ihrer Bands zum kostenlosen Download an. Hier zuschlagen --> Arts & Crafts

Und auch No Idea Records haben einen "Pretend Record"-Sampler 'rausgehauen --> No Idea Records

Gefunden auf yakyaks "Reeling Sichern"

Now Playing, übrigens: Hard-Ons - Yummy *schwelg*

27.08.2009

beatjazzhippie


Jackie McLean - 'Bout Soul

Es kostete mich einigen Schweiß - und ganz nebenbei auch noch ein paar Euros: Jackie McLeans "'Bout Soul"-Album wurde bisher noch nicht im Rahmen der Rudy van Gelder-Re-Issue-Serie wiederveröffentlicht, sodass ich auf einen LP-Import aus den USA angewiesen war. Und wo ich schonmal die amerikanische Wirtschaft ankurbeln sollte - der Dow Jones stieg tatsächlich am Tag meiner Überweisung um exakte 3,2% - dachte sich der Weltgeist: dann soll auch der deutsche Zoll noch sein Glück auf dem Rücken meines Kontos finden. Und zack, nochmals herzlichen Dank dafür. Ich nehme übrigens ab sofort Wetten hinsichtlich des Release-Datums der dann für 8,99 € feilgebotenen CD-Wiederveröffentlichung entgegen, es kann sich jetzt wirklich nur noch um Tage handeln.

Genug genörgelt. "'Bout Soul", aufgenommen in den den van Gelder-Studios am 8.September 1967, ist die vorletzte Session McLeans für das Blue Note Label, bevor er die Company nach der fantastischen "Demon's Dance" vom 22.Dezember desselben Jahres verließ. 

McLean begann schon in den frühen sechziger Jahren damit, sich in freien Gefilden um zuschauen, wohl unter dem Einfluss von Coleman einerseits (mit dem er auch später noch die "New And Old Gospel"-Session spielen sollte) und seiner damaligen Line-Ups andererseits. Besonders seine Arbeiten mit dem auf diesem Blog schon mehrfach erwähnten Posaunisten Grachan Moncur III - und hier vor allem in Kombination mit Bobby Hutcherson und Tony Williams - hatten in erster Linie hinsichtlich der Strukturen und Stimmungen die Nase in vielfacher Weise vorne, beziehungsweise oben. In diesem Zusammenhang sei auch auf die vor kurzem wiederveröffentlichte Aufnahme "One Step Beyond" aus dem Jahr 1963 hingewiesen, auf der McLean mit ebenjener Besetzung (am Bass spielt Eddie Khan) der Zeit schon meilenweit vorausgeeilt erscheint. Eine zähe, in manchen Passagen förmlich auseinanderfallende Platte, die mindestens so rätselhaft flackert wie "'Bout Soul". Auch hier findet man alte Bekannte: Moncur ist dabei, dazu gibt es den großartigen Woody Shaw an der Trompete, Lamont Johnson am Piano, Scott Holt am Bass und den unvergleichlichen Rashied Ali an den Drums. Es wäre sicher spannend zu erfahren, ob McLean besonders durch Alis Arbeiten mit Coltrane auf dessen späteren Alben auf den Drummer aufmerksam wurde. In den Linernotes lässt sich Jackie lediglich zu einem "[Ali is] especially interested in immediate improvisation and that's why he was perfect for that date. He can let himself go and can be continually inventive." hinreißen. 

Das Album hat auf mich eine mystische, kaum greifbare Faszination. Dabei ist "kaum greifbar" durchaus wörtlich zu nehmen: das Sextett ist irrsinnig schnell, nicht nur in seinen Sprüngen und Brüchen, sondern auch in den wendigen Themen, in seinen Andeutungen und Umrissen. So schnell, dass die Stücke wie vom Teufel getrieben an mir vorbei flitzen. Eine zerfledderte Grachan Moncur-Komposition eröffnet den Reigen, und "Soul" ist ein immer wieder von Barbara Simmons Gedichtrezitation diagonal durchkreuztes Stück Soul-Free-Jazz. Im Thema und im Klang durchaus Moncur-typisch in der Tradition verwurzelt, geht es aber hinsichtlich der Struktur und des gesamten Arrangements sogar weit über das hinaus, was ich "frei" nennen würde. Das Stück macht mich an schwachen Tagen fast wahnsinnig: es swingt an den unmöglichsten Stellen, es bricht abrupt ab, meist just in den Momenten, in denen man der Illusion erlegen ist, einen kleinen Strohhalm ergattert zu haben. Dazwischen jauchzt Simmons ihr eigens für Jackie McLean geschriebenes Gedicht und geht dabei immer wieder schöne Verbindungen und Ausbrüche mit der Musik ein. 

Die beiden folgenden Tunes "Conversion Point" (von McLean) und "Big Ben's Voice" (von Lament Johnson) haben sich über die letzten Monate zu meinen Favoriten entwickelt. Vor allem erstgenanntes, laut Jackie der Ursprung für ihre hier praktizierte Art der Improvisation, ist für mich tatsächlich eine Art Blaupause für seine Musik in den Sechzigern: frei und wild, immer auf der Suche, niemals stillstehend, immer weiter dei energetischen und tonalen Grenzen auslotend, verflixt schnell und sehr einig: wie ein Zirkel, der alle Musiker umschließt, der ihnen Sicherheit und Freude schenkt. Aber auch die Lament Johnson-Kompositionen (es folgt später noch sein "Erdu") und Scotty Hills Tribut an Nicky Hill, einen Saxofonisten aus Chicago, und John Coltrane, der nur gut sechs Wochen vor den Aufnahmen verstarb, das balladeske "Dear Nick, Dear John", fügen sich nahtlos in die gebündelte Aura dieses Albums ein. Und ich muss an dieser Stelle unbedingt nochmal Rashied Ali erwähnen: was macht der Mann da eigentlich mit seiner Bassdrum? Die Fußmaschine muss nach den Aufnahmen geglüht haben...

