31.05.2014

Tanzschule



KEV BEADLE PRESENTS PRIVATE COLLECTION
Independent Jazz Sounds from the 70s and 80s

Die Liste der Platten, die teils schon seit Jahren auf eine ausführliche Behandlung innerhalb dieser 3,40qm warten, ist Legion. Und immer wieder dann, wenn ich vor dem Regal stehe und mir den nächsten Kandidaten für eine gemeinsame Runde auf dem Plattenteller aussuche, stolpere ich über genau jene Scheiben, die schon auf zig Notizfetzen, ob nun virtuell oder analog, verewigt wurden, auserkoren für drei halbsteife Sätze, die ich zu irgendwas prachtvoll erigiertem hochjazzen will. Weil's mir halt doch manchmal wichtig ist, sie zu würdigen - man verbringt bisweilen viel Zeit mit ihnen, verwächst mit ihnen und manchmal, im besten Fall, tragen sie mit dazu bei, dass sich das Leben ändert. Weil sie einen neuen Weg zeigen, weil sie inspirieren.

Für gewöhnlich stehen insbesondere die alten Helden aus meiner musikalischen Blütezeit auf diesen Notizen, wie kürzlich am Beispiel von Nirvana dargestellt, mit denen man nicht nur wegen einer anderen Lebenssituation als Teenager, Schüler und quadratpickliger Pubertätshohlklotz mehr Zeit verbracht hat. Dennoch lege ich wert darauf, dass ich mir die Begeisterung für Neues nicht madig machen lasse - nicht umsonst muss ich jedes Jahr aufs Neue darauf hinweisen, dass die vergangenen zwölf Monate aus musikalischer Sicht die besten seit circa immer waren. Das muss dann inhaltlich nicht mehr viel mit 1991 zu tun haben (und wenn es das täte, könnte ich mir meinen schönen Satz tatsächlich dahin tätowieren, wo die Sonne niemals scheint), aber man entwickelt sich ja weiter. Was ja auch so super ist: wenn 1990 ein Musikredakteur eine neue Metalplatte rezensierte und etwas von "Weiterentwicklung" schrub, wusste man, dass man besser die Finger von der Platte lässt. Heute ist Weiterentwicklung sexy und urban, manchmal geht sie auch horribly wrong, so wrong, wie man es sich nichtmal im ärgsten Alptraum hat vorstellen können, aber grundlegend ist das ja alles gut. "Weiter, immer weiter" wusste schon der Hulk des Fußballabiturs und heutiger mopsfideler Aasgriller O.Kahn ins Mikrofon zu sprotzen, und sofern man sich nicht mittels Überdosis Muskat ins Nirwana bröseln will, stimmt das ja auch.

Wir müssen auf alle Fälle über Kev Beadles Zusammenstellung teils obskurer Jazz'n'Funk-Leichen aus den 70er und 80er Jahren sprechen, und eigentlich wollte ich das schon im vergangenen Jahr tun. Genau genommen war die Doppel-LP fest für die Bestenliste 2013 vorgesehen, rutschte aber aufgrund des Sampler-Formats von der Agenda, verbunden mit dem dürren Gedanken, im Rahmen einer Art Nachglühkabinett jene Platten explizit vorzustellen, die es, gleichwohl wichtig und toll, aus welchen Gründen auch immer nicht geschafft hatten. Die Zeit rast - jetzt ist's beinahe Juni und so sehr ich mich um Konstanz (nicht die Stadt) bemühe, manchmal saust es halt doch schon ganz ordentlich an mir vorbei.

