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13.09.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #145: Nymphs - Nymphs (1991)




NYMPHS - NYMPHS


In Erinnerung an Inger Lorre. (1963 - 2024)


“It’s a man’s world and, every day, I get reminded of the fact. I’ve had to fight the record company every step of the way. I’ve had to constantly remind them that I’m an artist, not a blow-up doll. They’re always handing me this crap that we could sell a million right off the bat if we had done this and if I posed like that or if I had worn that.” (Inger Lorre)



Es ranken sich so viele wüste Mythen um diese legendäre Band, dass ich gar nicht weiß, mit welcher Geschichte ich zuerst beginnen soll. Und als wäre das nicht schon Herausforderung genug, sollten im besten Fall noch ein paar Worte über die Musik ihres Debuts verloren werden; wenn ich auf den Spuren Roger Willemsens wandeln würde, für den die Herstellung von Präzision beim Schreiben das vornehmste Ziel war, gäbe es Tage, an denen ich es einfacher fände, mit ebenjener Präzision einen technischen Bauplan für ein Atomkraftwerk zu entwickeln, als über "Nymphs" zu schreiben. Ich kann an die Sache freilich immer oberflächlich rangehen, aber hey - Wo bleibt da der Spaß? Und erst recht die Verzweiflung?


Die Nymphs wurden 1985 von Sängerin Inger Lorre und Bobby Belltower in New Jersey gegründet. Nach ihrem Umzug nach Los Angeles, der außerdem auch den Beginn von Lorres Heroinsucht markierte, und einer Reihe von überaus wilden Liveauftritten, die der Band einen so aufregenden Buzz wie zweifelhaften Ruf nebst Auftrittsverbote einbrachten, gewann das Majorlabel Geffen Records 1989 den Bieterwettbewerb um die Nymphs und legte zunächst 900000 Dollar für die Vertragsunterschrift und später eine glatte Million für die Produktion des Debutalbums auf den Tisch. Dass ihre Band überhaupt auf einem Majorlabel landete, war für Lorre stets ein Mysterium: 


“I was surprised that a band like the Nymphs got signed to a major label. It was hilarious considering that all of our songs have one or two chords and were all about drugs and suicide. At first, Tom Zutaut [A&R-Manager, Geffen] expected me to fire my whole band. Now, he’s apologizing. I want this to be a band, not me and a bunch of session players as was suggested so many times at the beginning."


"Nymphs" wurde 1989/1990 zusammen mit Produzent Bill Price aufgenommen, allerdings nicht ohne Probleme. Geffen's Tom Zutaut war so beeindruckt von Price' Arbeiten mit den Nymphs, dass er nicht nur zunächst Tapes davon an das Lager von Guns 'N Roses weiterreichte, sondern Price schließlich von der Nymphs-Produktion abzog und ihn stattdessen den Mix der beiden "Use Your Illusion"-Alben anvertraute. Die Nymphs wurden damit zum Nebenprojekt. Das ließ Inger Lorre nicht unbeantwortet:


“When I found out about the lies that Tom Zutaut had told me, I drank a six-pack before going into his office with Bryn and David from our management company, then I said – "Tom, can I show you an analogy?" He said – "Yeah." I made him sit 10 feet away from his desk. I took five poppies and put them on his desk. I said – This is my band. I crushed them all together and I said You see this? People are flesh and bone just like flowers are made up of atoms, but you can just crush them. I took all the flowers and put them in a pile. I just lifted up my dress, and I was wearing these crotchless fishnet stockings. I said – Tom, you’re fucking us in the back and pissing on our souls. So I pissed on the flowers, which ran off the desk into this big puddle."


Als "Nymphs" endlich im Oktober 1991 erschien, wurde es vom Hype um Metallicas schwarzem Album, den beiden "Use Your Illusion"-Alben, Soundgardens "Badmotorfinger", "Blood Sugar Sex Magik" der Red Hot Chili Peppers und natürlich Nirvanas "Nevermind" erbarmungslos weggespült. In den ersten sechs Monaten nach der Veröffentlichung verkaufte sich das Debut trotz guter Kritiken nur 40000 Mal. Die Nymphs lösten sich Ende 1992 auf, nachdem Lorre zunächst ihrem damaligen Freund Rodney Eastman während eines Konzerts in Anaheim, Kalifornien auf der Bühne einen Blowjob gab und sich kurz darauf weigerte, bei einem Konzert in Florida im Vorprogramm von Peter Murphy auf die Bühne zu gehen. Lorre wurde gefeuert, was auch das Ende der Nymphs besiegelte. Man käme nicht auf Idee, die Karriere der Nymphs mit all den Exzessen, Besetzungswechseln und einer zwischen Genie und Wahnsinn herumflippernden Frontfrau einen Spaziergang zu nennen, aber die Situation geriet insbesondere gegen Ende ihres Bestehens ganz offensichtlich immer weiter außer Kontrolle.


So blieb "Nymphs" das einzige Album dieser fantastischen Band. Am besten traf es vielleicht Mike Gitter im englischen Kerrang-Magazin, der die Musik der Nymphs als "Black Sabbath jamming with Siouxie Sioux and the Banshees" beschrieb. Ein Album voller labyrinthischer Zwischenwelten, falscher Fährten, Wut und Verzweiflung. Dabei taucht so mancher Genreverweis nur in Spurenelementen auf und wird dennoch wie von Geisterhand zur bestimmenden Identität; in erster Linie wird's eher die blanke Hilflosigkeit gewesen sein, irgendeine Schublade für diesen so besonderen Sound zu finden. Für Allmusic's Brian Flota war "Nymphs" beispielsweise das letzte echte gute Glamrock-Album, andere versuchten sich mit Grunge, Postpunk und Gothic Rock weiterzuhelfen. Vielleicht ergeben auch die manchmal ins Spiel gebrachten Parallelen zu den ersten beiden Warrior Soul-Alben (für die im Prinzip die ganze eben gemachte Genre-Aufzählung auch stimmig wäre) einen Sinn. Es ist immer verlockend, bei solch abenteuerlicher, kaum akkurat zu dechiffrierender Musik davon zu schreiben, dass die Zeit einfach noch nicht reif gewesen wäre, um damit den ausgebliebenen Erfolg zu rechtfertigen - das klingt bei aller Verkürzung immer gut, weil es sich so anfühlt, als hätte man tatsächlich eine Ahnung und nicht nur einen Hang zur Überheblichkeit. Im Falle der "Nymphs" und im Kontext der sich zum Zeitpunkt der (verspäteten) Veröffentlichung so gravierend verändernden Musik- und Kulturlandschaft neige ich allerdings eher zu einem "sie waren vielleicht ein Jahr zu spät dran" und verweise außerdem auf "Facelift" von Alice In Chains und Mother Love Bones "Apple", die beide im Jahr 1990 erschienen und auf denen sich gleichfalls eine markante Glam-Note finden ließ. Andererseits wäre es selbst dann immer noch zu bezweifeln, ob dieses auch textlich so abgründige Album der Nymphs über ertrinkende Achtjährige ("The River"), Liebesbeziehungen von Minderjährigen mit Serienmördern ("The Highway"), Depressionen, Selbstmordgedanken und die zu jener Zeit sicherlich noch stärker als heute ausgeprägte Misogynie angesichts einer unberechenbaren Frontfrau zu einem größeren Erfolg geführt hätten. Die Nymphs waren ganz bestimmt keine einfache Band, keine stabile Band. Sie existierten allerdings auch nicht in einfachen, stabilen Zeiten. 


Inger Lorre arbeitete nach dem Ende der Nymphs noch (unter anderem) mit Jeff Buckley zusammen, der sie mal als "patron saint of fucked over musicians" bezeichnete. Das Ergebnis dieser Kollaboration ist auf seinem posthum erschienenen Album "Sketches For My Sweetheart The Drunk" zu hören. Sie veröffentlichte 1999 das ebenfalls herausragende Soloalbum "Transcendental Medication". Inger Lorre starb im Oktober 2024 an einer Krebserkrankung. 


Weiterhören: Inger Lorre - "Transcendental Medication" (1999).


Vinyl und so: Für die Erstpressung in gutem Zustand bezahlt man mittlerweile um die 45 Euro. Im Jahr 2016 wurde das Album von Rock Candy auf CD (mit einem Remastering) neu aufgelegt. 


Sonst noch was?: Iggy Pop singt auf dem Song "Supersonic" die Backing Vocals.


Imitating Angels
 


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Sad And Damned



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Special Bonus-Bonbon: Nymphs Live in San Francisco


 



Erschienen auf Geffen Records, 1991.