Es ist oft die Rede davon, dass man sich der Musik auf "'Bout Soul" öffnen müsse, um sie an sich heran zu lassen. Ich glaube, ich kann das bestätigen. Es fällt nicht unbedingt leicht, eine Verbindung zu ihren Songs und ihrem Ansatz zu finden, dafür sind beide Elemente schlicht zu vielschichtig, zu unkonventionell. Ich kam dahinter, als ich versuchte, hinter die Musik zu blicken, die Vision zu sehen, die Verbundenheit der Musiker zu spüren und zuletzt als ich mich ihnen einfach ergab: ich will das jetzt nicht mehr ausdiskutieren...trampelt bitte einfach nur über mich drüber, 's tritt sich schon fest. 

"'Bout Soul" von Jackie McLean ist 1967 auf Blue Note Records erschienen.

21.08.2009

Niemandsland


Mr.Cooper - What Else There Is

Im Grunde ist das eine sympatische Platte: ein schickes, der Musik angemessenes, wenn auch nicht ungeheuer originelles Artwork mit nächtlichen Großstadtbildern, keine Songtitel, kein unnötiger Schnickschnack hinsichtlich Linernotes oder affiger Dankeslisten. Die Ausgangslage ist also so schlecht nicht, dennoch liegt mir "What Else There Is" etwas schwer im Magen.

Dabei ist es gar nicht so einfach, an die Ursache heran zu kommen. Die Scheibe kann durchaus Spaß machen, dieser Hybrid aus Ambient, Dubstep, Electronica und Hip Hop. In den besten Momenten ist Mr.Coopers Sound an die vielleicht nicht ganz so besten Momente von Boards Of Canada angelehnt, dabei aber präsenter (positiv) oder aufdringlicher (negativ). Was für meinen Geschmack in erster Linie an den Beats und den Sounds ebenjener liegt. Die futuristische, dunkel-schleichende, mystische Ausrichtung des Albums (angeblich war der Film "Bladerunner" der Ideengeber dafür - was jetzt auch nicht unbedingt die sensationellste Idee des Jahrtausends ist), wirkt durch die betont straight gehaltenen Beats etwas anachronistisch, was durch die gar nicht üblen Soundscapes nicht mehr aufgefangen werden kann. Dafür steht der Rhythmus ein ums andere Mal zu sehr im Vordergrund und wurde dazu noch in einen Klang gepackt, der mich - ich kann mir nicht helfen - immer daran denken lässt, das sei alles ein gut gemeinter Chillout-Quatsch für Großdisco-Jüngelchen. Also genau das richtige für mich...

Aber immer langsam: das liest sich jetzt furchtbarer, als es tatsächlich klingt, und ich tue dem Engländer auch sicherlich über Gebühr Unrecht, wenn ich für sein zweites Album die Blutgrätsche auspacke. Die Platte kann bei mir besonders zur Nacht gerne auch zweimal zur Berieselung durchlaufen, für mehr klingt mir "What Else There Is" letzten Endes etwas zu angestaubt und zu trivial. 

"What Else There Is" ist 2008 auf Project Mooncircle erschienen.

14.08.2009

Rashied Ali >> 1935 - 2009

Der weltbekannte (Free)Jazz-Schlagzeuger Rashied Ali ist gestern im Alter von 74 Jahren in New York an einer Lungenblutung gestorben. 

Auf Frank Schindelbecks Jazz-Blog sind ein paar sehr sehenswerte Fotogalerien in einen Nachruf eingebettet:

KLICK

Now Playing: John Coltrane - Meditations :(

12.08.2009

Sagt, wo sind die Heizdecken hin...?


Various Artists - Crunchouse

Ich gehöre für gewöhnlich nicht zu den Menschen, die kulturell vergangenen Tagen hinterhertrauern, auch wenn ich nicht bestreiten kann, zu einigen musikalischen Terrains meiner persönlichen Vergangenheit ein mehr als nur inniges Verhältnis zu pflegen, und sei es auch nur phasenweise. Wenn es mal soweit ist, kommt mir nur selten etwas anderes auf den Plattenteller als zwanzig Jahre alte Scheiben und in schwachen Momenten bricht auch mal ein "So geil war's nie wieder!" aus mir heraus. Solche Erlebnisse hindern mich gottseidank (noch) nicht daran, auch kneedeep in aktueller Musik herum zu stapfen und in starken Momenten "So geil war's noch nie!" heraus zu trompeten. Ich denke also, es hält sich letztlich die Waage. Auch wenn mich zugegebenermaßen das Phänomen, in schöner Regelmäßigkeit in verklärte Romantik zu verfallen, mehr fasziniert als ich es an dieser Stelle zugeben mag. Zumal wir dann auch nochmal darüber sprechen könnten, ob es sich wirklich um "verklärte Romantik" handelt, oder um ein stabiles Fundament, das auf immer die wertende Ausgangsgrundlage für jede neue Musik darstellen wird und zu dem man eben immer wieder wie ein Jojo zurückflitscht. Was gar nicht so ungruselig wäre. 

Vermutlich muss man das im Einzelfall differenziert betrachten (sollte ich diese Formulierung nochmal benutzen, bitte eine formschöne Eisenstange an meinen Schienbeinen entlangschubbern; Firma dankt), aber dann sind's ja wieder Einzelfälle und was interessieren mich Einzelfälle? Im Grunde bin ich an stets gültigen Grundsätzen interessiert, "Ich will vollständige Tiere" (Jake Blues), oder wenigstens einen Cuba Libre, 'zefix!

"Crunchouse" ist eine Compilation des in Nordrhein-Westfalen beheimateten Glitterhouse Labels aus dem Jahr 1989. Glitterhouse lizensierten zur damaligen Zeit Bands von Labels wie SubPop, Amphetamine Reptile oder Treehouse für Europa und konnten dementsprechend für diese Zusammenstellung auf einen qualitativ formidablen Bandpool zurückgreifen. Neben mitunter bekannteren Kapellen wie den mächtigen Tad, Boss Hog, Mudhoney und Unsane gibt's hier auch Stoff für den fortgeschrittenen Undergroundler: Halo Of Flies, God Bullies, Surgery, Cows, Bastards, Helios Creed, First Things First und The Thrown Ups sind mit jeweils einem Song ihrer damals aktuellen Scheiben vertreten und können Romantikern schon das ein oder andere Tränchen in die Augen treiben. Hier schließt sich auch der Kreis zum oben kurz angerissenen Komplex: ich bin unzweifelhaft ein Kind des Grunge und mit Hilfe von "Crunchouse" nochmal an einen Zeitpunkt um 1989/90 zurück zu kehren, macht mich ehrlich gesagt gerade ziemlich wuschig. 