"Private Collection" ist das Ergebnis von Jahrzehnten harter Arbeit des britischen DJs Kev Beadle, der in den neunziger Jahren zusammen mit Gilles Peterson und Bob Jones damit anfing, dem Jazz auf die Tanzflächen Camden Towns zu helfen. Bei der Auseinandersetzung mit dieser Platte darf man sich von den gängigen Jazz-Klischees getrost verabschieden, und vor allem von denen, die sich durch den furchtbaren Mainstream-Jazz der Achtziger entwickelten. Weder handelt es sich um minutenlange Soloeskapaden, noch um wehenden Freejazz-Noise der wilden, freien Sechziger, noch weniger geht es um die gelackten und windelweichen Schulterpolstersakkoträger der achtziger Jahre, die ihr Saxofon manchmal nur dazu verwendeten, die Brötchenkrümel vom achteckigen, schwarzlackierten Frühstückstisch aus Marmor zu blasen. Und mit der unsäglichen Fusionmuckerwichse hat dieser hier präsentierte Sound auch nichts zu tun: das ist wirklich alles wirklich tanzbare wirkliche Musik. Wirklich. Keine Erinnerungen an James Last und keine weichgezeichneten Bilder aus der Glotze, die man vielleicht vom elterlichen Fernsehabend noch kannte. Dafür ist die "Private Collection" ein hochmusikalisches, manchmal exotisches, schwer groovendes, immer hell ausgeleuchtetes Abbild der damaligen Zeit und der Menschen, die in ihr lebten. Was es zu hören gibt, ist mal eine Spur bekannter wie Irakeres “Chekere Song“ oder der Smasher "Freedom Road" der Pharaos, deren "The Awakening"-Scheibe 2013 auf Ubiquity wiederveröffentlicht wurde, mal aber komplett unter jedem Radar: “Open Your Mind“ des Southern Energy Ensembles, über das man selbst heute fast nichts erfahren kann, außer dass im Jahr 1993 ihre einzige Platte (als Re-Issue?) auf Black Fire erschien, oder auch das großartige “Brotherhood“ von Kamal Abdul Alim.

Beadles Zusammenstellung lag zu zahllosen Gelegenheiten auf dem Plattenteller und es ist eine dieser Platten, die es seit dem Erwerb noch nie in das extra vorgesehene Jazz/Funk/Soul-Regal schafften. Immer griffbereit, immer in der Nähe im Neuheiten-Fach - man könnte ja auch mal kurzfristig Lust darauf bekommen. Jetzt, im sich langsam ankündigenden Sommer, wird sich daran auch nichts ändern. Fast schon ein Standardwerk, das allerdings, und auch darauf ist an dieser Stelle hinzuweisen, in jedem Format eine andere Songauwahl auffährt. Vinyljunkies bekommen neun Songs, CD-Anhänger derer zwölf und wer sich den Kladderadatsch als MP3 Download besorgt erhält gleich 16 Tracks.






Erschienen auf BBE Records, 2013.





25.05.2014

Monsters of Tanzbrunnen

Einen kleinen Nachtrag noch zum Nirvana-Kniefall des vorangegangenen Postings:

Ich stieß kürzlich auf dieses unten eingebettete und außerdem ganz ironiefrei wunderbare Video bei Youtube, das Nirvana am 24.August 1991 auf der Bühne des Kölner Tanzbrunnen zeigt, also einen knappen Monat vor der Veröffentlichung von "Nevermind". Der Anlass war das 1991er Monsters of Spex-Festival.

Hierzu sind drei Auffälligkeiten festzustellen:

Erstens: Cobain hatte, im Gegensatz zu der Zeit nach dem großen Erfolg, noch Bock auf "Smells Like Teen Spirit" und spielte den Song so, wie er vermutlich auch gespielt werden sollte.

Zweitens: wie geil die Songs von "Bleach" alle sind!

Drittens: wenn man sich das komplette Video anschaut, und die halbe Stunde darf man schon mal investieren, dann wird man feststellen, wie das Publikum mit fortschreitender Spieldauer immer weiter auftaut. Wo die Reaktionen während "Drain You" noch übersichtlich sind, und ich davon ausgehe, dass nur zwei Handvoll Zuschauer die Band bereits kennt, will man das Trio am Ende gar nicht mehr von der Bühne lassen - was in ein großes Pfeifkonzert mündet, als die geforderten Zugaben ausbleiben.

Und Cobains Gitarrenschmeißeinlage zum Ende des Sets ist großartig. Man achte auf die Gesichter der am linken Bühnenrand stehenden Typen. Es ist köstlich.







21.05.2014

OH SCHEISSE, DU LEBST!



