„Wer sonst gar nichts hat, der hat doch ein Vaterland. Patriotismus ist die Religion der ganz armen Schweine.“ (Wiglaf Droste)
Ich habe von Black Metal keinen sitzen. Beziehungsweise, und diese Einschränkung sei mir erlaubt, habe ich von jenem Black Metal keinen sitzen, der unter dem Begriff der "zweiten Welle" zu Beginn der 1990er Jahre entstanden ist und anschließend so populär wurde, dass er bis heute die Grundlage für das komplette Genre darstellt. Wenn ich sehr kühn sein wollte, könnte ich mich zu der Einlassung hinreißen lassen, mit der ersten Welle in der ersten Hälfte der 1980er Jahre aufgewachsen und also vertrauter zu sein. Mein Bruder hatte sämtliche relevanten Alben im Plattenschrank: Venom, Celtic Frost, Hellhammer, Bathory; für den frühen amerikanischen Black Metal könnten NME und ihr Album "Unholy Death" (1986) als beinahe solitäre Randerscheinung genannt werden, und ganz vielleicht spielt Possesseds "Seven Churches" zumindest hinsichtlich des Auftretens und des Images noch eine Rolle.
Die Wirkung, die vor allem Venoms "Black Metal" und Celtic Frosts "To Mega Therion" auf den damals gerade mal zehnjährigen Florian hatten, spüre ich beim Anblick der Coverartworks und vor allem der Backcover mit den Fotos der Musiker bis heute. Die Einlassung, "tief beeindruckt" gewesen zu sein, ist geradeheraus ein Euphemismus. In Wirklichkeit hatte ich einfach Angst. Die Inszenierung mit schwarzem Leder, Schminke, Kerzen, umgedrehten Kreuzen (ich war Messdiener - nur falls sich jemand fragt, wo ein guter Teil meines Knacks seinen Ursprung hat), die Aura der mystischen, okkulten, unkontrollierbaren Outlaws und die zahlreich kolportierten Tabubrüche nebst sexuellen Innuendos verfehlten ihre Wirkung nicht. Ich erinnere mich an ein Interview mit Venom im Metal Hammer, in dem überliefert wurde, Sänger Cronos müsse sich nun absentieren und auf den bevorstehenden Auftritt vorbereiten, indem er noch schnell ein paar Leichenknochen kaut, damit's mit der Stimme auch so richtig hinhaut - und so lächerlich das fast vierzig Jahre später klingen mag, so groß war 1987 sowohl die Bestürzung als auch die Anziehungskraft. Zudem fehlten mir abseits dessen, was in den Musikmagazinen stand, jeglicher Kontext und der Austausch mit anderen zur Einordnung. Wer hat als zehnjähriger schon Freunde, die darüber diskutieren wollen, ob sich drei geschminkte Ledertypen aus England an Leichen vergehen und Pferdesex haben? Mein damaliger Freund Martin, den ich zunächst mit meiner Iron Maiden-Manie anstecken konnte, sagte mir eines Tages, er würde jetzt lieber die Pet Shop Boys hören. Hätte mir meine Mutter gesagt, sie sei in Wahrheit ein außerirdischer Goldhamster und müsse nun wieder auf ihren Heimatplaneten UX-9318 zurückkehren, hätte ich selbst dafür mehr Verständnis aufbringen können. Was ich sagen will: Martin kam als Ansprechpartner nicht mehr in Frage.
In den folgenden Jahren entwickelten sich allerdings sogar in meinem Kopf ein paar Hirnzellen mehr, auch wenn es sicherlich ein paar Weggefährten gibt, die vehement Gegenteiliges behaupten würden. Das waren vermutlich in erster Linie jene, die sich der ab 1991/1992 in Norwegen aufbäumenden zweiten Welle des Black Metals verschrieben hatten und nicht so richtig erfreut darüber waren, dass ich im übertragenen Sinne lieber die Pet Shop Boys hören wollte. Mir fehlte wirklich JEDE Verbindung zu dieser Musik und dieser Szene. Es klang alles scheiße, es war scheiße gespielt, die Typen, und zwar ALLE!, waren offensichtlich scheiße - der braune Nazisumpf, in dem heute Teile der Black Metal-Szene recht feudal und widerspruchsfrei residieren, sowie die Kapitulation der übrigen Szene, inklusive Presse, Labels, Agenturen, Veranstalter, Clubbetreiber und Fans, hat genau dort seinen Ursprung - kurz: ich wollte damit absolut NICHTS zu tun haben. Black Metal war für mich Venom. Und zwar "Für Immer" (Doro).
Und dieses "Immer" hatte immerhin bis in den Oktober 1996 Bestand, als nämlich die vierte Ausgabe der CD-Beilage des Rock Hard-Magazins erschien. Cradle Of Filth präsentierten hier den Titeltrack ihres just erschienenen Albums "Dusk...And Her Embrace", und obwohl mir der Bandname bereits geläufig war, nicht zuletzt aufgrund der provokanten Cover-Artworks ihrer bisher erschienenen Alben "The Principle Of Evil Made Flesh" und "Vempire Or Dark Faerytales In Phallustein" sowie ihrer teils respektlosen, teils frivolen T-Shirt-Motive, landete die Band bis dato im großen Eimer mit den schlechterdings unantastbaren Bands aus Skandinavien. Was dann allerdings geschah, zählt bis heute zu den größeren musikalischen Revolutionen meines Daseins. Nicht nachhaltig zwar, weil die Tür zum Rest des Genres nach wie vor fest verschlossen blieb, aber ich wurde für die nächsten drei Jahre zu einem beinharten Fan, mit allem Drum und Dran. Zunächst verdrehte mir der Titeltrack tüchtig den Kopf, später das in geradezu euphorischen Zuständen gekaufte Album. Das ist umso erstaunlicher, weil dafür einige ziemlich hohe Barrieren überwunden werden mussten: das typische Black Metal-Gekeife, die Blastbeats, der symphonische Klimbim waren bis dahin für einen, der immer viel Wert auf gute Stimmen und einen guten Groove legte und orchestrale Begleitungen im Metal für Kitsch und ein ärgerliches Missverständnis hielt, gleich eine ganze LKW-Ladung roter Tücher. "Dusk...And Her Embrace" machte mit all dem kurzen Prozess. Plötzlich konnte ich nicht genug davon bekommen. Was zur Hölle ist denn da passiert?