Ein dröhnender, mumpfiger, tonnenschwerer Sound, dreckig, und stinkend, abgefahren und trippig. Es feedbackt, es wah-waht, es phased, es blubbert und zischt. Irgendwo zwischen Hardcore und versifftem Garagenrock, zwischen Psychedelica und Black Sabbath hatten es sich monoton vor sich hinschlürfende Krachcombos in schimmligen und feuchten Proberäumen bequem gemacht und schon lange vor "Nevermind" versucht, alles um zu krempeln. Die ganze Tragödie, dass die Musik und Aussage, ja ein ganzes Gefühl einer ganzen Generation schon ein paar Jahre später von einer alles korrumpierenden Business-Welle aus rücksichtlosen Geschäftemachern, talentfreien Stümpern und einer außer Kontrolle geratenen Medienlandschaft ausgelöscht wurde und damit ins schon nicht mehr ganz so grüne Gras beißen musste, wurde mir erst sehr viel später bewusst: als ich diesen Sound Jahre später wieder hören und wieder entdecken wollte und er einfach nicht mehr existierte. 

Das mag auf den ersten Blick sehr wohl nach wehleidigem "Früher war alles besser!"-Gewimmer klingen, auch wenn ich es weiter oben eigentlich abgestritten habe. Aber ich lerne langsam aber sicher: ich will nicht die Zeit zurückhaben. Ich will noch nicht mal die Bands und Musiker zurückhaben. Ich will auch nicht mein Lebensgefühl von 1990 zurückhaben. Und schon gar nicht will ich mein altes Kinderzimmer bei Mama und Papa zurückhaben. 

Es ist die Musik! Ich will die Musik wieder zurückhaben...Hände hoch!!! Rückt sie raus!!

"Crunchouse" ist 1989 auf Glitterhouse Records erschienen.

07.08.2009

Ursache & Wirkung

Anthony Braxton, William Parker, Milford Graves - Beyond Quantum

Nur für den Fall, dass sie es nicht wussten: der Autor dieses Blogs besitzt innerhalb seiner 3,40qm einen CD-Player, der Platz für insgesamt 25 dieser überteuerten kleinen Scheißerle bietet. Das ist zunächst mal nicht so tierisch spannend, sieht man mal davon ab, dass er so groß ist, dass nur noch 1,20qm Sitz- und Gammelfläche für mich überbleiben (Übertreibung!). Aber es ist auch für mich immer interessant zu beobachten, wie sich die Bestückung dieses Kastens zusammensetzt, sich ändert...oder eben nicht ändert. Und jene Überleitung aus der großen "Sammlung der Überleitungen" (1995, Seite 127 ff.) führt uns zum eigentlich Thema: Anthony Braxtons letztjähriges Gipfeltreffen mit dem Bassisten William Parker und dem Schlagzeuger Milford Graves konnte sich seit Dezember 2008 einen Stammplatz in der Abspielvorrichtung ergattern. Und fast immer, wenn ich große Lust auf Freejazz habe, dann kommt "Beyond Quantum" zum Einsatz. 

"Beyond Quantum" ist im Grunde abstrakter, improvisierter Noise. Die drei Musiker spielen völlig frei und ohne jede kompositorische Einengung über fünf "Meetings" einen ungeheuer dichten Sound, der trotz Braxtons logischerweise oftmals im Vordergrund stehenden Spiels dem Hörer immer die Option lässt, sich auch andersweitig völlig losgelöst zu orientieren. Für mich liegt genau darin die Faszination: Braxton soliert fraglos furios, aber selbst in seinen lautesten und wildesten Passagen steht es mir immer frei zu switchen. Vielleicht zu Milford Graves, der einen manchmal architektonisch klaren Rhythmusteppich knüpft, manchmal aber auch (und hier besonders in Verbindung mit Parkers Bass) zu einem avantagrdistischen Brodelgewirr umkippt, das kaum zu durchdringen ist. Oder eben alleine zu William Parker, aus dessen Basssolo beispielsweise eine der interessantesten Teile dieses Albums entsteht: wenn in "Third Meeting" bei 7:08 Minuten Graves wieder einsteigt und kurz darauf auch Braxton den Startschuss gehört hat und beginnt, über Minuten hinweg zu schnattern und zu quaken, während Graves und Parker sich in schwirrenden Becken und Unterwasser-Toms mal vereinen, um gleich darauf wieder los zu lassen, wenn Parker um die Bassdrum herum massive Seifenblasen formt und sie scheinbar chaotisch herumblubbern lässt, wenn Graves hitzig vorwegstürmt, und Parker einem schleichenden Panther ähnelt. 

Braxton folgt all dem nicht nur, er gibt auch mehr als nur einmal die Richtung vor. Er schnaubt und trotzt, ist ungestüm, aggressiv und kämpferisch, aber findet trotzdem immer wieder Wege, meditativ zusammen zu fallen und das Beatgeblubber seiner Mistreiter mit süßen Tönen zu umschmeicheln, es zu unterfüttern. Und genau hier setzt ein interessanter Punkt an: trotz der losgelösten Impulse dieser Musik wirkt es, als laufe das Trio stur auf Schienen. Eine Kontrolle im Chaos, eine Struktur, die weder die einzelnen Musiker, noch ihre Instrumente oder gar die gesamte Improvisation tangiert, sondern sämtliche Komponenten des Werks umschließt. Eine Struktur, die aus dem Ganzen geboren wurde, die keine Unterschiede macht, die Ausreißer zwar duldet, aber sie keineswegs Konsequenzen ziehen lässt. Mancher mag im Detail die fehlende Dynamik bemängeln, und daraus resultierend auch besonders Braxtons Spiel als nicht immer inspiriert werten, was ich durchaus als legitim bezeichnen würde. Andererseits fasziniert die Ausstrahlung dieser großen Käseglocke, die durchzogen ist von kursiven Linien, von sprudelnder Farbe, von einem autonomen, weitläufigen Wesen, das sie zwar kontrolliert aber dennoch kraftvoll und leidenschaftlich atmen lässt. 