NIRVANA - LIVE AT READING

Im Rahmen meiner Livereview (sowas müsste ich eigentlich viel öfter hier machen, ne?!) zum "Newermind"-Sampler aus dem Jahr 2011, und es löst weniger Schrecken denn Resignation aus, dass das schon wieder fast drei Jahre her ist, schrub ich:
Es ist nicht so, dass ich keinen Grund hätte, über Nirvanas "Nevermind" zu schreiben. Nachdem die Elogen zum zwanzigjährigen Jubiläum im Spiegel, in der TAZ, in der Süddeutschen sowie im Metzgerfachblatt "Tanz, Du Sau!" an uns vorbeigezogen sind, natürlich immer mit einer kaum bis extrem stark auffälligen Vermischung von redaktionellem Inhalt ("Sprachrohr einer Generation", "Verzweiflung", "So jung kommen wir nicht mehr zusammen!") mit plump und clever platzierter Werbung ("DIE DICKE JUBILÄUMSBOX ZUM JUBILÄUM! JUBILÄUM! JUBILÄUM! NUR 800 EURO! JUBILÄUM!"), könnte ich ja mal so tun, als ob sich irgendeine alte Sau noch dafür interessiert, was ich über "Nevermind" zu sagen hätte. Das Problem ist jedoch, dass ich mich nach zwanzig Jahren selbst nicht mehr dafür interessiere, wie ich über "Nevermind" denke.
"Nevermind" ist längst in meinen Knochen verbaut. Ich muss das nicht mehr mit allen verfügbaren Floskeln analysieren, zumal niemand, der die Explosion (zuerst) und die Implosion (später) live und in Farbe miterlebte, es jemals analysieren wollte. Es war einfach da, und es war überwältigend. Und das war mehr als ausreichend. Wir wären vermutlich alle wahnsinnig geworden, hätten wir wie vom Teufel getrieben unsere Gedanken und Gefühle reflektieren und erklären müssen. Es fühlt sich falsch an, über "Nevermind" heute noch mehr Worte zu verlieren.

Und, leicht pathosverstrahlt:
Ich weiß nicht, wem es nützt. Aber wer vielleicht ein letztes Mal hinter seine Songs und diese Wand aus Gitarren und einem donnernden Schlagzeug blicken will, der kann selbst in schwachen Momenten dieser Zusammenstellung viele beeindruckende und verbindende Elemente in "Nevermind" finden, die jede Veränderung und jede Lage aushalten. Eine Art universeller Aura, die in jedem Song mit glühender Leidenschaft erstrahlt.


Das ist in meinem Buch einerseits immer noch alles ziemlich richtig, andererseits ist es auch schon bemerkenswert, dass ich in diesen freien, unabhängigen und lediglich meiner Selbst verpflichteten 3,40 Quadratmetern außer diesen oben stehenden Zeilen noch nie ein nennenswertes und weiteres Wort über die vielleicht wichtigste Band meines Lebens verloren habe.

In meinem allerersten Blogpost überhaupt, und wir wollen uns jetzt galant anschweigen, dass der sogar schon knappe sieben Jahre zurückliegt, teilte ich "Nevermind" immerhin noch in die Reihe musikalischer Erleuchtungen ein:

Musikalische Erleuchtungen gab es in den Jahren 1982 (Roland Kaiser, "Santa Maria"), 1986 (Iron Maiden, "Live After Death"), 1991 (Nirvana, "Nevermind"), 1997 (Tool, "Aenima") 1999 (Neurosis, "Times Of Grace") und 2005 (John Coltrane, "A Love Supreme"), davor, dazwischen und danach allerhand Großartiges, Inspirierendes und zum Speien Furchtbares.


Das war's dann auch vorerst mit der Restverwertung und ich will mich mitnichten dazu hinreißen lassen, mir nun wirklich dreiundzwanzig Jahre später "Nevermind" explizit vorzuknöpfen. Aber, und das verdanke ich einer neuerlichen Tournee durch die Frankfurter Plattenläden und einem spontanen Impuls, dem ich bis zu jenem Freitag im Mai jahrelang aus dem Weg gehen konnte: wir müssen über Nirvana sprechen.

Wir müssen darüber sprechen, dass ich ohne Kurt Cobain heute keine Gitarre spielen würde. Dass ich ohne seinen Tod niemals mehr die seit 1989 in der Ecke vor sich hin staubende Akustikgitarre angefasst und mir mit der von MTV praktisch rund um die Uhr gesendeten "Unplugged"-Session das Gitarrespielen beigebracht hätte. Und Cobains Dropped-D Tunings bei "On A Plain" einfach nachmachte, ohne einen blassen Dunst von dem zu haben, was Kurt da treibt. Von Noten oder auch nur Akkorden hatte ich keine Ahnung, ich schaute einfach nur auf seine Finger. Und ich sang dazu - was mir, der Ausflug in die heutige Zeit sei mir an dieser Stelle gestattet, hinsichtlich der Koordination heute noch zu Gute kommt.