 


26.04.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #156: Nudeswirl - Nudeswirl (1993)




NUDESWIRL - NUDESWIRL


"Der erste Eindruck, den das Walross auf den Betrachter macht, ist kein günstiger." (Brehms Tierleben)


Der eigenen kognitiven Dissonanz ein Trulala: Wenn ich mir vergegenwärtige, wie wenig mir professionelle Musikkritik seit über 20 Jahren bedeutet, und ich wegen meiner Ignoranz gegenüber ihrer entsprechenden Publikationen also fleißig am Untergang ganzer Redaktionen seit mindestens ebenso langer Zeit beteiligt war und bin, ist es erstens auf jeden Fall diskussionswürdig, seit 2007 einen Blog mit immerhin unprofessioneller Musikkritik am Kacken zu halten, und zweitens an der Grenze zum Schockmoment entlangtänzelnd, wie viele Platten ich in meiner Adoleszenz nur deswegen kaufen und hören konnte, weil es professionelle Musikkritik gab. Zugegeben keine, die über den Tellerrand von Rockmusik hinausblickte, aber dafür braucht's ja immer zwei: jemanden der darüber schreibt und jemanden, der es auch verarbeiten kann. Ersteres gab's in meiner Realität des Frankfurter Westens nicht, für zweiteres fehlten mir sowohl Kompetenz als auch Kapazität. Aber als Rock Hard-Redakteur Wolfgang Schäfer, in der Redaktion als Progressive Rock/Metal-Experte bekannt und zeitgenössischen Trends eher mit einiger Skepsis begegnend, das zweite Album von Nudeswirl mit 9,5 (von zehn) Punkten bewertete und als "ein echtes Muß für jeden, der Schlagwörter wie Seattle, Alternative und Noise selbst anno '93 noch einigermaßen aufgeschlossen gegenübersteht" adelte, war für den sechzehnjährigen Florian mit 3-Tage-Bart, Karohemd und Cobain-Frisur klar, was zu tun ist: ich muss unbedingt diese Platte hören. 


Hätte Wolle Schäfer also nicht außerhalb seiner stilistischen Komfortzone dieses Album bejubelt, wären wir alle heute nicht hier auf meinen 3,40qm. Ich schreibe nicht darüber, ihr lest nichts darüber. Es steht darüber hinaus zu befürchten, dass mir Nudeswirl auch später unbekannt geblieben wären, denn die Band verabschiedete sich von der Musikwelt sehr sang- und klanglos im Jahr 1995. Und da zeigt es sich wieder mal, wie wichtig Menschen sind, die Dir Musik näherbringen. Dummerweise gibt es gleichzeitig fast nichts Abgründigeres als Menschen, die Dir Musik näherbringen wollen. Diese Ambivalenzen machen einen fertig. 


Das Quartett aus New Jersey war für das, was der Weltgeschichte später als Grunge und Alternative-Explosion in die Annalen gekritzelt werden sollte, mit ihrem 1989 erschienenen und selbstbetitelten Debutalbum ein bisschen zu früh dran, um die mit etwas mehr Gravitas ausgestattete Musikindustrie auf sich aufmerksam zu machen, "The Real Thing" hin, "Louder Than Love" her. Aber nachdem "Nevermind" passierte und sämtliche A&Rs auf der Suche nach den neuen Nirvana waren, meldeten sich plötzlich Megaforce Records, das Label der mittlerweile verstorbenen Metallica-Entdecker Marsha und Jon Zazula und nahmen die Band unter Vertrag. Als schließlich 1993 das zweite und kurioserweise ebenfalls selbstbetitelte Album erschien, sahen sich Nudeswirl und Megaforce vermutlich eher mit dem Vorwurf konfrontiert, eine eilig gegründete und gesignte Retortenband ins Rennen zu schicken, um einen guten Sitzplatz am Tisch mit dem ganzen schönen Hype-Spielgeld zu erwischen. Was natürlich totaler Quatsch war, aber vieles war früher einfach totaler Quatsch. Die Band tourte unter anderem mit Danzig, Flotsam And Jetsam, Mindfunk und White Zombie und spielte sogar auf dem 1993er Dynamo Festival


"Nudeswirl" ist ein übersehenes Juwel der großen Alternative Rock-Bewegung der ersten Hälfte der neunziger Jahre. Die Band spielt einen sehr intensiven, dynamischen und mit allerlei psychedelischen Elementen verzierten Gitarrenrock, stilistisch eher an Bands wie Janes Addiction und The God Machine orientiert als an den punkigen Vertretern wie Nirvana oder den Melvins. Dominierend ist die melancholische Strömung, die sich selbst in den betont krachigen Momenten durch das ganze Album zieht und sich in Songs wie "Disappear", "Buffalo" und "Now Nothing" voll entfalten kann; in meinem Buch mit dem kleinen Underground-Hit "F Sharp" und "Sooner Or Later" sowieso einige der besten Songs der kompletten Dekade. Ich bin freilich völlig voreingenommen, wenn es um Musik geht, die mir soviel bedeutet, und ich habe außerdem nur wenig Phantasie dafür, wie eine Platte wie "Nudeswirl" heute bei einem Erstkontakt eines Millennials oder ärger noch: eines Zoomers aufgenommen werden würde - aber ich sag's jetzt halt: "Nudeswirl" will einfach nicht altern. Es begleitet mich nun seit über dreißig Jahren durch dick und dünn und klingt immer noch frisch, mutig und sagenhaft lebendig. Quer durch's ganze große Feld der Emotionen nimmt die Band alles mit, was sie kriegen kann. Bebende Spannung. Vibrierende Atmosphäre. Die Lust am Leben, mit allem und scharf. 


Vinyl und so: Ein bisschen überraschend ist es schon, dass sich bislang niemand zu der Entscheidung aufraffen konnte, "Nudeswirl" eine Wiederveröffentlichung zu spendieren - so bleibt es bis auf Weiteres bei der 1993 erschienenen Erstpressung für aktuell um die 50 Euro. Ich möchte außerdem darauf hinweisen, dass sich eine Anschaffung auch über die Musik hinaus nochmal extra wegen des außergewöhnlichen und stimmungsvollen Coverartworks lohnt.


Weiterhören: "Nudeswirl" (1989)






Erschienen auf Megaforce Records, 1993. 



07.02.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #163: Seaweed - Weak (1992)




SEAWEED - WEAK


„Eine unschöne Frau mit laubgesägtem Gouvernanten-Profil bringt kleine Mädchen zum Weinen, indem sie ihre orthodoxe, hochgerüstete Belanglosigkeit zum Maßstab humaner Seinserfüllung hochschwindelt, über ‚Persönlichkeit‘ redet, sich aber kaum mehr erinnern kann, was das ist, und sollte diese je zum Vorschein kommen, sie mit Rauswurf bestraft. Der Exzess der Nichtigkeit aber erreicht seinen Höhepunkt, wo Heidi Nationale mit Knallchargen-Pathos und einer Pause, in der man die Leere ihres Kopfes wabern hört, ihre gestrenge ‚Entscheidung‘ mitteilt und wertes von unwertem Leben scheidet. Da möchte man dann elegant und stilsicher, wie der Dichter sagt, sechs Sorten Scheiße aus ihr rausprügeln – wenn es bloß nicht so frauenfeindlich wäre.“ (Roger Willemsen)


Da will ich mit Schwung und Verve und veganem Heringssalat aus dem Tetra-Pack in den Rückblick auf Seaweeds Debutalbum "Weak" einsteigen, etwas vom "vergessenen Juwel", von "einer der besten Sub Pop-Platten aller Zeiten" und von "Also, dieser Endino - richtig schneidig!" schreiben und knall' stattdessen bei der Recherche frontal gegen die virtuell ausgestreckte Faust von Sänger Aaron Stauffer. Der findet "Weak" nämlich genau das: ziemlich schwach, außerdem zu schnell, zu gleichförmig und zu schlecht produziert. Sabotiert irgendwie den Punkt, den ich hier machen will; andererseits sind Musiker in Bezug auf ihre Arbeit, das weiß ich aus eigener Anschauung, nicht selten ein klitzekleines bisschen heikel. Um nicht zu sagen: komplett volldoof. Im Falle der Bewertung von "Weak" steht Stauffer immerhin recht alleine auf weiter Flur, denn für viele meiner Buddies aus der Generation X-Schicksalsgemeinde handelt es sich um Seaweeds bestes Album. 


Und gleichzeitig kann ich ein bisschen Verständnis für Stauffers Perspektive entwickeln. "Weak" ist vielleicht die punkigste Version von Grunge, die es jemals in den Katalog von Sub Pop (und darüber hinaus) schaffte, und in diesem Kontext ließe sich leicht die Frage stellen, ob das hier überhaupt noch Grunge ist, kurz nachdem wir mit Hilfe von einer Stange Zigaretten und achtzehn Liter schwarzen Kaffees darüber diskutierten, was GENAU Grunge denn überhaupt sein soll. Sowohl Geschichte als auch Rahmenbedingungen sind's jedenfalls schonmal: das Quintett aus Tacoma, Washington debutierte 1989 zunächst mit der "Inside"-Single auf Leopard Gecko, legte mit einer weiteren 7" "Deertrap" auf K nach und kam für die dritte Single "Just A Smirk" wieder zurück zu Leopard Gecko. Ihr Sound, der sich auf den Singles noch etwas langsamer und grundlegend garagiger zeigte, lockte das legendäre Label Tupelo Recordings an, das just unter anderem Nirvanas "Bleach" in Europa veröffentlicht hatte. Die dort erschienene Single-Zusammenstellung "Seaweed" ließ wiederum Sub Pop hellhörig werden, wo die Band im Jahr 1991 dann mit "Despised" debutierte. Weil sich Label und Band nicht auf das Format einigen konnten, Sub Pop wollten eine 7"-Single, Seaweed hingegen wollten ein Album aufnehmen, beschloss man kurzerhand, "Despised" offiziell als EP zu führen - bei einer Spielzeit von 28 Minuten scheint man sich hier allerdings an der Grenze zur Haarspalterei zu bewegen. "Despised", streng genommen auch eine Compilation, weil man u.a. Songs von Tupelo's "Seaweed" verwertete (was Tupelo wenig überraschend zum Ausflippen brachte), wurde von Jack Endino in dessen Studio Reciprocal Recording produziert und bietet Garagenrock, der sich in diesem besonderen Grunge-Sweetspot zwischen unprätentiösem Geschrammel und tighter Heaviness bewegt. Kennt und liebt jeder, wer sich mental eher im pre-"Nevermind"-Club mit Lederjacke, Bier und Marlboro zu Hause fühlt. 