Eine genaue Erklärung dafür habe ich bis heute nicht parat, aber ich kann ein paar Indizien über den Zaun werfen. Erstens klingt "Dusk...And Her Embrace" unglaublich gut - und das bis heute. Ich finde nicht, dass der Platte ihr Alter anzuhören ist. Für damalige Verhältnisse, vor allem, wenn einem noch die unproduzierte Kloake aus Norwegen in der Erinnerung herumschwappt, ist die Produktion geradezu herausragend, weil es der Band und ihrem Produzenten Kit Woolven gelang, die Mehrdimensionalität der Kompositionen einzufangen und deren morbide Dramatik in den Mittelpunkt zu stellen. So wie Slayers "Seasons In The Abyss" exakt so klingt wie das Cover aussieht, nach staubiger Verwüstung, nach Erstickungstod und Agonie, macht "Dusk...And Her Embrace" aus dem Artwork gleich ein ganzes Theaterstück: ein mittelalterliches Schloss im kalten Nebel, Fackeln, Hexen, Dekadenz, Chaos, Syphilis - und mit 27 Jahren liegt man in der Kiste. Irre! Zweitens schlagen die überlangen, verschachtelten Songs unzählige Haken mit wilden Breaks und lassen zeitgleich viel Raum für lange Instrumentalpassagen, beides makellos und maßgeschneidert nachzuhören im achteinhalbminütigen "Funeral In Carpathia" und dessen berühmtes "Never Leave Me"-Break, das gleich mehrere mit unbarmherzigem Drive umgesetzte Speed Metal-Riffs mit eindrucksvoll hymnischer Orchestrierung verbindet. Derlei Komplexität kann ein Handicap sein, wenn entweder der melodische Rahmen bricht oder die atmosphärische Spannung aus den Fugen gerät. Cradle Of Filth halten beide Komponenten über die kompletten 53 Minuten hingebungsvoll auf höchster Intensität, und man kann förmlich hören, wie sie darum kämpfen, die ganze Zeit die Temperatur am Siedepunkt zu halten. Volle Kontrolle bis zur Selbstaufgabe. Drittens hat die Band kompositorisch auch darüber hinaus ein bisschen in die Trickkiste gegriffen und viele Elemente klassischen Heavy Metals in ihren Sound integriert, angefangen bei den von Iron Maiden und der New Wave Of British Heavy Metal beeinflussten Twin-Guitars bis hin zu elegischen Melodiebögen aus dem US- und Epic Metal - es ist in diesem Zusammenhang auch keine besondere Überraschung mehr, dass die Band Maidens "Hallowed Be Thy Name" als Bonustrack coverte. Cradle Of Filth waren im Jahr 1996 deutlich näher an Maiden als an Immortal - und mit Verlaub: das war ich auch.
Meine heiße Affäre dauerte indes nur knappe drei Jahre. Der 1998er Nachfolger "Cruelty And The Beast" war zwar ebenfalls ein herausragendes Heavy Metal-Album, aber dann wurd's ganz allmählich kalt. Zum einen musste ich miterleben, wie Cradle Of Filth auf der 1999er Tour von ihrer Vorband Napalm Death nach Strich und Faden den Arsch versohlt bekamen, zum anderen nahm die Kapelle, die mehr und mehr zu einem Soloprojekt von Sänger/Texter Dani Filth mit angeheuerten Sessionmusikern avancierte, im neuen Jahrtausend ein paar sehr unglückliche Kurskorrekturen vor und wurde immer mehr zu einer stinknormalen Metalband, die sich offenkundig mehr um Vermarktung und Image kümmerte, als um die Musik. Die wurde in meiner Wahrnehmung immer melodischer, langsamer und damit bräsiger, mit optimalem Zuschnitt auf das, was das Ottonormalmetallerpärchen Heinz und Uschi in der Schrebergartenanlage hören wollen, wenn der Bauplan für den neuen Carport durchkalkuliert werden muss. Offen gesagt: Würde ich jene ungünstigen Entwicklungen der letzten 25 Jahre in Betracht ziehen, wäre hier und heute ein Text über eine andere Platte erschienen. Tatsächlich musste ich ein wenig mit mir ringen, ob ich wirklich nochmal so tief ins eigene fast 30 Jahre alte Badewasser steigen möchte. Der positive Bescheid wurde erst erlassen, nachdem im Sommer 2025 eine Re-Releasewelle durch meinen Sossenheimer Kiez schwappte, ich die 90er Alben nochmal Revue passieren ließ und hocherfreut feststellte: man bekommt den Florian (weitgehend) aus dem Metal, aber man bekommt den Metal nicht aus Florian. "Dusk...And Her Embrace" bringt mir immer noch Glücksgefühle. Trotz der vielen Vorbehalte aus praktisch allen denkbaren Richtungen: Unwithfuckable.
Vinyl und so: Aufgrund der höchstwahrscheinlich ausgesprochen verzwickten Rechtslage ist die 1996 erschienene Version von "Dusk...And Her Embrace" bis heute nicht auf Vinyl wiederveröffentlicht worden, was die Erstpressung womöglich zu einem der meistgesuchten Holy Grails des Heavy Metal macht. Die Preise sind so absurd wie indiskutabel. In eine immerhin gewisse Nähe kommt man heutzutage nur mit jener Version, die den Untertitel "The Original Sin" trägt (und die oben auch auf dem Foto zu sehen ist). Hierbei handelt es sich um eine Aufnahme, die die Band mit anderem Lineup als gedachtes zweites Album für ihr damaliges Label Cacophonous Records einspielte. Kurz darauf verklagte die Band allerdings das Label, zerfiel währenddessen in zwei Teile und hatte "Dusk...And Her Embrace" als rechtlichen Kollateralschaden eigentlich schon abgeschrieben. Erst nachdem im Jahr 1995 "Vempire Or Dark Faerytales In Phallustein" erschien, ein Kompromiss mit Cacophonous Records, um anschließend aus dem Vertrag rauszukommen, konnten Cradle Of Filth mit erneuertem Lineup die Platte erneut, nun unter der Aufsicht des oben erwähnten Kit Woolven, aufnehmen und über Music For Nations veröffentlichen. "Dusk...And Her Embrace - The Original Sin" ist also die ursprüngliche Fassung des Albums. Und das hört man. Ob jene Version einen ähnlichen Eindruck auf mich gemacht hätte wie die später erschienene, möchte ich bezweifeln, aber wer Bock auf ein bisschen Musik-Generde hat, könnte beim Philosophieren über die Dynamiken eines Bandgefüges, dem Einfluss eines Produzenten und ganz vielleicht auch ein bisschen der Größe des Aufnahmebudgets in Freudenschreie ausbrechen.