"Beyond Quantum" von Anthony Braxton, William Parker und Milford Graves ist 2008 auf Tzadik erschienen.

03.08.2009

Revolution & A Riot


Thievery Corporation - Radio Retaliation

"Any American who is prepared to run for president should automatically, by definition be disqualified from ever doing so."
Gore Vidal

"I believe that banking institutions are more dangerous to our liberties than standing armies. If the american people ever allow private banks to control the issue of their currency, first by inflation, then by deflation, the banks and corporations that will grow up around [the banks] will deprive the people of all property until their children wake up homeless on the continent their fathers conquered. The issueing power should be taken from the banks and restored to the people, to whom it properly belongs."
Thomas Jefferson

"Let fury have the power, anger can be power, d'you know that you can use it?"
Joe Strummer

"If our torment is to end, if liberty is to be restored, we must grasp the nettle even tho it makes hands bleed."
The Prisoner

"A modern revolutionary group heads for the television station."
Abbie Hoffmann

"You're only as young as the last time you changed your mind."
Timothy Leary

"The propagandist's purpose is to make one set of people forget that certain other sets of people are human."
Aldous Huxley

"This land is no one's land"
John Lee Hooker

"The conscious and intelligent manipulation of the organized habits and opinions of the masses is an important element in democratic society. Those who manipulate this unseen mechanism of society constitute an invisible government which is the true ruling power of our country."
Edward Bernays

"Those who make non-violent revolution impossible only make violent revolution inevitable"
Dr.Martin Luther King Jr.

"Anyone who has the power to make you believe absurdities has the power to make you commit injustices."
Voltaire

"Music is the weapon."
Fela Kuti



"Radio Retaliation" von Thievery Corporation ist 2008 auf ESL Music erschienen.

Die hier aufgeführten Zitate wurde dem Booklet von "Radio Retaliation" entnommen.

30.07.2009

Zwischenruf (1)


GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR

Wer heute, sieben Jahre nach dem letzten Studioalbum "Yanqui U.X.O." und gut vier Jahre nach dem offiziell eingelegten Dämmerschlaf der einzig wahren Postrock Band Godspeed You! Black Emperor deren frühe Platten hört, dem wird einerseits auffallen, wie leicht und lässig es sich auf die Knie sinken lässt, wie lässig und leicht sich die funkelndsten Freudentränen ihren Weg in die Außenwelt bahnen können und wie leidenschaftlich und kraftvoll instrumentale Musik sein kann. Dem wird andererseits aber leider auch klar werden, wie unfassbar uninspiriert, leidenschaftlos, plump, platt, banal, oberflächlich, stillos, orientierungslos und schlicht sacköde all die Legionen an gesichtlosen Nachahmern sind, die Jahre später und bis zum heutigen Tag all das so furchtbar frech wiederkäuen, was diese kanadische Ausnahmeband vor langer Zeit an das Klangfirmament pinselte. 

Und weil das alles so schön ist gibt es als Geschenk des Tages von mir für Euch unter folgendem Link einen Radiomitschnitt des Godspeed You! Black Emperor Gigs des 18.April 2002 im Paradiso zu Amsterdam, freundlich bereitgestellt durch den Mixing Desk-Blog

GYBE Live In Amsterdam

Viel Spaß!

28.07.2009

Die Ruhe Vor Dem Sturm


Bobby McFerrin - The Voice

Den meisten Menschen ist Bobby McFerrin sicherlich durch seinen 1988er Welthit "Don't Worry Be Happy" bekannt und nicht zuletzt dank dieses Songs befindet er sich bei wiederum den meisten Menschen eher in der "Humor"-Schublade abgelegt. Was zunächst nicht grundsätzlich verkehrt ist; nur die abgefeimtesten Lachknochen kommen angesichts McFerrins halsbrecherischer Stimmartistik nicht wenigstens von Zeit zu Zeit ins Schmunzeln. Fatal wäre es dennoch, würde man den Musiker auf das "Ein bisschen Spaß muss sein, beste Grüße ihr Roberto Blanco"-Klischee des immerfrohen Negers (Anfeindungen und Belehrungen bitte an zivilisiertewelt@silvioberlusconi.it schicken) reduzieren. 

In den Liner-Notes zu diesem auf McFerrins erster Solotournee durch Deutschland aufgenommenen Livealbum berichtet der 1950 geborene Sänger, dass er erst im Alter von 27 Jahren auf die Idee kam, allein mit seiner Stimme eine Bühne zu betreten:"I heard a voice inside my head telling me to be singer." McFerrin stammt aus einer sehr musikalischen Familie: sein Vater war der erste afro-amerikanische Opernsänger in der Metropolitan Opera in New York, und der Sprössling richtete in jungen Jahren seinen Lieblingsplatz unter des Vaters Piano ein, wenn jener Gesangsunterricht gab. Mit sechs Jahren erhielt Bobby Klavierunterricht, außerdem lernte er Flöte und Klarinette. Mit verschiedenen Gruppen tingelte er in den siebziger Jahren als Pianist jahrelang durch die Bay Area von San Francisco. Nach dem Wechsel zum Gesang konnte er sich im Rahmen seiner Combo Astral Projections künstlerisch nicht weiterentwickeln, woraufhin er sich zum kompletten Bruch entschied und alle Instrumente aus seiner musikalischen Vision entfernte.

"The Voice" ist ein beeindruckendes Zeugnis seiner stimmlichen und gedanklichen Virtuosität. Mithilfe von Schlägen auf seine Brust und seinen Kehlkopf baute McFerrin ein rhytmisches Gerüst, auf dem er mit schier wahnwitzigen Sprüngen zwischen Bass- und Sopranpartien herumtollte. Hinzu kamen Geräusche wie das hörbare ein- und ausatmen, Schnalzen, Rascheln und Zischeln, die sich in die Stimmcollagen nicht nur eingliederten, sondern zu einem fundamentalen, klangfärbenden Bestandteil seiner Musik wurden. Ralf Dombrowski stellte in seiner Rezension zu "The Voice" noch einen weiteren Faktor in den Fokus: McFerrins umfassende musikalische Bildung. "Sie erlaubte es ihm, an der Personalstilistiken anderer Musiker an zu knüpfen, sie zu imitieren, (...), zu integrieren und zu kommentieren." So konnte er beispielsweise "Blackbird" der Beatles "arpeggiohaft auseinander" nehmen, in "I Feel Good" die typischen Schreie von James Brown persiflieren, frühe HipHop-Elemete in "I'm My Own Walkman" anreißen, und im Bebop-Medley (unter anderem mit "Donna Lee" von Charles Parker) die Charakteristik des Saxofonspiels nachahmen.