Wir müssen darüber sprechen, dass ich noch genau weiß, wo ich war, als ich zum ersten Mal "Smells Like Teen Spirit" hörte: es war im Wohnzimmer der frisch verkabelten elterlichen Wohnung, dunkelbraune Auslegeware, braunes Noppensofa (Mutmaßungen, was ein Noppensofa ist gerne in die Kommentarspalte), ein schwerer, gleichfalls dunkelbrauner Raumteiler so groß und schwer wie die verfickten Alpen. Halbgrauer Herbstnachmittag, MTV. Ich hatte noch nie einen Ton von dieser Band gehört, aber mir knallte alles durch. Ich sprang über die Noppen im Sofa abwechselnd auf den Sessel, auf die 2er- und 3er-Couch, setzte zum Torjubel eines Fußballspielers an und bremste auf dem krausen Teppich mit den Knien direkt vor dem Fernseher. Es tat nicht weh, das Adrenalin unterdrückte jeden Schmerz. Diese Kraft. Was für eine Kraft das war. Es war EIN SCHREI. Ich lief am nächsten Tag in den Frankfurter WOM und brauchte unbedingt diese Single. Die Augen des Tresenmannes leuchteten, und er sprach:"Hier ist die Single, aber nimm' Dir das Album auch mit. Das ist einfach, das ist....einfach UN-GLAUB-LICH! Alle Lieder sind so gut wie die Single, das ist einfach...einfach....WHOAH!" Er hielt dabei die CD in den Händen, aber die 33,95 DM waren für einen vierzehnjährigen zu teuer. Die 17,95 für die LP hingegen waren noch knapp im Budget.

Wir müssen darüber sprechen, dass ich in den kommenden Jahren zum Kurt Cobain-Fanboy und -Look-a-Like mutierte, der noch Jahre nach seinem Tod im Frankfurter Flughafen von wildfremden Menschen mit ihm verwechselt wurde ("OH SCHEISSE, DU LEBST!") und sein bis heute zweifelhaftes Modebewusstsein mit einer prima Karohemdensammlung schärfte.

Wir müssen darüber reden, wie arg mich "In Utero" mitgenommen hat und darüber, wie ich mir ein 90er TDK-Tape mit dem siebenminütigen Bonuskrach "Gallons Of Rubbing Alcohol Flow Through The Strip" in Endlosschleife aufgenommen habe, weil es für mich letzte, endgültige Essenz dessen war, was Nirvana darstellten. Und wie dieses Bild nie klarer als auf "In Utero" zu erkennen war. Vielleicht wirklich die letzte, wirklich große Punkplatte. Als Schlusspunkt. Was für ein Statement.

Wir müssen darüber sprechen, dass ich Konzertkarten für das Nirvanakonzert am 3.3.1994 hatte, ich seit Wochen und Wochen und Wochen und Tagen und Tagen und Tagen diesem Tag entgegenfieberte und am Morgen von meiner Mutter mit den heute noch in meinem Hirn jederzeit abspielbaren Worten geweckt wurde:"Floooriiii! Aufstehen!!! Das Nirvanakonzert fällt aus!". Und darüber, dass ich einige Stunden später im weißen "In Utero"-Longsleeve mit den anderen Jüngern im Chemie-Klassenraum stand und wir uns sicher waren, dass sie das Konzert nachholen werden. Ganz schnell. Ganz sicher. Ganz schnell. Ganz sicher.