1992 schlug dann die Stunde für das erste, wirklich offizielle Album "Weak" - mit einer genau 2 Minuten längeren Spielzeit als die EP "Despised", go figure! Tatsächlich präsentierten sich Seaweed mit einem neuen Soundbild: sie waren wirklich deutlich schneller als zuvor und erinnerten mich damit seit jeher ein bisschen an die ersten Alben der kanadischen Punkband Doughboys, vornehmlich weil eine neue Wurschtigkeit Einzug in ihr Spiel gefunden hatte, ein bisschen etwas außer Kontrolle geratenes, das man nicht aufhalten will. Besonders in diesem Zusammenhang ist eine neue Freiheit an den Gitarren wahrnehmbar, die hier schon die Weichen auf das zu stellen scheint, was auf ihren späteren Alben, vor allem auf den beiden direkten Nachfolgern "Four" und "Spanaway", als klare Post Hardcore-Merkmale erkennbar werden sollte, mit ungewöhnlichen Akkordfolgen, ein bisschen Dissonanz und dem Mut zum knarzigen Ausreißerton. Die erneut von Jack Endino, dieses Mal aber außerhalb dessen Komfortzone in den Bear Creek Studios in Woodinville geleitete Produktion, von Aaron Stauffer mit den Worten "really poor" ordentlich gedisst und außerdem mit dem Zusatz versehen, Endino hätte abseits seines eigenen Studios Probleme gehabt, seine Produktionsroutinen erfolgreich zur Anwendung zu bringen, hat gleichfalls großen Anteil am veränderten Klangbild der Band. Die Kritik am Sound von "Weak" ist immer wieder mal aufzuschnappen, aber ich teile sie nicht. Für mich hört es sich eher so an, als wäre Endinos Soundauswahl keine technische Limitierung, sondern vielmehr eine bewusste Entscheidung, eine Reaktion auf den neuen Vibe dieser Songs gewesen. Das dicke, sludgy Fundament, das seine frühen Produktionen in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren im Allgemeinen prägte, ist hier kaum auffindbar. Und mit Verlaub, das ist gut so. Dafür klingt "Weak" schlanker, schärfer, klarer - was den Songs damit genau den benötigten Raum zur Entfaltung gibt. It's not a bug, it's a feature!


An meiner Beurteilung von "Weak" zeigt sich darüber hinaus erneut meine ausgeprägte Schwäche für eine Musik, die ich in Ermangelung von ausreichender Kompetenz immer ein bisschen stumpf als "Bilderbuch-Indie" bezeichnet habe. Aufs erste Hör immer ein bisschen hingeschludert, offen und frei vibrierend, kompromisslos die blinden Flecken als Überzeugung ins Schaufenster stellend. Courage und Überzeugung stehen über dem Marketingplan. So hab' ich's gelernt, so wird's auf immer geliebt und umarmt. Don't you fuckin' dare calling it nostalgia. 

Viva Geschepper!




Vinyl und so: Sub Pop hat in den letzten Jahren viel Wert darauf gelegt, ihren Backkatalog nach und nach erneut auf Vinyl zu verfügbar zu machen, allerdings ging "Weak" bislang leer aus. Das US-Original auf grünem Vinyl gibt's aktuell ab 80 Euro aufwärts, die deutsche Version auf schwarzem Vinyl kostet um die 50 Euro.
 

Weiterhören: "Four" (1993), "Spanaway" (1995). Bonus: Seaweed-Sänger Aaron Stauffer ist seit 2020 bei Ghost Work aktiv, praktisch einer Indie All-Star Band mit ehemaligen Mitgliedern von Minus The Bear, Snapcase und Milemarker. Zu finden und hören --> HIER 





Erschienen auf Sub Pop, 1992.


15.12.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #170: Blind Melon - Blind Melon (1992)




BLIND MELON - BLIND MELON

"I know we can’t all stay here forever 
So I want to write my words on the face of today 
And they’ll paint it"
(Blind Melon, "Change") 


Das 1992 erschienene Debut von Blind Melon eignet sich bestes dazu, ein paar scheinbar festzementierte Erzählungen über die sogenannte alternative Rockmusik aus der ersten Hälfte der neunziger Jahre in Flammen aufgehen zu lassen. Dafür zündet man zunächst mal die komplette Musikpresse und anschließend die PR-Abteilungen der Majorlabels an, die beide zu gleichen Teilen dafür verantwortlich waren, einer ganzen Generation von Musikfans erfolgreich zu vermitteln, dass praktisch alles, was vor "Nevermind" erschien, überholter und altmodischer Kernschrott war - während sie gleichzeitig Bands vermarkteten (das Wort ist mit Bedacht gewählt, fyi), die sich musikalisch bei fast allem bedienten, was eben vor fucking "Nevermind" erschien. The Black Crowes, anyone? Monster Magnet, anyone? Und natürlich: Blind Melon, anyone? "The Great Grunge Swindle", der noch ungeschützte Titel meines noch ungeschriebenen Buches. Don't hold your breath.   

Blind Melon hatten es in dieser Hinsicht entweder doppelt leicht oder doppelt schwer, je nachdem, welchen Standpunkt man einnimmt. Die 1990 in Los Angeles gegründete Band ging mit der im Juni 1993, und damit neun Monate nach Albumrelease ausgekoppelten Single "No Rain" nebst des ikonischen Videoclips endgültig durch die Decke und verkaufte alleine in den USA über drei Millionen Alben des Debuts. "No Rain" war dabei in Hinblick auf den Vibe des Albums und der Außenwirkung der Band gehörig missverständlich, denn der leichte Swing mit niedlicher Hippiebestrahlung ließ darauf hindeuten, Blind Melon seien Susi Sorglos sein Vadder und also frech, frei und unbeschwert. Tatsächlich war der Text von der damaligen Freundin von Bassist Brad Smith inspiriert, deren Depressionen sich unter anderem darin zeigten, dass sie sich beschwerte, wenn es nicht regnete,  tagelang das Haus nicht verließ und stattdessen im Bett blieb und unentwegt Bücher las. So befassten sich auch die übrigen Texte des Albums überwiegend mit den eingetrübten Momenten menschlicher Existenzen und deren emotionalen Tiefpunkten. Zusätzlich sorgte der Erfolg von "No Rain" dafür, die Band im erweiterten Szenekreis als One Hit Wonder abzustempeln. Angesichts der beeindruckenden Sammlung echter Deep Cuts auf diesem Debut ist das zwar völlig bizarr, aber ich fürchte, so funktioniert das Geschäft.  

"I was born on the banks off a hot muddy river
The child of one stupid steamy night
Born to roam beneath the sun
What do you think of me, I’m better left alone"

Es ließen sich ganze Bücher über die Vielseitigkeit und Musikalität dieser Band füllen. Der mühelos erscheinende und authentische Groove zwischen Funk und Classic Rock von einer der zeitgleich besten sowie unterbewertesten Rhythmusgruppen der Rockszene - Glen Graham spielt am Schlagzeug um sein Leben; was für ein Drummer, fuck me! - und die Kreativitätsexplosionen der beiden Gitarristen Roger Stevens und Christopher Thorn, die praktisch niemals dasselbe spielen, sich hier mal annähern, bevor sie sich dort wieder voneinander distanzieren und wie zwei verliebte Schmetterlinge auf psychedelischen Drogen unbeirrt um sich herum kreisen, bilden den Rohbau ihrer Musik mit sich überdeutlich zeigenden 1970er Merkmalen aus dem Hitkoffer von Led Zeppelin oder auch ZZ Top. Trotz aller Reminiszenzen an eine musikalische Ära, mit der die Zeit, mit Verlaub, alles andere als gnädig umging, klingt "Blind Melon" auch 33 Jahre nach der Veröffentlichung so frisch, lebhaft und anziehend wie am ersten Tag, nicht zuletzt durch die gleichfalls unverfälschte Produktion von Rick Parashar, der schon Pearl Jams "Ten" betreute und das lebendige, schöpferische Moment der größtenteils live eingespielten Cuts in der Zeit einfrieren konnte. Und natürlich muss man in diesem Zusammenhang Sänger Shannon Hoon erwähnen. Der 1995 viel zu früh verstorbene Sänger aus Lafayette trägt diese Songs in den Obertönen mit seiner charakteristischen Stimme in die Ewigkeit. Was für ein Talent. Diese Leichtigkeit, dieser Instinkt. Und immer noch: was für ein Verlust. 