Weiterhören: "The Principle Of Evil Made Flesh" (1993), "Vempire Or Dark Faerytales In Phallustein" (1995), "Cruelty And The Beast" (1998)
"I'm pretty sure - and I'm no doctor - but I'm pretty sure, if you die, the cancer dies at the same time. That's not a loss. That's a draw." (Norm Macdonald)
Die Aufnahme von Spirit Caravan in die Liste der besten Platten der 1990er Jahre war eine echte Hängepartie für mich. Nicht musikalisch, weil es diesbezüglich selbst in meinem überdifferenziert tapezierten Oberstübchen keine zwei Meinungen gibt. Allerdings waren die von Sänger und Gitarrist Scott "Wino" Weinrich während der Corona-Pandemie getätigten Aussagen über das Virus, beziehungsweise dessen Herkunft und Bestimmung - irgendwas mit Eliten, Populationskontrolle, biologische Waffen - verbunden mit dem üblichen Remmidemmi mit Klassikern wie "If we, the people, continue to blindly accept this tyranny we are destined for enslavement." - tja, ich bin jetzt geneigt von "entlarvend" oder gar "enttäuschend" zu schreiben, aber am End' war's weder das eine noch das andere. Wino hat schließlich sowohl textlich als auch hinsichtlich früherer Interviewaussagen und Postings auf Social Media abseits der Pandemie so einiges auf dem Kerbholz, das die ein oder andere hochgezogene Augenbraue provozieren könnte. Nun sortiere ich mein "Deppenmusiker"-Wertesystem immer noch recht regelmäßig nach den beiden Hauptkategorien "Unbedenklich" und "Indiskutabel" nebst unterschiedlicher Unter-, Zwischen- und Drübergruppen und entscheide auf Einzelfallbasis, meine: was hält die Gallenkotze noch im Magen und was bringt sie zum Überschwappen? Wen kann ich noch schmerzfrei hören, wer kann im Plattenschrank stehenbleiben, wer wird zur Persona Non Grata erklärt und bedingungslos vor die Tür gesetzt? So verfuhr ich auch für die Auswahl dieser Bestenliste. Das nur als Disclaimer, falls mir irgendjemand im Oktober 2028, wenn der ganze Spuk hier vorbei ist, und wir immer noch am Leben sind, ein "DU HAST [hier bitte Deppenband einfügen] VERGESSEN!" in die Kommentare brettert. Man darf sich sicher sein: habe ich nicht. Beziehungsweise eben doch, aber mit Absicht. Mein Hausarzt fuhr bei meinem letzten Praxisbesuch einen im Gang stehenden Patienten an, der sich weigerte, das Wartezimmer aufzusuchen: "Sie gehen da jetzt rein. Das ist meine Praxis, ich bin hier der Chef, und sie tun das, was ich ihnen sage. Haben wir uns verstanden? Ja? Schön! Also, da geht's lang!" - In diesem Sinne: ich bin sicher, wir haben uns auch in dem just vorangestellten Kontext verstanden. Suck it up.
Im Falle Spirit Caravan gibt es nun allerdings gar nicht so viel up zu sucken, denn dass also nun mit "Jug Fulla Sun" das Debut dieser bemerkenswert guten Band auf Platz 168 steht, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass meine Wenigkeit sich trotz Winos intellektuell eher unterfordernden Gedankengerölls zu einem prächtig erigierten Daumen hinreißen lassen konnte. Vielleicht ist an dieser Stelle auch die Einlassung noch lohnenswert, dass ich historisch keine ausgeprägte Liebesbeziehung zu Wino und seinen früheren Bands pflege. Ich mag The Obsessed, ich mag ein bisschen St.Vitus, und ich kann sowohl seinen Status als auch Einfluss auf die Subgenres Doom und Sludge anerkennen, aber eine alles durchdringende Liebe war's praktisch nie.
Das sollte sich immerhin im Winter 1999 ein bisschen und lebenssituationsbedingt im Frühjahr/Sommer 2000 sogar ein ganz viel bisschen ändern. Ich kaufte mir die CD von "Jug Fulla Sun" im so legendären wie mittlerweile leider geschlossenen Frankfurter Plattenladen "Musikladen" im Dezember 1999, als ich es mir zwar bis über beide Ohren verliebt, aber leider nur wochenendbezogen, in der ersten eigenen Wohnung im Frankfurter Stadtteil Rödelheim gemütlich machte und gemeinsam mit Instant-Eistee, Haschgift, handgebatikten Vanille-Kokos-Kerzen und heißer Badewanne rauschende Nächte der Vereinsamung feierte, und sowohl hinsichtlich der Wohnung als auch des Albums nullkommanull Eingewöhnungszeit benötigte. Alles klickte sofort. Die "Graf Koks"-Safranpizza vom Italiener gegenüber, die einsam im Wohnzimmer stehende Ledercouch, olfaktorisch ein vor sich hin glühendes Potpourri aus Benson & Hedges, Douglas-Parfümerie und der B-Ebene im Frankfurter Hauptbahnhof - und dazu läuft dieses sonnige und zugleich melancholische, vor positiver Kraft fast platzende Doom-Fuzz-Stoner-Hippie-Geschoss mit den allerbesten Riffs und Grooves über Tage in Endlosschleife. "Schiebt wie Drecksau!" entfuhr es da Ingo, dem Gitarristen meiner damaligen Band Broken, als die ganze Bande mit Augen, deren Schlitze selbst für Zahnseide noch zu eng gewesen wären, im Proberaum saß und Florians wöchentlichem Musiktipp Folge leistete, also nach getaner Band-Arbeit doch noch ein Stündchen dieser Platte zuzuhören. Es waren bewegte und bewegende Zeiten.
Die sogar noch etwas lebhafter wurden, als der Winter zur Seite rückte und den ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres Platz machte. Als ich mich im neonorangefarbenen Opel Corsa auf den freitäglichen Weg zur Herzallerliebsten nach Nürnberg auf die Autobahn schwang und im ubiquitären Stau mit heruntergekurbelten Fenstern und Atomkriegslautstärke einen solchen Geniestreich wie "Melancholy Grey" mit ausladender Armfuchtelei mitsang, immer und immer wieder. Alles war Sonne, Freiheit, Übergeschnapptheit - und "Jug Fulla Sun" passte sich genau in dieses Lebensgefühl ein. Ich halte das bis heute auch deshalb für so bedeutsam, weil Doom ja oft nicht ohne Grund Doom heißt, mit all seiner Schwerfälligkeit, dem Pathos, der Ausweglosigkeit - und bei aller Nähe für jene tiefgrauen Zustände, empfinde ich das immer ein bisschen zu prominent ins Schaufenster gestellte Leid auch manchmal als überkandidelt. "Jug Fulla Sun" hat damit nichts an der Frisur. Ich könnt's jetzt ganz billig und schnell machen und den ollen "Nomen et Omen"-Spruch bringen. Oder "Draußen nur Sonnenkännchen!". Oder die drei Haschblüten vom Grill, Wino, Drummer Gary Isom und den im Jahr 2022 leider verstorbenen Bassisten Dave Sherman die Sonnenkönige des Doom nennen.
Genau so wird's gemacht: Spirit Caravan sind die Sonnenkönige des Doom.
Vinyl und so: Das Album erschien 15 Jahre nach der Veröffentlichung 2014 erstmals via Exile On Mainstream auf Doppelvinyl (mit einem schönen Etching auf der D-Seite). 2023 folgte ein neuer Re-Release von Improved Sequence Records auf schwarzem, grünem und gelben Vinyl. Man bekommt beide Editionen noch, aber muss mit um die 60 Euro für die 2023 Version und mit gut 80 Euro für die Exile On Mainstream Pressung kalkulieren. Letztere hat ein Glossy Cover und klingt super.
Bolt Thrower kündigten im Jahr 2008 an, keine neue Musik mehr zu veröffentlichen. Die Band, seit jeher mit einem so geradlinigen wie kompromisslosen Ethos ausgerüstet, machte deutlich, an ihrem selbst gesteckten Ziel, das perfekte Bolt Thrower-Album zu schreiben, mit dem 2005 erschienenen "Those Once Loyal" angekommen zu sein. Zumindest herrschten offensichtlich Zweifel, das Werk nochmal übertreffen zu können und damit der Tradition zu folgen, ihren einzigartigen Stil mit jeder neuen Veröffentlichung weiter zu verbessern und zu verfeinern. Mit dem unerwarteten Tod ihres langjährigen Schlagzeugers Martin Kearns im September 2015 hat sich das Thema so oder so erledigt. Bolt Thrower sind seit 2016 offiziell Geschichte.