Dass McFerrin seinen Vortrag immer wieder mit wirklich lustigen Elementen würzte, was das Publikum zu spontanen Lachanfällen mit Szenenapplaus verführte, ist nur ein weiteres dickes Plus einer Platte, die ein sympatisches, positives und musikverrücktes Flair versprüht.

"The Voice" von Bobby McFerrin ist 1984 auf Elektra erschienen.

25.07.2009

Die Welle

 

Exile - Stay Tuned EP

Mein Schnupperkurs in Sachen Exile. Diese Single stammt aus dem im Frühjahr 2009 erschienenen Album "Radio" und war mein Guiding Light, das nach mehrfacher Rotation mittlerweile ein sattes grasgrün anzeigt. 

Radioland re-visited. Aleksander Manfredi hat für seine Musik Stimmen und Sounds aus dem Radio gesammelt und sie in Verbindung mit Flying Lotus'scher Beatästhetik zusammengeführt. Es macht durchaus Sinn, die eigene Erwartungshaltung dieser Musik an zu passen, zumal hier nicht nach einem Durchgang alles gesagt ist. Exiles Musik hat Tiefe und Kompexität, vor allem in der unergründlichen, mystischen Klangbasis, als auch - und das ist viel interessanter - in der Wirkung. Ich wusste anfangs nie, in welchen Teil des mit Ether getränkten Wattebauschs Exile mich gerade hinführt, und ich konnte folgerichtig nie die verschiedenen Optionen erkennen, die Manfredi für mich bereithält. Und Hölle: es gibt viele Optionen in diesem Sound: Türen, die anfangs fest verschlossen waren, stehen wenige Momente später sperrangelweit offen, Gesichter, die eben noch hinter Masken schliefen, schweben plötzlich hellwach in den Wolken. 

"Stay Tuned", nebst den beiden ebenfalls auf dem Album vertretenen Songs "It's Coming Down" und "Were All In Power", ist wie eine große, wirre Betäubung. Nebulöse und verschwommene Collagen aus Jazz-, Soul- und Funktunes münden in das große Becken der versammelten Hip Hop-Durchgeknallten wie Prefuse 73, Madlib oder eben Flying Lotus und fassen sich unsittlich an. 
In diesem Zusammenhang: Marvin Gaye war ja pornosüchtig. 

Die "Stay Tuned EP" und das Album "Radio" von Exile ist 2009 auf Plug Research erschienen.




21.07.2009

Neunziger (3)


Nudeswirl - Nudeswirl

Erneut eine Platte, die in dieser Form nur in den neunziger Jahren erscheinen konnte. Auch wenn sich das Quartett aus New Jersey schon 1988 zusammenschloss und ein Jahr später mit einem Indie-Release debütierte, ist dieses 1993 veröffentlichte offizielle Debut der Kapelle ganz klar ein Kind der Alternative- und Grunge-Welle. Und ein verdammt Hübsches noch dazu. Der Geburtshelfer hieß übrigen Johnny Zazula, der die Burschen zum Megaforce-Label lotste.

"Nudeswirl" gilt unter Eingeweihten durchaus als Großtat einer Bewegung, die schon ein Jahr später mit Soundgardens "Superunknown" einen angemessenen Grabstein erhalten sollte. Die Band hatte einen unerhörten Drive und mischte zusammen, was zu jener Zeit auf den musikalischen Gassen zu finden war. Wolfgang Schäfer aus dem Rock Hard fasste es in seiner 9,5 Punkte-Review überraschend gut zusammen:"(...) vereinen NUDESWIRL die Gitarrenpower von Sonic Youth ('Three', 'Ringworm'), den Groove von Mindfunk ('Gordon's Corner', 'F Sharp'), das Feeling von Pearl Jam ('Disappear') sowie die punkige Attitüde von Nirvana ('Dogfood') mit Refrains der Güteklasse Warrior Soul und Saigon Kick ('Sooner Or Later')." Das darf ich trotz der grundsätzlich wenig pfiffigen Aufzählung so stehen lassen. 

Also alles nur geklaut? Au contraire, Chérie! Es ist unbestritten, dass Nudeswirl auf den damaligen Szenesound bezogen keinen goldenen Originalitätspreis einheimsen konnten, dennoch waren sie alles andere als plumpe Copycats. Das leicht nasale Timbre von Sänger Shane M. Green, die psychedelische Grundausstattung ihrer Songs mit freien, teils gar noisigen Elementen, Feedback und verwehtem Wah-Wah-Gewaber in Kombination mit erfrischenden, gar nicht düsteren oder gar depressiven Melodien und einem federnden Groove ließen das Album unüberhörbar mit eigener Stimme sprechen. 

Nudeswirl lösten sich 1995 auf. Seit einiger Zeit kursieren unglücklicherweise Gerüchte über eine angebliche Reunion....ich möchte davon ja nichts hören.


"Nudeswirl" von Nudeswirl ist 1993 auf Megaforce Entertainment erschienen.

17.07.2009

"Ich Bin Kein Tag Für Eine Nacht...

...Ein Abend In Holz"

So lautet der Titel des aktuellen Kabarettprogramms von Jochen Malmsheimer. Der Hausmeister aus Urban Priols und Georg Schramms ZDF-Sendung "Neues Aus Der Anstalt" betrat am 28.5.2009 die Bühne des Neuen Theaters in Frankfurt-Höchst. 

Der Kulturkanal des Hessischen Rundfunks strahlt am kommenden

Sonntag, 19.7.2009 ab 17:05 Uhr 

eine Aufzeichnung dieses Abends aus. Zu empfangen über den Livestream des HR2. 