Ähnlich wie im Falle Candlebox und deren zweitem Album "Lucy" könnte auch bei Blind Melon die Frage diskutiert werden, ob das im Vergleich zum erfolgreichen Debut kommerziell eher enttäuschende Nachfolgealbum "Soup" aus künstlerischer Sicht das bessere Werk ist. Ich halte mich in beiden Fällen ein bisschen zwischen den Welten auf. Mehr Szenepoints ließen sich vermutlich mit "Lucy" und "Soup" machen, und es gibt auch abseits derart trivialer Ego-Wanks einige gar nicht so üble Gründe, die vermeintlichen schwarzen Schafe der Diskografie interessanter zu finden. Die Nadel schlug nun bei beiden Bands minimal zu Gunsten ihrer Debuts aus - und wenn ich damit Leben kann, könnt ihr es auch. Muss man's so oder so gehört haben und lieben? Sowieso!


Vinyl und so: Ich mach's kurz. Für die Erstpressung muss man einen Bausparvertrag auflösen, das ist inakzeptabel. Vor allem, weil der 2014 erschienene Repress von Music On Vinyl klanglich wie gewohnt eine echte Sensation ist. Wer etwas anderes behauptet, und ein Blick in den Kommentarbereich auf Discogs bestätigt es, hat Bauschaum in den Ohren. Die Leute sind wirklich alle völlig beknackt. Mit um die 30 Euro ist man dabei. Muss man eigentlich haben. Isso.


 


 Erschienen auf Capitol, 1992.  




25.10.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #176: Skin Yard - 1000 Smiling Knuckles (1991)




SKIN YARD - 1000 SMILING KNUCKLES


"Bankraub ist eine Unternehmung von Dilettanten. Wahre Profis gründen eine Bank." (Bertolt Brecht)


Ich weiß nicht, wer das im Jahr 2025 noch wirklich lesen muss, aber ich weiß, wer es 2025 dennoch ins Internet reinkotzt: Die großen vier Alben des Grunge waren kein Grunge. Und weder begann Grunge mit "Nevermind", noch starb er im April 1994 in einer Gartenlaube in Seattle - wobei man ganz eventuell und zumindest metaphorisch über letzteres diskutieren könnte. An schlechten Tagen halte ich beispielsweise Pearl Jams "No Code" für katastrophaler als Cobains Freitod, an guten Tagen bin ich überzeugt davon, Grunge existiere außerhalb jeder gesellschaftlichen Strömung und damit sowieso bis in alle Ewigkeit. Aber lassen Sie mich flott den nächsten "Schocker" (Franz-Josef "Grappa" Wagner) raushauen, ich bin gerade in Stimmung: "Superunknown", "Dirt", "Ten" und eben "Nevermind" waren Pop-Produktionen. Und was sich ohne Fußnote zunächst so despektierlich anhören mag, ist wirklich gar nicht so gemeint. Aber ich bezweifle, dass wir uns argumentativ der Flat Earth Society annähern, wenn wir einerseits Butch Vig's Geniestreich auf "Nevermind" als Quantensprung als auch Paradigmenwechsel in der Inszenierung von populärer Rockmusik bewerten und andererseits betonen, wie stark dieser Produktionsstil konzeptionell darauf ausgerichtet war, möglichst minimale Reibung bei maximalem Ertrag zu erzeugen. Was indes in Seattles Untergrund ab circa 1985 langsam vor sich hin brodelte, hieß bis 1991 allerhöchstens Garagenrock, war aber letzten Endes die Ursuppe für das spätere Massenphänomen. Und wie es so oft ist: die Ursuppe will niemand auslöffeln. 

Skin Yard waren eine der allerersten Grungebands (sic!) der Stadt und tauchten zusammen mit Soundgarden, Green River, U-Men, Malfunkshun und den Melvins auf der 1986 erschienenen "Deep Six"-Zusammenstellung von C/Z Records auf. Dabei passt der Begriff der "Ursuppe" nicht nur auf die stilistische Ausrichtung ihres Sounds in Hinblick auf das, was Grunge später werden sollte; Skin Yard waren die heavy-sludgy-groovy-slowy-Könige Seattles - er ist auch bestens dafür geeignet, die Personalsituation der ganzen Szene zu bezeichnen. (Fast) alles, was Rang und Namen hat, wurde durch Skin Yard's Geschichte geschleust, vom späteren Schlagzeuger Soundgardens Matt Cameron, über Tads Steve Wied und Greg Gilmore von Mother Love Bone bis hin zu Barrett Martin, der später bei den Screaming Trees und bei Mad Season spielen sollte. Die Liste ist lang. Damit kann ich es mir auch ein bisschen leisten, ganz nonchalant Produzentenikone und Gitarrist Jack Endino im Nebensatz zu erwähnen, der nicht nur Gründungsmitglied ist, sondern als einziger Musiker jeder Inkarnation Skin Yards angehörte. 

Das vierte Skin Yard Album "1000 Smiling Knuckles" erschien im Herbst 1991 und wurde zum erfolgreichsten Album der Band. Es taucht seitdem auch regelmäßig in Publikationen auf, die mit "Zehn unbekannte aber essentielle Grunge-Alben" oder "Die zehn heaviesten Grunge-Alben" überschrieben sind, und das aus guten Gründen: die Mischung aus emotionaler Tiefe, nicht zuletzt forciert aufgrund des ausdrucksstarken Gesangs von Ben McMillan, der nach dem Ende Skin Yards die kriminell unterschätzten Gruntruck gründete und stimmlich immer wieder an den frühen Chris Cornell erinnert, und tiefergelegt-pochenden Riffkaskaden mit stampfenden Grooves ist praktisch die Blaupause dessen, was sich unter dem Begriff "Grunge" verstehen ließe, hätte es "Nevermind" nie gegeben: ein sehr robuster Drive, Schmutz, Schwerfälligkeit und zugleich Dynamik, Melodie, aber keinen Kitsch. In den Obertönen haben wir Schweiß im Angebot, ein bisschen Pumakäfig, Budweiser und Marlboro. Ausfallschritt zur Seite, Les Paul, Ellenbogen im Gesicht. It never gets old. 


Vinyl und so: Auf einen Reissue wird man wohl noch lange warten müssen, daher sieht's mit der Verfügbarkeit der Erstpressung nicht ganz so rosig aus, aber ich möchte sagen: solche Originale hat man auch gefälligst im Original zu haben und zu hören. Isso. Das Album erschien in zwei Vinylfassungen auf schwarzem sowie lila Vinyl und ist mit etwas Glück für etwa 70 Euro (schwarz) und 100 Euro (lila) zu bekommen.





Erschienen auf Cruz Records, 1991.  

18.10.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #177: L7 - Bricks Are Heavy (1992)




L7 - BRICKS ARE HEAVY


"Everybody have a breakdown!" (L7)


Vom Blind Guardian'schen Hobbitdorf im teutonischen Märchenwald geht's direkt auf den Sunset Boulevard und die überhitzten Straßen Hollywoods, das darf man eigentlich auch niemandem erzählen. Aber auch wenn es ein bisschen gestelzt wirken mag, stets darauf hinzuweisen, waren das eben die neunziger Jahre. Meine neunziger Jahre. Schwanzrock, Schrebergartenmetal, nihilistischer Death Metal - und dazu geblümter Alternative Rock, bekiffter Grunge, melodischer Punkrock. Mir würde nie einfallen, die Grenzen zwischen all dem nicht anzuerkennen, aber gleichzeitig war alles sowohl Basis als auch Weg zur Selbstidentifikation. 

Das gilt auch für L7 und ganz besonders für "Bricks Are Heavy". Mein Bruder hatte sich die CD gekauft und ich weiß noch, wie der Hit "Pretend We're Dead" eines Tages aus seinem Zimmer in die elterliche Wohnung kroch, und ich sofort vorstellig wurde: "Die musst Du mir mal ausleihen!" - und so wurde das 1992 veröffentlichte dritte Album L7s zu einer der Sommerplatten des Jahres und "Pretend We're Dead" zum MVP jedes Mixtapes, mit dem ich meine Vereinskameradinnen und meine Trainerin auf der Rollkunstlaufbahn der TGS Vorwärts Frankfurt in den Wahnsinn trieb. Was ich damals zwischen Hormonstau, Karohemd und der mich stets umgebenden Wolke aus Zino Davidoff und Benson & Hedges nicht erkannte, wie einzigartig sowohl Stil als auch Sound dieser Platte sind. Und selbst 33 Jahre später habe ich so meine liebe Mühe mit der Entschlüsselung. L7 hatten schon zu Beginn ihrer Karriere ein außerordentliches Talent dafür, ihren Punkrock um monotone und zähflüssig kriechende Gitarrenriffs herum aufzubauen und damit einen bemerkenswert originellen Vibe zu entwickeln.

Einerseits klingen L7 richtig assi, rotzig und ein bisschen außer Kontrolle, andererseits sind sie aber auch sludgy, brütend, klaustrophobisch. Produzent Butch Vig, der erst ein paar Monate zuvor Nirvanas "Nevermind" aufs nächste Level beförderte und damit gleich die ganze Musikszene auf links krempelte, hat für "Bricks Are Heavy" den Fokus auf kompromisslose Verdichtung von Sound und Songs gelegt. Und womöglich hat die Band dadurch ein paar Nachkommastellen ihrer früheren Rohheit verloren, aber das Defizit mit Attitüde und Eingängigkeit gleich wieder wettgemacht - ohne einen Kratzer in ihrer Glaubwürdigkeit hinnehmen zu müssen. Vielleicht ist "Bricks Are Heavy" eines der coolsten Schlüsselalben zwischen Riot Grrrl-Punkrock und Grunge, das Aufbruch, Widerstand, Antiautorität und Freiheit symbolisiert. Es waren packende Zeiten. 