"I can confirm that Bolt Thrower are definitely over for good. There will be no reunion tours. No compromise." (Karl Willetts)
Mit Blick auf die neunziger Jahre, und der Argumentation folgend, jedes neue Bolt Thrower-Album müsse also besser sein als das Vorangegangene, darf sich "Mercenary" aus dem Jahr 1998 die Siegermedaille aus dem Hause Dreikommaviernull abholen. Bei eingefleischteren Death Metal Fans könnte dieses Urteil für einige bioelektrische Gewitter in der Großhirnrinde sorgen, weil insbesondere die beiden Vorgänger "The 4th Crusade" und "...For Victory" einen größeren Kultstatus in der Diskografie haben - und gemessen am zeitlichen Kontext und der Transformation, die die Band vor allem zu Beginn der neunziger Jahre durchlief, ist das selbst für mich durchaus nachvollziehbar. Andererseits folge ich der (Selbst-)Einschätzung der Band und für die nun folgende Einlassung kommen zum Schädelgewitter womöglich auch noch ein Magendurchbruch und eine Fußamputation hinzu: für mich war bis einschließlich (!) des im Jahr 2001 veröffentlichten "Honour - Valour - Pride" jedes neue Bolt Thrower Album tatsächlich stärker als das Letzte. Lediglich das bereits erwähnte und von der Band als "perfekt" bewertete "Those Once Loyal" fällt für meinen Geschmack aus der Reihe.
Auf "Mercenary" stehen hingegen alle Regler auf zehn. Man spürt, dass die Band jede Komponente ihres ureigenen Stilmixes aus einem wirklich alles zermalmenden Groove, feierlichen und für Death Metal-Verhältnisse ungewöhnlich erzählerischen Gitarrenmelodien und der zwischen Abgekämpftheit und Angriffslust pendelnden Stimme von Karl Willetts nochmal angepackt, ausgepackt und optimiert hat. Alles ist ein bisschen größer, weiter, stärker. Vielleicht im direkten Vergleich mit den Vorgängern auch insgesamt mit etwas gedrosseltem Tempo, aber meine Leserinnen und Leser ahnen es bereits: alles für den Groove! Und fuck me, so viele Hits! Allen voran die beiden Klassiker "No Guts, No Glory" und "Powder Burns" (inklusive des 1989 auf "Realm Of Chaos" eingeführten und später mehrmals als Intro fortgesetzten "World Eater"-Themas), die beide zeigen, dass Melodien und Hooklines im Death Metal nicht automatisch ins Niemandsland des Melodic Death Metal führen müssen, einem der nach wie vor größten Missverständnisse des Heavy Metal.
"Mercenary" ist heavy. Sehr heavy. Außerdem heavy. Und nicht zuletzt ziemlich heavy. Darüber hinaus: heavy!
Vinyl und so: Obacht! Meine Reissue-Version aus dem Jahr 2021 hat große Probleme, und ich kann leider nicht sagen, ob das sämtliche Reissues und Farbvarianten betrifft. Qualitativ liegt das Vinyl von Metal Blade üblicherweise im höchsten Regal, aber hier gibt's einen Fuckup, der mir so auch noch nie zuvor unterkam: die Platte wird über die Spielzeit immer leiser. Der Opener "Zeroed" ist laut und ballert, aber schon das letzte Stück auf der A-Seite ist im Vergleich deutlich leiser. Die Entwicklung setzt sich leider auf der B-Seite fort. Ich hatte Metal Blade vor vier Jahren angeschrieben, aber (natürlich!) keine Antwort erhalten. Für das Original aus dem Jahr 1998 in gutem Zustand muss mit einem dreistelligen Betrag kalkuliert werden.
"I don't want your life, I've got my own needs / A life of my own, a chance to be free / Everything that I want, isn't it everything that you've got?" (Living Colour, "Ausländer")
"Stain" wurde das Etikett angehängt, seiner Zeit voraus gewesen zu sein. Das wird im Rückblick gemeinhin über Platten gesagt, die sich beim Publikum nicht so recht durchsetzen konnten und in erster Linie von Musiknerds nicht selten genau dafür geliebt werden. Dabei hat es oft durchaus Gründe, warum so manches Werk nicht zum Megaseller wurde, selbst wenn die Vorzeichen gar nicht so trübe aussahen. Manche Platten sind einfach schwierig. Manche Platten passen nicht in ihre Zeit. Und "Stain" ist schwierig. Ungewöhnlich. Couragiert. Ich weiß nicht, ob es seiner Zeit voraus war, weil das ja irgendwie bedeutet, dass diese "richtige" Zeit mal kommen wird. Ich frage mich nur, welche Zeit das sein soll?!
Living Colour hatten mit dem von Mick Jagger co-produzierten Debut "Vivid", ihrem flinken Locker-Wie-Frischkäse-Funkrock und vor allem der Hitsingle "Cult Of Personality" die Tür zum Mainstreamerfolg schon ziemlich weit aufgestoßen, produzierten dann allerdings mit "Time's Up" einen überraschend harten Nachfolger, auf dem schon der Hit fehlte - und gaben mit "Stain" zwei Jahre später endgültig keinen feuchten Flutschi mehr auf Erwartungshaltungen, den Mainstream, Normen und Grenzen. Die Quittung: "Stain" schaffte es als erstes Living Colour-Album nicht in die Top 20 der US-amerikanischen Billboard-Charts und sollte für ganze zehn Jahre das letzte Album der Band sein.
Living Colour hatten in einen höheren Gang geschaltet und riskierten damit, dass ihnen nicht jeder folgen konnte. Es begann beim Albumcover, das auf ihr flippiges Bandlogo und die bunten, knalligen, fröhlichen Farben verzichtete. Damit wurde das erste Signal gesetzt. Es wird dunkel. Es wird ernst. Produzent Ron St.Germain und die Band inszenierten "Stain" klanglich folgerichtig irgendwo zwischen der Metal-Ästhetik eines Neil Kernon und Steve Albini, roh, intim, laut, verletzlich, unmittelbar. Und für Herrn und Frau Ottonormalrock ist der Ofen schon im Opener "Go Away" aus: ein knüppelhartes und übel groovendes Riff, Thrash Metal Vibes, und ein Text, mit dem man sich als schwarze Rockband im Amerika der frühen Neunziger, milde ausgedrückt, nicht nur Freunde macht:
I see the starving Africans on TV
I feel it has nothing to do with me
I sent my twenty dollars to live aid
I've aided my guilty conscience to go away
Now go away
Now go away
Now go away
Go away
I don't want anybody to touch me
I think everybody has aids
What's the point in caring for you?