Hier ist die Ankündigung des Senders, in der rechten Spalte ist auch der Link zum Webstream zu finden:

HR2 Jochen Malmsheimer

14.07.2009

My Pills...Quick


Thought Industry - Eine Werkschau

Flower don't cry tonight. Raspberries kissed your 
melting face. Flower please hold me tight. Caress my 
skin, blended as one. All wrong. My lover's gone. All 
wrong. I’ve lost her in the cornerstone of time. Tart meat 
cuts emerald lips. Parts and slits. Flower is sky. 
Raspberry feels cannot heal. Bleeds his soul. Kicks in her 
teeth. All wrong. My lover's gone. All wrong. I've lost her 
in the cornerstone of time. Love? All wrong. My lover's 
gone. All wrong. I've lost her in the cornerstone of time. 
All wrong. My mind is gone. All wrong. I've splattered it 
to the stars to the grave. All wrong.

(Thought Industry, "Cornerstone", 1992)


Thought Industry sind für mich eine der obskursten und interessantesten Bands der letzten 20 Jahre. Die Truppe aus dem Städtchen Kalamazoo im US-Bundesstaat Michigan debütierte nach ihrem selbstbetitelten Demo von 1990 zwei Jahre später mit ihrem ersten vollständigen Longplayer, dem wahnsinnigen Techno-Speed-Gewitter "Songs For Insects". Stilistisch mit Bands wie Watchtower oder den begnadeten Realm vergleichbar, bot das Quintett höllisch abgedrehten, vertrackten und breaklastigen Speed/Thrash Metal. Die originelle Stimme von Brent Oberlin, der sowohl die höheren Tonlagen meisterte, als auch von Zeit zu Zeit in einen wirren Sprechgesang abdriftete, in Verbindung mit poetischen und abstrakten "stream of consciousness"-Texten verlieh der Band ein akademisches, intellektuelles Gesicht. Dazu gab es mit den zehnminütigen "The Chalice Vermillion" oder dem Titeltrack variantenreiche Kompositionen mit Überlänge, die für einen ordentlichen Information-Overload im Oberstübchen sorgten. Ich glaube mitnichten, dass ich dieses Album bis heute auch nur im Ansatz verstanden habe, aber es macht - zumindest für eine Weile - immer noch einen tierischen Spaß, sich derart den Kopf verdrehen zu lassen. 

Das Konzept wurde auf dem 1993er Nachfolger "Mods Carve The Pig: Assassins, Toads, And God's Flesh" weitgehend beibehalten, bevor das 1995 erschienene "Outer Space Is Just A Martini Away" einen ersten Bruch im Klangbild darstellte. Die Band öffnete ihren Sound für Hardcore, Noise, Punk, Indie und Alternative-Einflüsse, was auf den ersten Blick für die damalige Zeit nicht unbedingt etwas ungewöhnliches war. Das interessante daran: Thought Industry schafften es, mit dieser Neuausrichtung nicht etwa ihren eigenen Sound zu verwässern oder ihn in einer weichgespülten, gefälligen Soße zu ertränken, sondern ihnen gelang es tatsächlich, ihr gesamtes Auftreten weiter zu entwickeln. Die wesentlichen, abstrakten Elemente, sowohl musikalisch als auch textlich, waren immer noch eindeutig zu identifizieren, nur mit dem Metal hatten sie nun nicht mehr all zu viel am Hut, eher erinnerten sie besonders auf dieser Platte in einigen Momenten an eine unpeinliche Faith No More-Version. Dabei ist "Outer Space Is Just A Martini Away" wie seine Vorgänger alles andere als leichtverdaulich, im Gegenteil: es ist anstrengend wie Sau, sich durch dieses Monstrum zu kämpfen. Vor allem im hinteren Drittel wimmelt es nur vor undurchsichtigen Strukturen, von Krach und von völligem Wahnwitz. Dem gegenüber stehen die wohl bekanntesten, weil im Ansatz eingängigsten Songs dieser Band:"The Squid", "Jack Frost Junior" oder "Love Is America Spelled Backwards". 

Me be itsy silly fluffy boy. Golly folly. Skippy
Trippie pixie slippy toy. Lolly polly. Shoot me.

(Thought Industry, "Boil", 1993)

Danach vollzogen Thought Industry eine weitere Richtungserweiterung mit dem melancholischen "Black Umbrella"-Werk, das seinen Schwerpunkt eindeutig auf Indie- und Alternative-Sounds setzte und in Grundzügen gar mit einer Band wie Pavement vergleichbar war. Heftige Eruptionen gehörten hier bis auf eine Handvoll Ausnahmen in der zweiten Albumhälfte der Vergangenheit an. Aber auch für "Black Umbrella" gilt: no one said it was easy! Was alle Thought Industry-Platten zumindest in meiner Wahrnehmung gemein haben: sie fordern dem Hörer vieles, wenn nicht alles ab. So kann ich sie - bei aller hier auch zur Schau gestellten Liebe - unter fast keinen Umständen am Stück und komplett durchhören. Ich mag diese Songs, ich mag diese Platten, ich mag diese Band. Aber ich bin nach einer gewissen Zeit schlicht mit ihrem Wahnsinn überfordert.

Mit dem nachfolgenden, opulenten Schwanengesang "Short Wave on a Cold Day", der nur in Amerika erschien und vor dessen Entstehung sich weite Teile des Line-Ups aus dem Staub machten und nur noch Oberlin seine Vision nun mit Vollgas verwirklichen konnte, änderte sich die Kapitulation nicht, obgleich es sich dabei möglicherweise um die versöhnlichtste Aufnahme der Band handelt. Waren die zwei Vorgänger vor allem durch Bitterkeit und Zynismus geprägt, erschien der Abschluss eine Spur freundlicher. Hinsichtlich der Qualität könnte man durchaus der Meinung sein, es handele sich um das beste Album der Band. Oberlin holt hier alles aus sich heraus und bündelt seine Stärken auf einem mit knapp 72 Minuten erneut viel zu langen Album: kompakte Songs mit großartigen Melodien, stringentes und klares Songwriting, dabei immer auf der Grenze zum Noise- und Schrammelrock balancierend und niemals kitschig oder sinnlos aufgepompt. Dafür mit wirklichen Songperlen wie dem 80er Jahre angehauchten "A Week And Seven Days", dem melancholischen "Lovers In Flames" oder dem poppigen Quasi-Radiofutter "Kiss Judy Fly". Die Dichte an fantastischen Songs ist wahrlich beeindruckend, was mir sogar etwas dabei hilft, die überlange Spielzeit etwas zu kompensieren. Mit "Short Wave On A Cold Day" entzogen sich Thought Industry darüber hinaus endgültig jeden Kategorisierungsversuchen, ihr Sound wurde nochmals einzigartiger. Der Kohleklumpen war nun definitiv ein echter, funkelnder Diamant. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Oberlin ausgerechnet nach diesem Meisterwerk das Licht ausknipste. 