Und wir müssen darüber reden, dass ich noch genau weiß, wo ich war, als ich von Cobains Tod hörte. Meine Eltern befanden sich im Osterurlaub in Reit im Winkl und vertrauten ihrem Sprössling die Aufsicht über die Wohnung an, wofür dieser sich mit einer, äh, kleinen Feier bedankte. Das war noch vor diesem ganzen Cocktailschrott, womit alles, was die Jungs und Mädels brauchten drei Kästen Bier, ein paar Päckchen Benson & Hedges und ein CD-Player war. Nachts um vier und mit vermutlich ebensoviel Promille lief die Glotze, und als jemand den Sat1-Videotext öffnete und die Schlagzeile "Nirvana Sänger Kurt Cobain ist tot." sichtbar wurde, wurde es plötzlich ganz still auf der Noppencouch. Und auf dem dunkelbraunen Teppich. Und auf dem Balkon. Und in der Küche. Und in dem Raumteiler.

All das wurde in den letzten Wochen wieder nach oben und ins Bewusstein gespült. Der Grund dafür heißt "Live At Reading" und es sagt schon wieder einiges aus, dass fünf Jahre ins Land zogen, bis ich mir die Platte kaufte. Und es sagt vielleicht noch mehr aus, dass ich diese Songs schon so lange nicht mehr hörte, möglicherweise auch nicht mehr hören konnte. Und wie unwirklich es scheint, dass ich im Jahr 2014 hier sitze und immer noch und schon wieder weggeblasen bin von dieser Kraft, dieser Wucht. Wie geil die waren. Und wie fett sie klangen, für ein Trio gleich noch beeindruckender.

Nirvana stehen seit fast zwanzig Jahren als Heiligtum in dem großen Alpen-Raumteiler in meinem Kopf, in Ehren, nur mit den besten, den allerbesten Erinnerungen, mit einer Standleitung in beide Herzkammern. Und mit einem immer noch präsenten Blick auf die unschuldige Zeit als Teenager. Ein Teenager, der sich zum rotschwarzen Karohemd den 8-Tage-Bart ins Davidoff "Zino" Parfum seines Bruders tauchte. Der aus zwei Stunden Geschichtskurs bei Peter Weihnacht ("Geht's Ihnen gut? -"Joa?!" -"Sehen Sie - wählen sie die CDU!"), zwei Freistunden in der Höchster Wunderbar zauberte und dabei "In Utero" auf dem Walkman hörte. Der knietief im ersten Liebeskummer stand und die B-Seite der "Heart-Shaped-Box"-Single - "Marigold" - und "Where Did You Sleep Last Night" über Stunden auf Repeat laufen ließ. Der mit der ersten E-Gitarre in seinem Zimmer stand, sich die Bühnenbewegungen Cobains von Livevideos abschaute und "Bleach", "Nevermind" und "In Utero" für ein imaginäres Publikum nachspielte und am Ende des virtuellen Konzerts die typischen, minutenlangen, ultrafiesen und megalauten Feedbackorgien nachstellte. Wie unfassbar tolerant unsere damaligen Nachbarn gewesen sein müssen.

Und doch - als ich 1991 "Nevermind" kaufte, liebte, zum Grunge-Kid wurde und Freunde meiner Eltern im gleichen Atemzug was von den damals zwanzig Jahre zurückliegenden Hochzeiten Led fucking Zeppelins und der Beatles erzählten, diesem angestaubten, granatenalten, langweiligen, mies klingenden Schrott aus einer anderen Zeit für andere Menschen und für eine andere Welt, da hatte ich noch nicht auf dem Schirm, wie genau diese Welt wohl im Jahr 2014 aussehen mag und was sich ein heute vierzehnjähriger wohl dabei denkt, wenn der Blog-Onkel, dessen 8-Tage-Davidoff-Bart heute hier und da schon grau anläuft, ihm was von dieser angestaubten, granatenalten, langweiligen, mies klingenden Schrottcombo Nirvana erzählt.

Es ist schon alles sehr crazy, wenn man sich's "imaginiert" (Polt).

Erschienen auf Universal, 2009.