You're gonna die anyway
Anschließend singen Living Colour in "Bi" über Bisexualität - Gitarrist Vernon Reid dazu: "I'm really proud of the band for taking the song on. To even go there. It was very risky." - "Ausländer" erzählt aus der Sicht eines Flüchtlings, wie es sich anfühlt entwurzelt in einem fremden Land und in einer fremden Kultur gestrandet zu sein und ständig ausgegrenzt und angefeindet zu werden. "Wall" ruft zur Gemeinschaft und Versöhnung auf und will Mauern zwischen den Menschen einreißen. "Postman", selbst auf dem insgesamt düsteren Album der mit einigem Abstand unheimlichste und verstörendste Song, thematisiert Waffengewalt in den USA aus der Perspektive des Schützen.
In welche Zeit soll "Stain" nun also passen? So ganz allmählich dämmert's.
Vinyl und so: Das Album war wegen eines von Jon Stainbrook initiierten Rechtsstreits für über 15 Jahre out of print, erst 2013 gab es die erste Nachpressung auf CD. Music on Vinyl veröffentlichten das Album ab 2018 in mehreren Versionen auf farbigem und schwarzem Vinyl, die aktuell manchmal für sogar unter 20 Euro zu haben sind. Die Erstpressung gibt es für etwa 35 bis 40 Euro, mit etwas Glück kommt man auch günstiger davon.
Es wäre vermutlich nicht komplett falsch, wenn ich an jener Stelle über das Debutalbum "Blackout In The Red Room" dieser aus Los Angeles stammenden Band sprechen würde, aber, und das ist die Sache: es wäre auch nicht komplett richtig. Zwar wirbelte das 1990 erschienene Album ordentlich Staub auf und gilt bei der immer weiter schrumpfenden Gruppe derer, die noch irgendeinen fickenden Fick für 35 Jahre alte Musik geben, als eines der besten Rockdebuts, und ich möchte ein leise gemurmeltes "Mit Recht!" hinzufügen. "Wasted In America" ist dennoch das bessere Album.
Dabei entstand die Platte unter schwierigen Bedingungen. Die erste Songsammlung, die das Quartett für den Nachfolger von "Blackout In The Red Room" bei Columbia Records einreichte, wurde umgehend abgelehnt. Das Label wollte die Band nach dem Achtungserfolg des Debuts in den Mainstream einsteigen sehen und rief nach der Schleifmaschine, die alle Unebenheiten des Bandsounds beseitigen sollte. Love/Hate zeigten dem Label stattdessen den Mittelfinger und veröffentlichten mit "Wasted In America" ein kratzbürstiges und in Teilen überraschend hartes Statement gegen das Establishment, das sich stilistisch nicht eindeutig kategorisieren lassen wollte. Sleazerock und Glam standen immer noch im Vordergrund, aber zwischen den Zeilen zeigte sich plötzlich ein nur schwer zu dechiffrierender Alternative-Vibe, vielleicht nicht unähnlich zu den Obertönen auf den jeweils ersten beiden Alben von Saigon Kick und Janes Addiction, der die Intensität des Vortrags im Kern erfasste und die Atmosphäre sowohl dunkler als auch gefährlicher einfärbte. "Wasted In America" ist voller Hits, extrem kurzweilig, toll gespielt, toll gesungen und "Yucca Man" - grundgütiger, wollt ihr mich eigentlich verarschen?!
Columbia ließ zunächst das Album und nach eines fehlgeschlagenen Publicity-Stunts von Sänger Jizzy Pearl, der sich am Hollywood-Schriftzug kreuzigen ließ, steckenblieb und in der heißen Sonne Kaliforniens gegrillt wurde, bevor er für ein paar Stunden hinter schwedischen Gardinen saß, auch die komplette Band über die Klinge springen. Kurze Zeit später schlug der Effekt von "Nevermind" endgültig durch und eine ganze Szene landete auf dem Abstellgleis.
Vinyl und so: Für die Originalpressung in gutem Zustand sollten derzeit 50 Euro angesetzt werden. Ein Reissue ist nicht in Sicht - aber es wird allmählich wirklich mal Zeit. Hey, Music On Vinyl! Macht mal!
„Die Eintagsfliege wird bereits zwölf Stunden nach ihrer Geburt von ihrer Midlife-Crisis erwischt. Das muss man sich mal klarmachen!“ (Loriot)
Mir fällt es schwer, die Gedanken zu "A Deeper Kind Of Slumber" zu sortieren. Ich habe auch außerhalb dieser Rückschau auf die neunziger Jahre immer wieder unangenehm häufig von "Anything Goes!" gesprochen, um die Aufbruchstimmung, den kreativen Mut und die Offenheit sowohl von Musikern als auch von Fans in diesem so besonderen Jahrzehnt zu beschreiben - und jedes Mal frage ich mich, ob derlei Charakterisierungsquark möglicherweise nicht doch auch nur ein typisch romantisiertes Narrativ ist, das sich über die Jahre wie eine Nebelbank über die eigene Erinnerung gelegt hat. "A Deeper Kind Of Slumber" war 1997 ein wirklich mutiger Schritt für eine Band, die erst sieben Jahre früher mit tiefschwarz rumpelnden Death Metal auf "Sumerian Cry" debutierte. Selbst wenn die nachfolgenden Alben, allen voran die heute als Klassiker geltenden "Clouds" (1992) und ganz besonders "Wildhoney" (1994), weitgehend mit der Death Metal Vergangenheit brachen und damit die nicht gerade für ihre Toleranz bekannte Fanbase immerhin darauf vorbereiteten, dass Bandgründer und Songschreiber Johan Edlund kein Interesse daran hat, Erwartungen zu erfüllen und sich stilistisch einzuschränken, war der Sprung zum fünften Studioalbum der Band ein gewaltiger.
Und weil das umgehend in den ersten vier Minuten des Albums klargemacht werden musste, eröffnete Edlund das Werk nicht nur mit dem von einer poppigen Gitarrenmelodie getragenen und sehr eingängigen "Cold Seed", sondern koppelte den Song auch noch als erste (und einzige) Single aus, um wirklich jedes Missverständnis hinsichtlich seiner kreativen Vision aus dem Weg zu räumen.
Die Mehrheit derer, die sich von "A Deeper Kind Of Slumber" eine Fortführung des auf "Wildhoney" etablierten Black Floyd Pink Sabbath-Stils erhofften, gingen also hier schon über Bord - und sie hätten für die nächsten 55 Minuten des Albums so oder so vor gewaltigen Herausforderungen gestanden. Denn eigentlich legen Tiamat sogar erst nach dem Opener so richtig los: Edlund verarbeitet seine Erfahrungen mit Psilocybin und LSD und erkundet Traumwelten, in die sich Dead Can Dance, Depeche Mode und Pink Floyd für eine psychedelische Orgie zu Midsommar eingebucht haben. "A Deeper Kind Of Slumber" ist außergewöhnlich couragiert und ambitioniert - und fiel zu seiner Zeit erwartungsgemäß beim Publikum durch. Ich sehe knapp dreißig Jahre später Anzeichen einer Rehabilitierung, aber die Frage bleibt: waren die Neunziger am Ende also doch nicht so aufgeschlossen und unvoreingenommen, wie ich sie abgespeichert habe? Ich habe dafür keine endgültige Antwort in der Tasche, zumindest keine, die sich in fünf oder fünfhundert Zeilen ausformulieren ließe, aber immerhin lieferte das Jahrzehnt jenen Nährboden, der Platten wie "A Deeper Kind Of Slumber" überhaupt erst ermöglichte.