Vinyl und so: Man möchte wie so oft meinen, es wäre sinnvoller, Alben wie "Bricks Are Heavy" permanent verfügbar zu halten, meinetwegen auch auf niedrigem Niveau, anstatt die siebenunddreißigste "Collector's Edition" eines prähistorischen Springsteen-Schinkens auf die Boomer loszulassen, aber am End' überschätze ich bloß den Markt für L7 und unterschätze ihn gleichzeitig für Wohlfühlkotze aus dem Hinterland. Es wird im Falle von "Bricks Are Heavy" also ein bisschen kompliziert, eine Kopie zu finden. Die größten Erfolgsaussichten, finanziell mit einem blauen Auge davon zu kommen, bestehen mit dem Erwerb der 2022 erschienenen und ganz nett gemachten Jubiläumsausgabe von Licorice Pizza mit alternativem Coverartwork (auch als Goldpressung erhältlich) und bezahlt um die 50 Euro. Oder man legt noch 20 bis 30 Euro drauf und hält Ausschau nach der Originalpressung von 1992. Meine 2022er Pressung klingt gut und hat keine größeren Probleme.


 



Erschienen auf Slash, 1992.

02.08.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #188: Candlebox - Candlebox (1993)




CANDLEBOX - CANDLEBOX


"Das Leben ist eine immer dichter werdende Folge von Finsternissen." (Thomas Bernhard)


Dieser 1990 gegründeten Band aus Seattle haftete für lange Zeit ein ähnlicher Makel wie den Stone Temple Pilots an, dass sie also nur deshalb auf der Erfolgswelle surften und es bis nach ganz oben schafften, weil Majorlabels noch den allerletzten Dollar aus Seattle, Grunge und Flanellhemden herauspressen wollten und dafür Kanonenfutter Bands benötigten, die einen bestenfalls identischen Sound wie die großen Vier - Nirvana, Pearl Jam, Alice In Chains, Soundgarden - spielten, und die vor allem schnell wieder vor die Tür gesetzt werden konnten, wenn die nächste musikalische Sau durchs Dorf getrieben werden musste. Ein Schweinesystem ist eben ein Schweinesystem. 

Musikalisch substanzlos, billig, irrelevant, alles nur geklaut - und dann auch noch schlecht: die Hasswichsorgien in der Musikpresse nahmen kein Ende. Dabei war die Basis für derlei Argumentation in erster Linie ein ganzes Pfund Neid, gefolgt von gekränkten Egos, dem Eros des Verrisses und selbstredend einer schweren Hirninfektion, denn richtig zugehört hatte hier niemand. Bis eben auf die vier Millionen US-Amerikaner, die das Debut von Candlebox kauften und bis auf Platz 7 der Billboard Charts schoben. Zwar erreichte das Album die Top 10 erst im Zuge des Durchbruchs der dritten Single "Far Behind" mit einer Verspätung von einem Jahr, aber dann blieb "Candlebox" für sagenhafte 104 Wochen in den Charts. Je sais, je sais: Ähnliches hat Bohlens musikalischer Penisbruch Modern Talking auch schon geschafft. Ich hör' ja schon auf.

Drei Jahrzehnte später wirken solche Diskussionen in Hinblick auf Seattle-Bands der dritten Welle völlig bizarr. Während ich immer noch darauf warte, dass endlich mal jemand diesen ganzen Quatsch aus der ersten Hälfte der 90er Jahre in einem Buch neu einordnet und mit ein paar der beklopptesten Narrative kurzen Prozess macht, erzähle ich noch schnell etwas über "Candlebox", denn darum sind wir ja alle hier: Wer sich also eine Melange aus Blind Melon, einem Klecks Mother Love Bone und den eingängigen, rockigen Momenten der ersten beiden Pearl Jam-Alben mit einem wirklich herausragenden Sänger (Kevin Martin) vorstellen kann, hat ein ganz stimmiges Bild dessen vor Augen, was auf der Agenda steht. Das Album warf mindestens dreieinhalb erfolgreiche Singles ab, ich bin aber der Ansicht, dass die übrigen Songs mindestens genau so viel Spaß machen - vor allem, wenn die Band wie in "Mothers Dream" mit psychedelischen Elementen herumspielt. Das ist mitnichten gefährlich oder gar eine Grenzverschiebung. Aber es ist über die Maßen vergnüglich. Sorry, not sorry. 


Vinyl und so: "Candlebox" erschien auf Vinyl erstmals 1995 im Doppelpack mit dem zweiten Album der Band "Lucy" (absolut ebenbürtig und ebenfalls überaus empfehlenswert!). Diese Edition war für viele Jahre nicht nur sehr selten, sondern fast schon zwangsläufig sehr teuer. Wenn man mich fragt, ist das genau die Ausgabe, für die es sich am meisten lohnt, die Augen aufzusperren - in erster Linie, weil es für "Lucy" bislang noch kein eigenständiges Reissue gibt. 2017 gab es von der Doppelveröffentlichung einen Re-Release, der aber aktuell vor allem in den USA zu bekommen ist. Das Debut wurde 2020 erstmals von Music On Vinyl als Einzelrelease auf silbernem und schwarzem Plastik wiederveröffentlicht - das schwarze Vinyl bekommt man aktuell mit etwas Glück noch für 30 bis 40 Euro. Wer richtig in die Vollen gehen will, besorgt sich hingegen das auf Rhino erschienene "Maverick Years" Boxset mit vier Alben auf insgesamt sieben LPs.


 




Erschienen auf Maverick, 1993.

29.05.2025

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #200: War Babies - War Babies (1992)




WAR BABIES - WAR BABIES


"Laminated Face Cunt." (Bill Burr)


Wer sich eingehender mit dem 1992 erschienenen Debutalbum dieser Seattle Band beschäftigt, mag erahnen, dass das medial gesetzte Narrativ, die Musikszene der Stadt im Nordwesten der Vereinigten Staaten habe sich Anfang der 1990er Jahre als kleines gallisches Dorf gegen die Oberflächlichkeit und Verlogenheit der Schwanzrockszene aufgelehnt, nicht viel mehr ist als besinnungsloses Business-Kladderadatsch. Die Band um den ehemaligen TKO-Sänger Brad Sinsel hatte, ähnlich wie die frühen Alice In Chains, eine deutliche Schlagseite zu klassischem Glam- und Hardrock der achtziger Jahre, mischte dazu allerdings Elemente unter ihren Sound, die man in die Nähe dessen rücken kann, was Mother Love Bone auf ihrem legendären Debut "Apple" aufzogen. Los Angeles und Seattle in seltener Eintracht. Dabei waren die War Babies bestens in die Szene Seattles integriert und spielten im Laufe ihrer Karriere regelmäßig Shows mit den späteren Grunge-Superstars. Selbst Jeff Ament von Pearl Jam war hier mal mit von der Partie, und War Babies Schlagzeuger Richard Stuverud spielte ein paar Jahre später mit ebenjenem Ament auf den beiden Alben von Three Fish (mit Robbi Robb von Tribe After Tribe). 

Der Ofen war kurz nach Veröffentlichung des Albums leider sehr schnell wieder aus, und natürlich sind Band und Album heute längst von jedem Radar gerutscht. Wer seinen Beobachtungsradius für die Musik der Neunziger im Allgemeinen und Seattles im Besonderen indes etwas erweitern möchte, darf sich gerne kopfüber in diese Platte stürzen. 


Vinyl und so: Bislang hat sich noch niemand zu einem Vinyl-Reissue entschließen können, weshalb die Originalpressung heutzutage nur noch schwer und/oder für einen Haufen Geld zu bekommen ist. Bei der CD gibt es keine Probleme. Darüber hinaus erschien im Jahr 2024 unter dem Titel "Vault" eine LP mit Studio-Outtakes und Livemitschnitten, die sehr liebevoll zusammengestellt wurde, aber mittlerweile auch immer seltener zu finden ist.


          



Erschienen auf Columbia Records, 1992


17.03.2021

Best of 2020 ° Platz 8 ° Hum - Inlet



HUM - INLET

All the dreamers have gone to the side of the road which we will lay on
Inundated by media, virtual mind fucks in streams
(D'Angelo And The Vanguards)


"The Summoning". Grundgütiger, "The Summoning". 