"Man, he's so punk. Writes his own 'zine. Does basement 
shows. Plays in three bands; and he still finds time to 
love his Mom's wallet." - Coffee House Leech

(Thought Industry, "Pinto Award In Literature", 1995)


Interessant über die eigentliche Musik hinaus finde ich außerdem folgende Punkte:

Erstens blieb die Band über all die Jahre mit all den Neuerfindungen immer beim selben Label, nämlich bei Metal Blade. Spätestens ab "Black Umbrella" werwundert es schon, dass dieses eigentlich reine Metal-Label der Band noch die Stange hielt, trotz der vermutlich durchaus überschaubaren Albumverkäufe einerseits und einer Abkehr von typischen Metalsounds andererseits. 

Zweitens sind Thought Industry zwar seit einigen Jahren in den ewigen Jagdgründen, aber dennoch präsenter als zu ihren aktiven Zeiten, zumindest was die Verfügbarkeit ihrer Alben betrifft. Sowohl bei Ebay, als auch in jedem halbwegs akzeptablen Second Hand-Shop sind ihre Alben haufenweise auch für den kleinsten Geldbeutel zu finden, vielleicht mit Ausnahme des wie erwähnt nur in den USA erschienenen "Short Wave On A Cold Day". Vor allem "Outer Space Is Just A Martini Away" lehnt praktisch an jeder Straßenecke. Möchte nicht wissen, wie viele Scheiben Metal Blade davon noch im Keller stehen hat.

Drittens: die Fangemeinde. Thought Industry erreichten nie die große Masse, selbst für eine kleine Masse war ihr Sound wohl einfach zu abgedreht. Und als ihr Auftreten zugänglicher wurde, war das Kind schon in den Brunnen gefallen, da wussten vor allem große Teile der Metal-Gemeinde: Finger weg, wir raffen es eh nicht. Diesem Umstand ist es wohl zu zu schreiben, dass der eigentlich übliche Ruf nach einer Reunion hier verstummt. Nichtsdestotrotz gab und gibt es sehr wohl eine eingeschworene Gruppe von Fans der Band...ich stelle mir nur manchmal die Frage: wo sind sie geblieben? 

Zumindest einer davon schreibt Thought Industry für einen kurzen Moment in die Erinnerung zurück.

Strange & Beautiful.

11.07.2009

Bienenflügel


Stephan Mathieu - Radioland

Geöffnete Fenster, Mettigel-Alarm. Es ist heiß und der Rauhaardackel versucht vergeblich, diese Linsensuppe zu zerschneiden, die seit Tagen durch ihr Zimmer erbst. Es ist noch Bärchenwurst draußen. Wenn es ja nach ihr ginge, sie würde alle Öffnungen zur Herrensauna zumauern lassen. Sie ist kein Fenchelblättchen, aber sie braucht die Radmuttern, sie braucht die Hütchenspiele, selbst am Amen. An einem solchen Zebra wie heute fühlt sie sich immer gefetzt und frisiert. "Habe ich was Wichtiges gegessen? Klingelt es gleich an der Klobrille? Ich hätte ganz bestimmt noch den Batcave kacheln machen müssen, was?! Aahahaha!"

"Radioland" läuft. Sie hat Wundertüten über diese Küchenmaschine rauchen sehen, sie sei eine echte Ausnahmeverteilung. Für den HEY-HO-LET'S HUIUIUI fällt es zwar bumsi, sich schwubbern zu lassen und den Overschnick zu loosen, aber es ist ja auch noch Bärchenwurst. Und es könnte auch gleich an der DingDong korrespondieren, das darf man ja auch nicht verge...was? WAS?

...zielloses Herum-Max-Daxen. Hier ein Minzblättchen gerade schmücken, dort einen Mammut in den Obstkorb werfen. Wann muttert es endlich Rad? Warten...und dieser Scheißpanzer da unten, dieser Paul...in dieser Umgebung und unter diesen Vollidioten dieses leise Rauschen zu hören..."also manchmal raff' ich mich selbst nicht." Leises Kichern, dann Ruhe. 

Dann noch mehr Bärchenwurst!

"Radioland" ist angekommen. Es steht mitten im Schlüpper, unscheinbar zunächst, aber sie kann durchaus spüren "wie Niebel das ist." Außerdem blendet der Lendenschurz aus Bisam. In einer Lichtsäule rotiert es um sich selbst, steigt auf und dehnt sich aus. Fleischwurstwärme, Mett und Liebe. Fingerfarben strömen aus, sie fließen nun durch ihren Körper. 

Es wird suppig, ihre Milz kribbelt. Die Fenster schwitzen, der Feldsalat explodiert gemeinsam mit dem Panzer stumm in Millionen kleiner Glühwürmchen, die nun ihrerseits Cocktailstände eröffnen und kühle Erfrischungen mit Namen wie "Licht Und Finsternis Zum Auge" (Rum, Sahne, Leberwurst) oder "Auf Der Gasse" (Blue Curacau, Eierlikör, Paris Hilton, 1 ungelesene Ausgabe Cicero, geschreddert) darbieten. Ein Eichelhäher versorgt die anwesenden Gäste mit gesammelten Würmern aus der CDU-Parteizentrale und der ausgezeichneten Trockenpflaume von Philipp Mistfelder. 

Heute war's die ganze Nacht hell.

"Radioland" von Stephan Mathieu ist 2008 auf Die Schachtel erschienen.