Das mag jetzt ein wenig prätentiös sein, aber ich bin wirklich glücklich darüber, diese Zeiten miterlebt zu haben.
Vinyl und so: Die 1997er Originalpressung mit dem Artwork der europäischen Albumversion bekommt man in gutem Zustand für +/-50 Euro. Erstmal wurde die Platte im Jahr 2009 von Black Sleeves auf Vinyl neu aufgelegt, gefolgt von Century Media-Nachpressungen im Jahr 2018 in vier verschiedenen Farben als Gatefold und mit dem US-Amerikanischen Artwork (das tatsächlich noch diskussionswürdiger ist als die EU-Variante). Gepresst in Deutschland von Optimal Media - und zwar fehlerfrei und mit tollem Sound. Anschließend veröffentlichten Transcending Records aus Chicago (ein äußerst fragwürdiger Laden, Vorsicht ist geboten) und Church Of Vinyl (mit nochmals verändertem Artwork) Nachpressungen.
"Nicht Merkel hat die Flüchtlingsströme ausgelöst. Der Auslöser war, dass den Millionen von Flüchtlingen in der Türkei, Jordanien und dem Libanon von den reichen Industrienationen die Hilfsgelder für die Nahrungsversorgung aus purem Geiz halbiert wurden, gegen alle Warnungen der Fachleute. Dann haben sich Hunderttausende in Bewegung gesetzt." (Georg Schramm)
Corrosion Of Conformity haben in den neunziger Jahren drei Alben veröffentlicht - und die Entscheidung, einfach alle stumpf in die Top 200 zu schmeißen, wäre so grundfalsch nicht. Oder lassen Sie es mich präzisieren: jedes Neunziger-Werk der Band aus North Carolina könnte in den Top 200 stehen. Aber es ist wie im Kapitalismus: jeder kann hier reich werden - aber eben nicht alle.
Nun ist allzu breitbeinige Rockmusik mit Südstaatenduktus und Macho-Attitüde so ziemlich das letzte, mit dem ich in Verbindung gebracht werden möchte, und wer vor allem ihre Alben ab "Blind" (1991) kennt, könnte angesichts dieses just öffentlich gewordenen Widerspruchs des feinen Herrn Florian die Stirn mal wieder in eine schöne Mondlandschaft verwandeln. Aber kann ich mich gegen diesen unerbittlichen Groove wehren? Gegen diese Gitarrenriffs, die durch Panzerglas marschieren können? Gegen eine Produktion, die so lebhaft, so dreckig, so real ist? Ich lamentiere seit Jahren über den ganzen zeitgenössischen rockmusikalischen "Schmarrn" (Beckenbauer), der vom Bodensatz sowohl moralisch wie künstlerisch heruntergekommener Produzenten, Managern und Musikern so anpassungsfähig und zum Kotzen schmutzabweisend hingestrickt wurde, als sei's eine beige OuTdOoRjAcKe für die Sonntagswanderung auf den Rotzenbiegel oder wohin - da lass' ich mal Fünfe gerade sein, wenn das atmosphärische Testosteronniveau in den roten Bereich ausschlägt.
Die Entscheidung für DIE_LISTE fiel praktisch im letzten Moment auf "Wiseblood", das damit den vormals gesetzten und im Jahr 1994 erschienenen Vorgänger "Deliverance" aus dem Rennen nahm. Die Herzallerliebste fragte mich zuletzt beim Testhören, was das denn jetzt eigentlich sei: "Läuft das eigentlich unter Metal? Stoner? Alternative? Oder ist es einfach nur...naja....Rock?!" - und "Wiseblood" ist genau das Album ihrer Diskografie mit der eindeutigsten Antwort auf Fragen wie jene: All of the above. Maximal eklektisch - und gleichzeitig genuin und kompromisslos. Und außerdem einfach heavy as fuck!
Vinyl und so: Das auf Reissues spezialisierte Label Music On Vinyl (MOV) veröffentlichte in den letzten Jahren einige Titel der Band, neben dem ebenfalls als Klassiker geltenden und oben erwähnten "Deliverance" gehört auch "Wiseblood" dazu. Die Version auf schwarzem Vinyl ist aktuell noch für um die 30 Euro erhältlich und auf jeder Ebene absolut empfehlenswert. Es wird gemunkelt, dass Music On Vinyl hinsichtlich der Lizenzierungen für ihre Nachpressungen hier und da im Zwielicht agieren, ihre Qualitätsstandards liegen allerdings auf dem allerhöchsten Regal. Für die 2019, beziehungsweise 2020 erschienenen Varianten auf farbigem Vinyl, ebenfalls über MOV, müssen zwischen 50 und 70 Euro bezahlt werden. Für die Originalpressung in halbwegs gutem Zustand - die Platte ist immerhin mittlerweile auch knapp 30 Jahre alt - kann es dreistellig werden.
"Immer weiter abgeschwiffen. Alles schrumpft. Stetig." (Antitainment)
Jetzt haben sie mich endlich doch noch gekriegt.
Ihr Auftritt auf dem Rockhard-Festival 2018, der vom WDR Rockpalast mitgeschnitten wurde und HIER auf Youtube verfügbar ist, war mein Erstkontakt mit diesem Quintett aus Rotterdam. Und ich war beeindruckt, vor allem davon, wie geil die alle auf der Bühne aussahen. Outfits, Bewegungen und Attitüde schienen zwar durchaus choreografiert, wovon die Authentizität jedoch keinen Kratzer abbekam. Die Band platzt vor Selbstbewusstsein und spielt mit einer Überzeugung, als hänge ihr Leben von jedem gespielten Ton ab. Damit bekommt man mich immer an den Haken. Und mit diesem etwas vernebelt wirkenden progressiv-verschnörkelten Doomrock dann eben irgendwie auch.
Auf ihrem Debut "Here Now, There Then" konnte ich von dieser Magie leider nur noch wenig spüren. Auch Dool kämpften offensichtlich seinerzeit damit, das Durchsetzungsvermögen von der Bühne ins Studio zu rollen. Als 2021 der Nachfolger "Summerland" erschien, und ich immer noch keinerlei Verbindung zu ihren Studioalben aufbauen konnte, strich ich die Segel. Sowas gibt's eben manchmal, aber im Falle Dool war das schon ein bisschen tragisch. Ich gebe zu, dass ich ab der ersten Minute des Rockhard Mitschnitts fasziniert war von der Band. Dass es musikalisch zunächst nicht funken wollte, nagte ein bisschen an mir. Ich wollte die doch gut finden?!
Mit "The Shape Of Fluidity" änderte sich das alles.