Diese sich wie zähflüssige Lava den Weg freiwalzenden Gitarren. Ich habe schon lange keine mehr so gut klingenden Gitarren gehört. Diese Melodie, die so lange nachhallt, bis die Venus acht Mal umrundet wurde und man sich wieder auf dem Rückweg zur Erde befindet. Das Break im letzten Viertel, das sich gegen Ende auftürmt wie ein Gebirgsmassiv vor Millionen Jahren. Die stoische Stimme, die kaum mehr braucht als Begleitung und Erinnerung. Ein Jahrhundertsong. Aber eben auch nur einer von insgesamt gleich vieren: es sind vor allem die jeweils über acht Minuten langen, episch inszenierten Songs, die mich komplett plattmachen, auseinanderreißen, zerschmettern und dann wieder zusammenkleben, mit Spucke und einer Riesenpackung Hubba Bubba: "Desert Rambler", "Folding", "Shapeshifter" und eben "The Summoning", allesamt Giganten aus dem Stoff, aus dem 90er-Shoegaze und Alternative Rock-Herrlichkeiten gestrickt waren, bis unters Dach vollgepackt mit Understatement, Emotionalität, Tiefgründigkeit und Weite - und mit mit einer ganz eigentümlichen, nach innen gerichteten Intensität. 

Das Quartett aus Illinois, spätestens ab Mitte der 1990er Jahre und dem zaghaft ins US-Mainstreamradio einbrechenden Hit "Stars" eine Untergundsensation, war zu jener Zeit sehr knapp vor dem Sprung in die erste Liga, bevor die Band Ende des Jahrzehnts zunächst vom Label gedroppt und anschließend intern auseinanderbrach. Jetzt kommen sie im unheiligen Jahr des Clusterfucks 2020 praktisch aus dem Nichts mit neuer Musik zurück - 23 Jahre nach dem letzten Album "Downward Is Heavenward". Und auch wenn ich die Band erst Mitte der nuller Jahre von Freund Andreas ans Herz geschweißt bekam und also wie so oft ein totaler Spätzünder war, fühlt sich "Inlet" so vertraut an wie jede Gedanken- und Gefühlsreise in meine Adoleszenz in den 1990er Jahren, zwischen Teenage Angst, Flanellhemd, Benson & Hedges und dem süßen Duft der Freiheit (Wunderbaum Vanille; Opel Corsa I), der mindestens soviel Hoffnung machte, wie er mir bis in jede Faser meines Hirns Panikattacken schickte. Es gibt einen gar nicht so kleinen Teil in mir, der sich wünscht, bis ans Ende meiner Zeit in diesem emotionalen Schwebezustand der eigenen Vergangenheit zu verbleiben, mit all der Verklärung, der Ignoranz, dem Gilb und Kitsch des Vertrauten, Eingefahrenen, Sicheren. Das Getöse des Unmittelbaren ersetzen mit der damals  so geliebten wie gehassten und doch so verinnerlichten Stille. Auszeit. 

Insofern ist "Inlet" die perfekte Spiegelung dieser Ambivalenz, auf jeder Ebene. Laut und leise, rustikal und subtil. Erinnerung und Gegenwart. Hoffnung und Enttäuschung. Verwegenheit und Furcht. 

Heavy Music for introverts. Für immer die Liebe.


   


Erschienen auf Earth Analog Records, 2020.


04.01.2021

Die besten Second Hand-Funde 2020 (1): Three Fish - The Quiet Table



THREE FISH - THE QUIET TABLE

Harald Schmidt sagte mal, dass maximal zwanzig Bücher ausreichten, um das Leben angemessen ausgestattet zu bestreiten, verbunden mit dem Hinweis auf die Tagebücher von Julien Green, in denen es heißt, dass am Ende seines Lebens nicht mal mehr Thomas Mann der groben Entflechtung des Literaturbestands standhielt. Immer öfter stehe ich selbst vor der Schallplattenwand und ertappe mich bei ähnlichen Gedanken. 50 Alben - mehr braucht's eigentlich nicht. Gib mir meinen Coltrane, meinen Scott-Heron, den Soundtrack meiner 90er Jahre Adoleszenz und fünf, sechs Metal-Hackepeter aus der Ursuppe der 1980er Jahre und ich bin okay. 

Die beiden Platten der Low-Key-Supergroup Three Fish würden diesen Auswahlprozess mühelos überstehen, sie fielen in den Eimer mit den dreckigen, nach Benson & Hedges und Zino müffelnden Karohemden meiner Neunziger. Tribe After Tribe Sänger/Gitarrist Robbi Robb, Pearl Jam-Bassist Jeff Ament und Wundertrommler Richard Stuverud veröffentlichten vor über 20 Jahren zwei herausragende, größtenteils ruhige, spirituelle Werke, geschmückt mit Einflüssen und Instrumenten des mittleren bis fernen Ostens, meistens aus lockeren Jamsessions entwickelt und in Aments Homestudio in den Bergen von Montana aufgenommen. Während das selbstbetitelte Debut noch hier und da auffindbar ist, ist das Vinyl von Album Nummer Zwo - "The Quiet Table" - mittlerweile leider sehr selten geworden. Es wurde über die letzten Jahre zu einer meiner meistgesuchten Schallplatten.  

Seit dem Quarantänen-Sommer 2020, einer Gelegenheit sowie einem großen Schuck aus der "I Just Don't Give A Fuck Anymore"-Pulle, liegt die Platte nun also regelmäßig auf meinem Teller, und ich freue mich sehr über diese zeitlose, klischeefreie, psychedelische und leider vergessene Perle der neunziger Jahre. 

Die perfekte musikalische Begleitung für den nächsten gemütlichen Abend im Opiumrausch. Der Quarantäne-Winter 2021 kann kommen. 


   


Erschienen auf Epic Records, 1999.


12.07.2020

2010 - 2019: Das Beste Des Jahrzehnts: Arch/Matheos - Winter Ethereal




ARCH/MATHEOS - WINTER ETHEREAL


Es liegt ein bisschen in der (meiner) Natur der (meiner) Sache, dass jene Alben, die in den letzten nasagenwirmal ein bis zwei  Jahren erschienen sind, in dieser Bestenliste etwas unterrepräsentiert sind. Ich habe die Neigung, Platten erleben zu wollen. Gemeinsame Geschichten schreiben, Erinnerungen entwickeln, Anker setzen, tiefer graben. Das geht fast immer nur mit Zeit. Manchmal dauert es Jahre, bis die Annäherung deutlich geworden ist. Und manchmal geht es andererseits überraschend flott, meistens dann, wenn die Gegebenheiten nicht völlig neu und unbekannt sind. Bei The Sea And Cake beispielsweise ist's einfach, da stehen sämtliche Scheunentore schon seit Jahren offen und der Weg zur großen ganzen Ergebenheit ist nicht mehr so weit. Ähnliches darf ich auch über das aktuellste Album in dieser Liste schreiben, denn der Boden für "Winter Ethereal" ist im Prinzip gleichfalls seit Jahren vorbereitet. 

Und so schrieb ich es bereits vor wenigen Monaten ins Internet hinein: wenn es in den 35 Jahren meiner Leidenschaft für Musik eine Konstante gibt, dann ist es Progressive Rock und Metal, meinetwegen in allen Spielarten, Subgenres und Auswüchsen. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Affinität tatsächlich wiederbelebt werden musste, möglicherweise gilt das höchstens und im Besonderen für aktuelle Bands und Platten, aber "Darkness In A Different Light" und vor allem "Theories Of Flight" von Fates Warning waren zweifellos verdammt laute Weckrufe für ein Genre, das ich nicht unbedingt im Verdacht hatte, mich nochmal derart zu begeistern. Vor diesem Hintergrund ist es vermutlich keine riesige Überraschung mehr, "Winter Ethereal" bereits ein gutes Jahr nach der Veröffentlichung schon in einer Bestenliste für das ganze Jahrzehnt zu sehen. Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm.

Und da schließt sich folgerichtig ein weiterer Kreis für "Winter Ethereal", sind John Arch und Jim Matheos doch die teils ehemaligen (Arch), teils noch aktiven (Matheos) Protagonisten von Fates Warning. Sieben Jahre nach dem Debut "Sympathetic Resonance" haben die beiden Superhelden im Jahr 2019 alle Regler auf Anschlag gedreht: Virtuosität, Kraft, Melodie, Komplexität, Tiefe, Klang - viel mehr ist für einen, der den jüngeren Entwicklungen im Metal mit einiger Skepsis gegenübersteht, kaum mehr vorstellbar. Keine aufgesetzte Härte, kein martialisches Herumprotzen, kein Image-Dachschaden, keine nukleare Atomreaktor-Produktion, stattdessen echte Durchschlagskraft durch überragende technische Fähigkeiten, ein über alle Ebenen gespanntes und bis in die letzte Ritze totalarrangiertes Melodieverständnis und mit John Arch ein Sänger, der die komplette Kontrolle über alle lyrischen Höhen und Tiefen hat und sich wie entfesselt durch diese neun Songs schraubt - unaufhaltsam, uneinholbar, unnachahmlich. Sollten sich von seiner Entscheidung, künftig nicht mehr auf Tournee gehen zu wollen, Indikationen auf das baldige Ende seiner Gesangskarriere ableiten lassen, so hat sich dieser Mann mit "Winter Ethereal" sein eigenes, ultimatives Denkmal gesetzt. Ich wüsste auch ehrlich gesagt nicht, was noch einer solchen Darbietung noch kommen soll. 

Herzklopfen. Feuchte Hände. Freudentränen. Ein echter Meilenstein des Heavy Metal. 




Erschienen auf Metal Blade, 2019. 