18.05.2014

It's Like I Shine



DOUGHBOYS - CRUSH

Da muss der eigentlich geplante Aufsatz zur vielleicht wichtigsten Band im Florianschen Musikkosmos glatt um ein paar Tage verschoben werden. Grund: eine kurze Autofahrt zum Supermarkt. Die Sonne schien und im CD Player rotierte der von der Herzallerliebsten in Auftrag gegebene Autofahrsampler vor sich hin, und als sich TV On The Radios "Wolf Like Me" dem Ende entgegenlaserte und die Doughboys mit dem für alle "Feel Good"-Zusammenstellungen reservierten "Fix Me" loslegten, ging es mir nach den neuerlichen und direkt aus dem Höllenschlund herausgekotzten zwei Wochen des Wahnsinns mit schwerkrankem Hund und kranken Katzen inklusive besuchter Tierklinik und hinzugezogenem Tiernotarzt, für die kommenden knapp drei Minuten wieder besser. "Fix Me" steht auf "Crush", dem vorletzten Album dieser kanadischen Pop-Punkband aus Montreal und ist, wie die komplette Platte, ein sonnendurchfluteter Seelenschmeichler, ein musikgewordener Sonnenaufgang, ein Balsam für Ohren, Herz und Hirn.

Es war wieder mal mein Bruder, der mich Anfang der neunziger Jahre mit dem Quartett vertraut machte. Seit dem Debut "Whatever" aus dem Jahr 1987 ein beinharter Fan, der sich jede ihrer Platten aus Kanada importieren ließ, nachdem ihm sein Kumpel Martin ein zusammengestelltes Tape ins Autoradio wuchtete. "Crush" erschien, wie die kurz zuvor als Appetizer veröffentlichte EP "Blanche", auf dem Major A&M Records und zeigte die Doughboys in jeder Hinsicht gereift. Weniger Wohlgesonnene würden nun wahrscheinlich "geschliffen" sagen, und auch sie hätten Recht. Die Band lieferte auf "Crush" zwölf blitzsauber funkelnde Pop-Punk-Hymnen mit charmanter frühneunziger Indie-Schrammel-Grunge-Ästhetik("Disposable") ab, kompositorisch bis in die letzte Tonritze und Wortsilbe ausdefiniert, klanglich auf Weltklasseniveau, melodisch bis kurz vor Kitschhausen opulent ausgerollt. Kein Anwärter auf den "Flavour of the day", ganz sicher auch keiner für die wildeste Punkabfahrt aller Zeiten, dafür grundehrlich vor sich hin bratzelnd, melancholisch, mit wunderbaren Gesangs- und Gitarrenarrangements. Auf ganz vielen Ebenen also exakt mein Beuteschema.

Die offensichtlichen Hits dieser Platte heißen "Shine" (auch als Single veröffentlicht), das bereits erwähnte "Fix Me", der fulminante Ohrwurm "End Of The Hall" und "Melt", aber es sind auch die spannend arrangierten, angeschrägten "Neighbourhood Villain", "Shitty Song" und das großartige "Fall", die, wenngleich stilistisch etwas aus dem Rahmen fallend, "Crush" erst zu einer meiner Lieblingsplatten aller Zeiten machen. Auch hier gilt: solche Bands werden heute nicht mehr gemacht. Die Doughboys lösten sich nach der nächsten, leicht schwächeren und nochmal deutlich polierteren Scheibe "Turn Me On" auf. Mastermind John Kastner, vor seiner Zeit mit den Doughboys übrigens Sänger bei den Asexuals, komponiert und produziert heute Soundtracks für Filme und TV-Shows und -Serien, ist Manager der Men Without Hats (!) und veröffentlichte 2006 sogar ein Soloalbum.

Beim Stöbern auf Youtube fand ich diese Show von 1994 und wer Lust hat, der möge mal ein Auge drauf werfen. Macht Spaß. Vielleicht. Also: mir macht's Spaß.














Erschienen auf A&M, 1993. 

04.05.2014

Tout Nouveau Tout Beau (10)


Krassofant: seit über einem halben Jahr gab es keine "Neue Besen kehren gut"-Rubrik mehr hier zu lesen. Der Thrash Countdown und der Top 20 Countdown haben nach Opfern gerufen, und sie mit den neuen Besen auch bekommen. Skandalös.

Machen wir also mal wieder mit drei neuen Scheiben weiter, die sich mittlerweile im Regal tummeln.