Die Eindringlichkeit, der Drang, der "Pull" des Openers "Venus In Flames" steht exemplarisch für das ganze Album, gerät der Einstieg in den siebenminütigen Song doch zu einem der unwiderstehlichsten Momente der Rockmusik der letzten 25 Jahre. Der Drive mit seiner derart viehischen und nach vorne peitschenden Urgewalt nach dem kurzen Intro lässt Dich durch fucking Panzerglas marschieren, bevor der praktisch ansatzlos aufs Spielfeld geworfene Refrain trotz seiner melodischen Öffnung die Intensität unglaublicherweise noch weiter nach oben schraubt. Eine kleine Erlösung erlebt man erst zur Songmitte, wenn sich sowohl die Wucht als auch das Tempo etwas einbremsen und sich gemeinsam auf das große, hymnische Finale vorbereiten, das mit großer erzählerischer Raffinesse inszeniert wird: atmosphärisch stehen wir am Ende der Geschichte, am Ziel einer langen und beschwerlichen Reise. Wir sind angekommen. Wir können durchatmen. Emotional hingegen fühlen wir die Spannung, die Friktion. Es fühlt sich paradoxerweise nach Aufbruch an, nach Öffnung, vielleicht ist sogar ein wenig provozierend.
Kompositorisch ist Dools Musik nicht gerade unterkomplex, das war sie noch nie. Ein paar Schlenker muss man also schon mit ihnen mitlaufen, um nicht abgehängt zu werden. Aber sie können es sich aus gleich zwei Gründen leisten. Erstens spielen hier technisch herausragende Musiker, die stets in der Lage sind, die Metaphorik von Ravens Texten für die große Bühne musikalisch zu inszenieren und sie sicher durch sämtliche emotionale Aggregatzustände zu leiten. Zweitens sind die Songs auf "The Shape Of Fluidity" mit Hooklines geradewegs übersäht. Das hilft zunächst bei der Orientierung, bevor darüber hinaus erkennbar wird, wie vielschichtig diese Kompositionen tatsächlich sind; so als würden erst die hymnischen und verschwenderisch arrangierten Melodien die Türen in die unterirdischen Labyrinthe des Albums öffnen.
Der/Die über allem thronende Zeremonienmeister*in ist Raven van Dorst. Im Jahre 1984 intergeschlechtlich geboren und anschließend als Frau aufgewachsen, ist "The Shape Of Fluidity" vor allem textlich eine bis auf die Knochen ehrliche, zu gleichen Teilen niederschmetternde und kraftvolle Erzählung über die Auseinandersetzung darüber, sich über Jahrzehnte in dieser Ausnahmesituation zu befinden. Über die inneren und äußeren Konflikte, über Identität und Isolation. Aber auch über das Erwachen und über die Verantwortung.
"Would you bathe in my love / Now the time has come?" singt Raven in "Venus In Flames" und das Beben, die Sehnsucht - ja, die Erlösung springt mich förmlich an.
"Integration? Ich bin so frei, von dieser Scheißkultur nichts wissen zu wollen. Deutschlands Werte gehen mir allesamt am Arsch vorbei, ich singe keine Hymne, folge keiner Flagge, werde einen Teufel tun, auf das Grundgesetz, diesen Waffenstillstandspakt im Klassenkampf (Rosa Luxemburg), einen Eid abzulegen, und wünschte mir, jeder Mensch, der hierher geflohen ist, seine Haut vor unseren Exportwaffen zu retten, wäre so frei, es zu halten wie ich." (Hermann L. Gremliza)
Wenn mich jemand nach den zwei besten Metalplatten der letzten 20 Jahre fragen täteräte, müsste ich ohne Zögern "Winter Ethereal" und "Theories Of Flight" nennen, verbunden mit der Einlassung, dass danach für eine VERDAMMT lange Zeit erstmal nichts mehr kommt, weil Heavy Metal und - scheißrein, machen wir es gleich ein bisschen universeller - Rockmusik mittlerweile ein traurig vor sich hindampfender Misthaufen ist; und wer jetzt mit den Augen rollt, weil Florian wieder was "Schlimmes" (Heidi Kabel) gesagt hat, hört sich einfach eine beliebige 2024er Metal-Playlist an und dann sprechen wir uns nochmal. Wie viele Offenbarungseide kann ein Genre aushalten, das den Erfolg von Ghost und Babymetal ermöglicht? Na?! Antworten bitte an die bekannte Adresse, irgendwas mit ZDF und Mainz oder was weiß ich.
Was die beiden eingangs erwähnten Alben indes eint: sie wurden federführend von Jim Matheos ausgedacht, dem Kopf und Herz von Fates Warning. Für "Really Good Terrible Things" haben die zwei hauptsächlichen Protagonisten der Progressive Metal-Legende, also Gitarrist Matheos und Sänger Ray Alder ein neues Projekt gestartet, das ein klein wenig so klingt, als sei es ihr Ziel gewesen, die introvertiertesten Momente ihrer Hauptband seit deren 1994er Album "Inside Out" auszuwählen und sie in zehn neuen Songs miteinander zu verschmelzen. Es ist nicht schwierig, dieses äußerst ruhige und melancholische Album darüber hinaus mit eher unerfreulichen Attributen zu bedenken; "anachronistischer Kitsch" ist vielleicht noch die aufgeräumteste Beleidigung, die mir einfiele. Denn so visionär Matheos für Fates Warning bisweilen agierte, so prähistorisch fällt sein Umgang mit Sounds und Arrangements in anderen Projekten aus, wie beispielsweise auch bei seinen Alben unter dem Namen Tuesday The Sky.
Ich kann all diese vermeintlichen Defizite anerkennen und gleichzeitig sind sie mir völlig egal. "Really Good Terrible Things" hat mir ab der ersten Begegenung den Schlüpper weggedroschen, und selbst wenn es da noch einen Hauch von Gegenwehr gab, war spätestens beim zweiten Song "Flowers In Decay" alles vorbei. Und nur, damit ich es gesagt habe: was das für mich, meinen Hang zum anachronistischen Kitsch und für meine obigen Einlassungen zum aktuellen Zustand des Metals bedeutet, ist mir auch wurscht. "Really Good Terrible Things" ist dunkel und warm, zurückgezogen und introspektiv, melodisch herausragend und außerdem, stating the obvious, sensationell gesungen. Wenn mir Kälte und Dunkelheit unter die Haut kriechen, wenn die zermürbenden Zweifel wie ein wütender Mob vor der Tür stehen, wenn die Angst naht, sind Alder und Matheos die Retter in der Not. Ein Album wie ein heißes Bad in veganer Eselsmilch. Ich will hier nie wieder raus.
Ich schwör': ein allerletztes Mal gibt's den Blick zurück ins Jahr 2023.
Danach...ohjehmine und spoiler alert: geht er sogar noch ein paar Jahre weiter zurück.
Machen wir also jetzt final den Deckel auf 2023, is' ja auch schon bald August. Grundgütiger.