26.05.2020

2010 - 2019: Das Beste Des Jahrzehnts: Fates Warning - Theories Of Flight




FATES WARNING - THEORIES OF FLIGHT


Jim Matheos und Ray Alder bliesen mir vor vier Jahren den eigentlich längt eingemottet geglaubten Heavy Metal-Marsch zurück ins Haus, und wo das gesagt ist: nicht nur mir! Die Herzallerliebste, schwerem Metall ansonsten nicht über alle Maßen zugeneigt, zeigte sich ebenfalls beeindruckt und hörte vor allem den zentralen Über-Song dieses Albums "The Light And Shade Of Things" über einen kompletten Sommer hinweg täglich auf heavy rotation - in voller Anerkennung des Kults um die Frühwerke der Band seitens der sowieso sehr loyalen Fanbase, ist dieser zehnminütige Wahnsinnstrack vielleicht das Beste, was jemals aus Herz und Hirn der beiden eingangs erwähnten Männer herausfiel. 

Folgerichtig sind die zwei auch die Stars dieser Platte. Alder mit seiner unnachahmlich dunkel-aufgerauten, gereiften und nie besser klingenden Stimme und Gitarrist/Songwriter/Kompass Jim Matheos, letzterer aus drei Gründen. Erstens: niemand spielt so wie er. Zweitens: niemand schreibt so wie er. Drittens: Niemand produziert so wie er. Wer hat denn bitte jemals eine besser klingende Metalgitarre gehört als in der Single "Seven Stars" und ihrem in voller Breitseite durchgepeitschten offenen D-Akkord? Eben - niemand! 

"Theories Of Flight" ist das beste Fates Warning-Album aller Zeiten.




Erschienen auf Inside Out, 2016.

29.02.2020

Warrior Soul - Live In London 2000




Endlich! Endlich, endlich, endlich! FUCKING ENDLICH!

Ich frage mich seit 20 Jahren, warum von der sagenumwobenen Reunionshow der besten Rockband des Planeten im herbstlichen London des Jahres 2000 bislang weder etwas zu sehen, noch zu hören war. Die Antwort auf diese Frage bleibt auch die heutige Entdeckung schuldig, aber immerhin ist hiermit nun die bild- und tonlose Zeit endlich vorüber.

Bereits im April des vergangenen Jahres erbarmte sich Gerry Gillan und lud die komplette Show auf Youtube hoch: Warrior Soul - Live In London.

Etwa zwei Monate nach diesem Gig veröffentlichte die Band das "Classics"-Album, eine Zusammenstellung ihrer größten Hits (in weiten Teilen sogar neu eingespielt) und wären diese vier Bekloppten jemals halbwegs bei Trost gewesen, hätten wir vielleicht sogar ein neues Studioalbum in der Originalbesetzung hören dürfen - aber es kam, wie es wohl kommen musste, und die Band, in dieser Besetzung traditionell ein einziges Pulverfass, brach erneut auseinander. Dieses Mal für immer: Schlagzeuger Mark Evans wurde 2005 in England ermordet. Mit ihm wurde auch das Original-Lineup begraben. 

Dieses Video ist pures Gold, ein heiliger Gral für die mittlerweile äußerst überschaubare Fangemeinde. 

Und wer nochmal nachlesen möchte, was ich vor über acht Jahren (fucking hell!) über Warrior Soul zu denken, sagen und schreiben hatte, nimmt sich einen halben Tag frei und macht schon mal die Hose auf:







08.02.2020

Best Of 2019 ° Platz 1 ° Arch/Matheos - Winter Ethereal




ARCH/MATHEOS - WINTER ETHEREAL


Selbst meine seit knapp 20 Jahren andauernden Streifzüge abseits der gleichfalls geliebten Rockmusik und also durch das Dickicht solch unterschiedlicher Genres wie Jazz, Electronica, Techno, Ambient, Soul und Funk können es nicht verhehlen. Es war nie sexy und es wird wohl auch niemals sexy sein, aber ich komme wohl nicht drum herum: Progressive Rock und -Metal sind meine Inseln, meine Leuchttürme und meine Rettungsanker. Und bevor mir noch ein weiteres maritimes Bild einfällt, will ich's schnell begründen. Sollte ich jemals auf die Idee kommen, meine, sagenwirmal 50 meistgeliebten Alben in einer Art Reihenfolge aufs Papier zu bringen, stehen die Chancen für einen mindestens 70% ausmachenden Anteil jener Musik nicht schlecht, die gemeinhin unter dem Rubrum "progressiv" firmiert. King Crimson, Dream Theater, Atheist, Marillion, Voivod, Fates Warning, Spock's Beard, Psychotic Waltz, Tool würden allesamt gleich mehrfach in dieser Liste auftauchen, und bis heute komme ich trotz meiner immer noch sehr ausgeprägten Auseinandersetzung mit neuer Musik immer wieder und sehr regelmäßig zu diesen Bands und ihren Platten zurück. Um ehrlich zu sein: je älter ich werde, desto öfter kehre ich zurück. 

"Winter Ethereal" sollte also auf fruchtbaren Boden fallen - auch ohne besondere Affinität zum Kultalbum Fates Warnings "Awaken The Guardian" aus dem Jahr 1986, das die Band zum letzten Mal mit Sänger John Arch zeigte, bevor Ray Alder zum Quartett aus Conneticut stieß, der seitdem höchstens noch von ein paar Betonköpfen von der Sängerposition wegzudenken ist.

Gut sieben Monate nach der Veröffentlichung ist "Winter Ethereal" meine Platte des Jahres 2019. 

Ich möchte den Anteil von Gitarrist Jim Matheos an diesem Titel nicht schmälern; der Mann erlebt bereits seit einigen Jahren seinen x-ten kreativen Frühling und seine aktuellen Kompositionen für Fates Warning sowie für "Winter Ethereal" sind vielleicht die besten, die er je geschrieben hat. Seine Produktionen sind absolut state-of-the-art; ich habe seit 20 Jahren keine so natürlich und gleichzeitig so groß und offen klingende Metalplatte mehr gehört. Seine Sounds sind geschmackvoll und mehrere Universen von stumpfem Haudrauf-Metal entfernt, stattdessen wohlüberlegt und mit großer Erfahrung ins Sounddesign eingepasst. Auch seine Auswahl von Begleitmusikern für "Winter Ethereal" ist beeindruckend: nicht nur hat er beinahe die ganze Fates Warning Truppe zusammengetrommelt, inklusive früherer Mitglieder Mark Zonder und Frank Aresti, sondern darüber hinaus auch noch Steve DiGiorgio, Sean Malone und Schlagzeuger Thomas Lang für dieses Projekt gewinnen können. Matheos ist ein nimmermüder Suchender, ein intelligenter, emotionaler und introvertierter Musiker, der immer den berühmten Schritt weitergehen möchte, ohne dabei die klassische Signatur seiner Musik zu verlieren. 

Der eigentliche König auf "Winter Ethereal" ist aber Sänger John Arch. Ich habe schon sehr lange keinen Sänger mehr so singen hören. Arch hat sich nach seinem Abschied von Fates Warning vor über 30 Jahren sehr rar gemacht. Außer einer in den frühen nuller Jahren erschienenen EP tauchte er erst 2012 für das erste Arch/Matheos-Album "Sympathetic Resonance" wieder auf. Die Legende sagt, dass er in seinen Ruhephasen überhaupt nicht singt und deswegen ein ganzes verdammtes Jahr zur Vorbereitung benötigt, um entweder ein Aufnahmestudio zu besuchen oder eine Bühne zu betreten, damit er den Rost aus den Stimmbändern kratzen kann. Wer "Winter Ethereal" hört, mag das verstehen: Arch singt um sein Leben. Er singt viel, sehr viel sogar - beinahe ohne jede Verschnaufpause geht es in den allerhöchsten Stimmlagen über die gesamte Spielzeit dahin; tatsächlich wird seine Performance nur von zwei oder drei etwas längeren Gitarrenduellen zwischen Matheos und Aresti bewusst unterbrochen. Jeder ängstlich herbeihallizunierte Reflex, diesen extrem verschnörkelten, aus jedem Ruder laufenden, wieselflink zusammengepuzzelten Gesangslinien selbst zu folgen, sie also nachzusingen, wandert meist nach zwei Sekunden in die nächstbeste Tonne, stattdessen überfällt mich ein Gänsehautschauer nach dem anderen. Sein Gesang, seine Stimme, seine Texte so kraftvoll und so mächtig, seine Melodien so überwältigend, dass ich mir manchmal nicht anders zu helfen weiß als (i) in die Knie zu gehen, (ii) den Tränen freien lauf zu lassen oder (iii) der Herzallerliebsten nachts um 2 eine astreine Air-Mic-Vorstellung vor dem Plattenspieler zu geben. Irgendwo müssen die Gefühle ja hin. 

Alles, was mir musikalisch soviel bedeutet, ist hier zu finden: die emotionale Tiefe von Psychotic Waltz, die Dunkelheit und Melancholie der "Pleasant Shade Of Grey"-Phase von Fates Warning, die Komplexität und Wucht von Nevermore, die Verspieltheit von Dream Theater. Und doch könnte "Winter Ethereal" nicht weiter von Nostalgie und Pastiche entfernt sein.