ACTRESS - GHETTOVILLE

Der Blätterwald der elektronischen Musik brachte für Darren Cunninghams neues Werk "Ghettoville" ordentlich die Hypemaschine ans Bratzeln; der Brite ist nicht zuletzt aufgrund der dargebrachten Zuneigung der schreibenden Zunft einer der Stars der Produzentenszene. Und selbst wenn sein letztes Album "Splazsh" es immerhin auf Platz 18 meiner Bestenliste des Jahres 2010 brachte, hinterließ es dennoch einen verwirrten Florian, der im hochkomplexen Abbild von dick aufgeschlagenen Grautönen mit minimalen Farbblitzen verloren ging. "Ghettoville" packt der Herausforderung, sich seiner Musik zu nähern, nochmal eine Schippe drauf, wenngleich es sich stilistisch ein wenig homogener als der Vorgänger präsentiert. Cunningham taucht hier noch tiefer in undurchdringbares Beatgestrüpp ein, spielt mit kontrastierenden Szenenwechseln und Fluchtpunkten und setzt die Gesamtwirkung dieses monumentalen Albums, das 16 Tracks über 3 Vinylscheiben verteilt, in den Fokus. Das kann also noch was werden, für den Moment muss ich aber hier die Segel streichen: ich raffe "Ghettoville" noch kein Stück, aber die Puzzleteile erscheinen übersichtlicher als jene von "Splazsh".

Erschienen auf Werk Discs, 2014.




SEGUE - THE HERE AND NOW

Wie schon beim Vorgänger "Pacifica" brauchte es auch bei "The Here And Now" den Hinweis von Kumpel Oli, ohne den mir das 2014er Premierenalbum des kanadischen Produzenten Jordan Sauer wohl zumindest fürs Erste durch die Lappen gegangen wäre. "Pacifica" war vor allem aufgrund seiner Abstraktion ein Juwel des vergangenen Jahres, weil es Schönheit und Freiheit aus der Ferne behandelte und dennoch so wärmend und auch tröstlich erschien. "The Here And Now" macht mir das Leben etwas schwerer: der Melodienanteil ist deutlich nach oben geschraubt worden und insgesamt schielt mir "The Here And Now" ein bisschen zu sehr auf das Indie-Metchen, das mit Strohballen auf dem Kopf und Designer-Sonnenbrille auf der Nase die Festivalsaison begehen wird. Und ich mag weder Indie-Metchen, noch Festivals. Vielleicht ist's aber auch nur meine falsche Programmierung im Kopf, die mich nicht die totale Abhuldigung durchziehen lässt - und was falsch programmiert ist, kann man auch wieder richtig programmieren. Was mit dem VHS-Videorekorder von 1983 klappte, klappt schließlich auch in meinem Hirn. Denn was trotz der folgerichtigen Auflösung der Abstraktion auch für "The Here And Now" stimmt: Segue's Musik ist immer hörenswert und seine Mischung aus Dreampop, Ambient und Dub-Techno ist selbst knietief im Kitsch watend noch wunderschön.

Erschienen auf Sem, 2014.




LEON VYNEHALL - MUSIC FOR THE UNINVITED

Ganz im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Alben hat mich das neue Album (6 Songs, 36 Minuten Spielzeit, und ja: für mich ist das ein Album) von Leon Vynehall sofort mit großem Doppelfisting umgeboxt. "Music For The Uninvited" ist der Soundtrack für den Frühling und den Sommer, und wenn meinereiner noch wenigstens im Ansatz fühlen könnte, wie sich ein euphorischer Einstieg in die Zeit mit Temperaturen über 15°C noch vor 5 Jahren agefühlt hat, dann würde ich nackig durch Sossenheim rennen und mich vom gestern erstmals entdeckten vollgesoffenen Nazi-Pärchen vermutlich verprügeln lassen. Kein Raum für Gewalt oder auch nur trübe Tassen auf "Music For The Uninvited": Vynehalls Deep House ist vollgepackt mit Glücksblüten aus dem Garten Eden, Pollenflug, unbefleckte Empfängnis, hemmungsloses Gerammel mit Frau Adam und Herrn Eva. Sie wissen schon. Ein Track wie "Be Brave, Clench Fists" trifft einen trotz der für gewöhnlich nicht über Gebühr tiefgehenden und anspruchsvollen Housemusik regelrecht ins Herz und lässt dort einen Impuls fallen, der mich wieder an dieses seltsame Leben erinnert. Und an die Musik. Und an die dazwischen liegende Verbindung, die manchmal durch die innere und äußere emotionale Kälte einfach nicht anpingbar ist. Vynehall schmeißt dafür den Schwerelos-Dampfreiniger an.

Erschienen auf 3024, 2014.