06.07.2009

"...And This Is A Microphone"

Ursprünglich wollte ich ja an dieser Stelle eine kurze Aufzählung der absoluten Highlights aus nachfolgendem Video vor- wenn nicht 'runterbeten, bevor mir beim wiederholten Angucken dieses Schnipsels aus einer scheinbar anderen Galaxie klar wurde: das ist ja alles zu "schön", um "wahr" zu "sein". Aus diesem Grunde sei nur der kleine Hinweis gestattet, dass ab 2:16 nichts als laute Jubelschreie durch Wiesbaden hallen...

03.07.2009

Der Delta-Quadrant Macht Das Licht Aus


Voivod - Infini

Der Vorhang fällt. Mit "Infini" begeben sich die Großmeister des Science-Fiction Metal auf eine letzte Rundreise durch ihr Revier. Mit im Gepäck: die finalen Gitarrenaufnahmen ihres 2005 verstorbenen Gitarristen Denis D'Amour aka "Piggy". Nach dem Vorgänger "Katorz" das zweite Album mit einer etwas anderen Arbeitsweise. Die Band zerrte Piggys Riffs in den Mittelpunkt und baute die Songs um seine typischen, schrägen und verwehten Shreds herum auf. So entstanden 13 neue Tracks für die kleine, aber eingeschworene Fangemeinde. Also auch für mich. 

Zugegeben, meine Einschätzung des Vorgängers "Katorz" fiel im Nachhinein möglicherweise etwas zu euphorisch aus. So ist das eben im ersten Moment, wenn man als Fanboy etwas in den Händen hält, von dem man dachte, es würde niemals das Tageslicht erblicken. "Katorz" war aus heutiger Sicht von der wörtlich zu nehmenden Zerissenheit der Band und des grundsätzlichen Vorgehens hinsichtlich des Songwritings geprägt, ein Risiko, dessen sich die Band sicherlich bewusst war. Hinzu kommt, dass die Kanadier seit ihrem selbstbetitelten Comebackalbum aus dem Jahr 2003 die Redundanz zum Prinzip erkoren haben. Die Fixpunkte suchen sie nicht wie früher in der Zukunft (womit sie der Metal-Konkurrenz immer leicht und locker drei Schritte voraus waren), sondern in der eigenen Historie: "The Outer Limits" und "Angel Rat" mit ätherischen Nuancen des Klassikers "Nothingface" müssen seitdem als musikalische Salatbar herhalten. Es gibt beileibe schlechtere Auswahloptionen, aber von einer Band wie Voivod, die sich immer wieder so radikal und kompromisslos neu entdeckte, erwarte ich einfach kein Aufbrühen alter Schinken (wie das wohl schmeckt...?!).

Auch "Infini" bricht leider nicht mit dieser Entwicklung. Die Ausrichtung wird nachwievor von der frühneunziger Phase der Band bestimmt, dazu gesellen sich nun noch die beiden Vorgänger "Voivod" und "Katorz" als Referenz. Man weiß also mittlerweile sehr genau, was man bekommt. Diesem Umstand ist es letztendlich auch zu "verdanken", dass Voivod heute weitaus weniger abgefahren, innovativ und genresprengend klingen, wie es besonders in Szenekreisen immer wieder angeführt wird. Klar, im Vergleich zur tumben Power Metal Band ist das hier geradezu avantgardistisch, aber letzten Endes - machen wir uns nichts vor - reden wir immer noch von einer Metalband. Einer originellen Metalband, meinetwegen. Aber eben nicht mehr.

Folgerichtig sind es auf "Infini" in erster Linie die ob ihrer Anlage etwas aus der Reihe fallenden Songs, die eine Spur beeindruckender ausgefallen sind, als der Rest. Das zurückgenommene "Room With A V.U." beispielsweise, das vor allem soundtechnisch wie eine aufgepimpte Version eines "Angel Rat"-Songs klingt. In die gleiche Kerbe schlägt "In Orbit", bei dem es der Band hervorragend gelungen ist, eine melancholisch-entrückte Stimmung zu malen, ähnliches gilt für das klaustrophobische "Morpheus". Dazu gibt es noch zwei, drei gar nicht ungroßartige punkige, mit räudiger Motörhead-Note unterfütterte Brecher ("From The Cave", "Volcano"). Das klingt für den ersten Moment nicht schlecht, aber wir kommen ja noch zum Rest. Der ist in meinen Augen musikalisch durchschnittlicher Voivod-Metal von der Stange mit einem Spritzer Banalität, der mich eher kalt lässt, als dass er mich ärgert, textlich jedoch bisweilen kaum aus zu halten ist. Letztgenanntes ist vor allem deshalb unglücklich, weil man sich immer auf ihre spannenden Sci-Fi-Geschichten verlassen konnte, diesmal aber mit Banalitäten wie "Blah Blah Blah is all you say" oder "God Phones" abgespeist wird. Das ist schade. Musikalisch ist die Durchschnittsware allerdings pures Gift für das Gesamtbild des Albums: es ist viel zu lang. Insgesamt gibt es knappe 60 Minuten Musik zu hören, was gut 20 Minuten zu viel ist. Möglicherweise wollte man alle Reste, die Piggy hinterlassen hat auf diesem letzten Album verwenden, was einerseits legitim ist, andererseits der Sache einiges an Durchschlagskraft und Relevanz nimmt. Ein gerne unterschätzter Punkt, aber er ist der Nummer Eins-Kandidat bei der Beantwortung der Frage, was das Album als Kunstform an den Rande der Bedeutungslosigkeit getrieben hat. 

Was bleibt ist ein bisschen Traurigkeit. Ich hätte der Band für ihr letztes Album ein glücklicheres Händchen gewünscht, andererseits habe ich zum Abschluss immerhin fünf, an guten Tagen gar sechs neue Voivod-Lieblingssongs geschenkt bekommen. Die verminderte Erwartungshaltung hat zudem für die Band gespielt: man erwartet heute einfach keine großen Voivod-Platten mehr. "Solide" wäre früher blanke Blasphemie gewesen, um eines ihrer Werke zu beschreiben, heute passt es. Schon verrückt, das alles.

"Infini" von Voivod ist 2009 auf Nuclear Blast erschienen.