Ich schrub im hellen Lichte von "Theories Of Flight" bereits vor drei Jahren, dass ich mich so darüber freuen konnte, diese Gefühle wieder entdeckt zu haben: ein hochklassiges, echtes, authentisches, tiefes, melancholisches, herausragend komponiertes und atemberaubend gut gesungenes Metalalbum hören zu dürfen. Jetzt ist es dank "Winter Ethereal" also wieder passiert, vielleicht sogar noch ausgeprägter als 2016. 

Ein echter Meilenstein, ein Meisterwerk, ein absolutes Ausnahmealbum, das mir bis zum Schlagen des letzten Stündleins nie mehr von der Seite weichen wird. 




Erschienen auf Metal Blade Records, 2019.


23.03.2019

Best Of 2018 ° Platz 5 ° Fates Warning - Live Over Europe




FATES WARNING - LIVE OVER EUROPE


Hand aufs Herz und in die Hose: wann haben Sie, werte Leserin, werter Leser, zum letzten Mal das Bedürfnis verspürt, eine Liveplatte zu hören, ärger noch: ein solches Exemplar zu kaufen? In meinem Freundeskreis ("...also ich hab' ja keinen, aber..." - H.Schmidt) sind Livealben so unpopulär geworden wie, die Übertreibung sei mir aus dramaturgischen Gründen gestattet, einem Kaffeeklatsch der AFD Eisleben - Kommando "Hirnschlag" - persönlich beizuwohnen, was angesichts der gleichzeitigen Bedeutsamkeit so mancher oller Schinken für's eig'ne Sein und Tun zunächst merkwürdig erscheinen mag. In diesem Zusammenhang: täusche ich mich, oder waren auf Plastik verewigte Liveaufnahmen früher nicht doch signifikant wertvoller, i.S.v. relevanter, sowohl für die damit möglicherweise noch idenditätssuchenden Bands, die sich nicht zuletzt mit der Performance auf den Bühnen dieser Welt einen Ruf erarbeiten und erspielen mussten, als auch für den Fan, der die im Vergleich mit den Studioalben oftmals lebhafteren, vielleicht gar rauheren Liveversionen genießen wollte - oder der wegen der Ungnade der suburbanen Geburt zur nächstgrößeren Stadt eine dreitägige Pilgerfahrt auf sich hätte nehmen müssen, um seine Lieblingsbands zu sehen? 

Kommerziell spielten Liveplatten, wenn sie nicht gerade aus dem und für den Mainstream heraus produziert wurden, meistens keine große Rolle. In meiner eher untergründlich geprägten Schwermetall-Adoleszenz wurden sie meist schnell und ohne großes Promo-Tamtam etwas lieblos als Überbrückung zwischen zwei Studioalben gequetscht und waren in erster Linie Sammlern und Fanatikern vorbehalten. Mit Liveplatten getätigte gewichtige Statements sind rar, aber für mich gibt es sie nichtsdestotrotz: Iron Maidens "Live After Death", Slayers "Decade Of Aggression", "Another Lesson In Violence" von Exodus, "Lives" meiner Lieblinge von Voivod, Spocks Beards "The Official Live Bootleg", um nur fünf zu nennen, zählen für mich gar zur musikalischen Grundversorgung und finden sich bis heute regelmäßig auf dem Plattenteller wieder. Außerdem, und damit bekommen wir die Kurve zu "Live Over Europe", tummelt sich "Still Life" von Fates Warning auf den vorderen Plätzen; das erste und bislang einzige Livedokument der von Gitarrist Jim Matheos angeführten Progressive Metal-Legende. "Still Life" erschien 1998 und beinhaltet neben Klassikern wie "The Eleventh Hour", "Point Of View" und "Monument", die bis heute fester Bestandteil des Fates'schen Livesets sind, als Kernstück das ein Jahr zuvor veröffentlichte "A Pleasant Shade Of Grey"-Epos in kompletter und livehaftiger Aufführung und war somit bis ins Jahr 2018 hinein die einzige Möglichkeit, die Band abseits der Konzertclubs und also auf der heimischen Anlage live zu erleben. 

"Live Over Europe" war daher unbedingt notwendig - nicht zuletzt durch die nach langen Jahre der Stille gelungenen und triumphalen Rückkehr des Quintetts mit den beiden Alben "Darkness In A Different Light" und ganz besonders "Theories Of Flight", das sich aus meiner unerheblichen Sicht anschickt, sich zu einem modernen Klassiker des Progressive Metal zu entwickeln. Angesichts des neuerlichen kreativen wie erfolgreichen Bandfrühlings entschloss man sich, die im Januar und Februar des vergangenen Jahres durchgeführte Europatournee für das erste Livedokument seit 20 Jahren mitzuschneiden und darüber hinaus mitzufilmen, aber abgesehen vom unten eingebetteten Video, lässt die Verfilmung eines vollständigen Konzerts weiter auf sich warten. 

Das Label Inside Out gab für das Projekt glücklicherweise grünes Licht für ein Mammuttprogramm: die Band puzzelte um einen festgelegten Setlist-Nukleus jeden Abend andere, neue Songs hinzu, ersetzte hier einen komplexen Longtrack mit einem hörerfreundlichen vier Minuten Riffrocker, tauschte da einen US-Metal-Banger aus dem Ray Alder-Pleistozän mit einer live nur selten aufgeführten Akustikballade - und hatte am Ende Aufnahmen von nicht weniger als 23 Tracks auf die Festplatte genagelt, die sich nun auch allesamt auf "Live Over Europe" finden lassen. Die einzigen beiden Wermutströpfchen sind das immer noch ärgerliche und stumpf nervende "Pieces Of Me", das seinen Weg unerklärlicherweise immer wieder in die Setlist findet, und das - von "Part XI" abgesehen - Fehlen von weiteren "A Pleasant Shade Of Grey"-Songs, auf die man vermutlich wegen der Existenz von "Still Life" und dem Wunsch, so viele unterschiedliche und bis dato live unveröffentlichte Songs wie möglich unterzubringen, verzichtet hat. 

Beides ist indes locker zu verschmerzen, wenn sich der Rest in Reichweite schierer Perfektion abspielt: außergewöhnlicher Klang, einzigartige Atmosphäre, herausragende Spieltechnik, legendäre Hymnen des Progressive Metals - gesungen von einem der besten und ausdrucksstärksten Sängern aller Zeiten: Ray Alder singt 2018 besser denn je - trotz fortgeschrittenem Alter und dem anhaltendem Drang, sich mit Kippen die Lunge zu teeren, ist er auf dem sicherlich dezent bearbeiteten Material auf "Live Over Europe", aber eben auch an jenem Abend im Colos-Saal zu Aschaffenburg stets der unumstrittene Herrscher über Raum, Zeit, Ton, Ausstrahlung, Intimität, Kraft und Poesie. Die Band saust zu gleichen Teilen filigran wie kraftvoll durch die mit Ray verbrachten 30 Jahre Fates Warning (Songs aus der John Arch-Ära bleiben wie immer außen vor), und ich freue mich ganz besonders über den mit "Pale Fire" bedachten "Inside Out"-Besuch, das atmosphärisch glänzende "Wish" und den Longtrack "And Yet It Moves" vom Comebackalbum "Darkness In A Different Light", der am oben erwähnten Abend in Aschaffenburg zu ersten Mal überhaupt gespielt wurde und tatsächlich noch etwas holperte, in der nun vorliegenden Fassung aber überaus tight und schlicht umwerfend klingt. 

Erwartbarer Höhepunkt von "Live Over Europe" ist derweil die Interpretation von "The Light And Shade Of Things"; einem Song, der seit seiner Veröffentlichung im Jahr 2016 wenigstens in meinem Buch zu einem der größten Metalsongs aller Zeiten heranreifte und längst auf einer Stufe mit all dem steht, ohne das das Leben zwar denkbar, aber sinnlos wäre. Ich weiß nicht, wo Jim Matheos und Ray Alder nach ihrer seit über 35 Jahren andauernden Karriere als Musiker noch diesen durch die Tiefsee rauschenden Seelenretter mit seinen fuckin' Jahrtausendharmonien hergeholt haben. Ich hoffe, ich werde nie zu alt, doof oder gar tot sein, um diesen Song zu hören, zu umarmen und zu lieben.

"Live Over Europe" ist nicht nur ein phänomenales Livealbum, es dient ebenfalls als Retrospektive auf dreißig Jahre einer sich immer wieder neu erfindenden Band, die ganz besonders seit ihrem Comeback zunächst in einen kreativen Jungbrunnen gefallen, und anschließend runderneuert, euphorisch und mit ungeahntem Energielevel aus ebenjenem herausgekrabbelt ist. 

Ich kann vor dieser Leistung gar nicht genügend Hüte ziehen.


Pressung: +++++ (Wahnsinnig gut. Umwerfender Klang ohne das klitzekleinste Störgeräusch.)
Ausstattung: +++++ (3-LP Set mit beigelegter Doppel-CD im Gatefoldcover. Gefütterte Innenhüllen.)


Das folgende Video wurde zu großen Teilen beim Konzert in Aschaffenburg aufgenommen, bei dem auch Frau und Herr Dreikommaviernull im Publikum waren. Wer unsere Hände, Arme und Gesichter entdeckt, darf sie sich via Standbild ausdrucken und sich an die Wand hängen (z.B. Gästeklo):




Erschienen auf Inside Out Music, 2018.