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EARTH HOUSE HOLD - HOW DEEP IS YOUR DEVOTION
Eigentlich war diese Werkschau von Brock van Wey's Earth House Hold-Projekt für lange Zeit meine Nummer 1 des Jahres 2023, bis ich mich schlussendlich dagegen entschied, eine Compilation in die Bestenliste zu wuchten, noch dazu auf die Spitzenposition. Dann ist es allerdings heute umso wichtiger, über "How Deep Is Your Devotion" zu sprechen. Während ich diese Zeilen schreibe, ist es 10 Uhr an einem Sonntag im Juli 2024. Es ist sonnig, aber glücklicherweise nicht zu warm. Das Fenster ist sperrangelweit offen und in Sossenheim herrscht eine Ruhe, wie ich sie als Kind von den sommerlichen Besuchen bei meinen Großeltern im pfälzischen Nirgendwo kenne. Man spürt das Nichts mehr, als dass man es hört. Es duftet nach schwarzem Kaffee mit einem Hauch Bergamotte. "How Deep Is Your Devotion" läuft, und ich wünsche mir, dass die Zeit stehenbleibt. Die Entwicklung zu verfolgen, die Brock über die vier EHH-Alben auf die muskalische Leinwand gezaubert hat, das Abdriften eines so oder so schon sehr speziellen Deep House-Ansatzes in eine immer weiter gedehnte, dekonstruierte, eigentlich sich in Auflösung befindliche Version mit solch skurriler Schönheit und mehr versteckten, vergrabenen, vernebelten Zwischentönen, als ich jemals hören könnte, ist das Eine. Das andere ist, dass man sich wünscht, diese Musik würde nie enden. Dieser Moment würde nie enden.
Erschienen auf A Strangely Isolated Place, 2023.
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FILM SCHOOL - FIELD
Shoegazing in LA. Das kalifornische Sextett um Bandgründer und Chef im Ring Greg Bertens fiel mir erstmals mit ihrem zweiten Album "Film School" im Jahr 2006 positiv auf, und ich bin hocherfreut, dass die Truppe über die ganzen Jahre durchgehalten hat - das gilt umso mehr, wenn noch so starke Platten wie "Field" in ihren Herzen und Köpfen schlummern. Wer vom aktuellen Slowdive-Album auch so enttäuscht wurde, darf schon mal entspannt das nächste Tütchen drehen: "Field" ist ultrakompakt komponiert, hat einen guten Drive und trotzdem soviel Tiefe, dass einem Songs wie "Up Spacecraft" oder "Don't You Ever" (mit einem 1995er Monster Magnet-Gedächtnisriff) sofort unter die Haut kriechen.
Erschienen auf Felte, 2023.
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RAY ALDER - II
Soloalben sind immer so eine Sache. Eigentlich stehen sie schon ab dem Moment der Ankündigung ein paar Stufen unter dem Output der Hauptband. Das Solodebut von Fates Warning-Wundersänger Ray Alder "What The Water Wants" aus dem Jahr 2019 war im Rückblick und abgesehen von Alders gewohnt brillantem Gesang eine Enttäuschung. Zu zahm, zu oberflächlich, und irgendwie auch zu egal. Folglich waren meine an "II" geknüpften Erwartungen von leichter Unterkühlung geprägt, aber siehe da - "II" ist um Welten besser als das Debut, ist zu gleichen Teilen emotionaler als auch heavier. Insgesamt inszeniert Alder seine Musik natürlich gradliniger als im Kontext von Fates Warning, und sein immer noch vollkommen intaktes Gespür für einnehmende Gesangsmelodien im Zusammenspiel mit bisweilen satt tiefergelegtem Unterwasser-Riffing, erzeugen ein ums andere Mal echte Überraschungsmomente. Das gilt mittlerweile nicht mehr für Alders Gesangsleistung: man erwartet Übermenschliches - und das bekommt man dann auch. Weiß Gott keine Selbstverständlichkeit, aber das hat er nun davon, so fucking gut zu sein. SO FUCKING GUT!
Erschienen auf Inside Out, 2023.
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DANNY PAUL GRODY - ARC OF DAY
Und nochmal Kalifornien, dieses Mal San Francisco. Sein Album "In Search Of Light" aus dem Jahr 2011 hatte ich seinerzeit als "Sorgenbrecher" bezeichnet, und seine Musik ist auch 13 Jahre später noch immer genau das. Ich hatte es leider versäumt, über sein 2021er Werk "Furniture Music II" zu berichten, das mir in der Pandemie Hoffnung und Licht ins Sossenheimer Outback brachte, aber das passiert mir nicht nochmal. Die Ruhe und die Kontemplation, die vom inneren Kern von "Arc Of Day" ausstrahlt, macht mein Leben besser. Ich schmecke die Luft an der US-amerikanischen Nordwestküste, spüre den Sand zwischen den Zehen, die Sonne auf der Haut. Eigentlich ist das Psychotherapie, nur ohne Reden. Zuhören sollte man aber.
Erschienen auf Three Lobed Recordings, 2023.
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AYAAVAAKI & PURL - ANCIENT SKIES
Purl sagte kürzlich über "Ancient Skies", es sei eine der einzigartigsten Platten, die er je aufgenommen hat - und wer sich darüber im Klaren ist, wie viele Alben dieser Kosmopolit schon veröffentlichte und wie bescheiden er für gewöhnlich auftritt, mag erahnen, wie wichtig ihm ausgerechnet dieses Werk ist. Gleichzeitig kann der Eindruck entstehen, "Ancient Skies" sei ein wenig vom Radar der Ambientfans gerutscht und damit also unterschätzt und/oder übersehen - und das muss ich für meine Wenigkeit leider bestätigen. Es gibt einfach viel zu viel Musik und das Leben raubt mir viel zu viel Zeit - und dann legt Purl eben noch immer ein atemberaubendes Veröffentlichungstempo vor. Hinzu kommt: "Ancient Skies" ist in der (digitalen) Orginalfassung fast zweieinhalb Stunden lang, und einfach zu hören ist das nicht unbedingt. "Ancient Skies" ist einerseits dramatisch und opulent, andererseits spielt sich so viel unter den hörbaren Schwingungen dieser Musik ab, ist subtil, manchmal mystisch. Wenn der halbe westliche Planet damit beschäftigt zu sein scheint, das durchs Social Media-Dauerfeuer schön herangezüchtete ADHS zu füttern, erscheint es lohnenswerter denn je, sich einfach mal für zwei Stunden auszuklinken.
Hinweis: die Doppel-LP hat lediglich acht (statt vierzehn) Songs in zum Vergleich zur digitalen Version editierten Fassungen.
"Heavy Metal is the most conservative of all loud music. Let's face it, not even a gym teacher could get as many people to dress alike." (Jello Biafra)
Über meine besondere Liebesbeziehung zu Overkill habe ich zuletzt vor zwei Jahren im Rahmen meines Reviews zum ihrem "The Atlantic Years"-Boxset referiert, und wer sich diesen unfassbar langen und -weiligen, gut fünfzehnminütigen Monolog noch nicht angeschaut/angehört haben sollte, well: "Enjoy!"
Nun ist es aber auch so, dass ich mit meiner Abneigung sowohl gegen zeitgenössichen Metal als auch gegen jene Bande von abgehalfterten Geronten, die vor vierzig Jahren mal eine Handvoll Songs auf die Reihe bekommen haben, nun am Nasenring durch die kapitalistischen Endverwerterfestivals des "Häffi Meddl" (Loddar) geschleift werden, um sich mit ein paar Euro den knittrigen Rentensack aufbügeln zu lassen und praktisch nur für die Stagetime aus dem Krankenhausbett und/oder Nachttopf geschweißt werden, nicht unbedingt hinterm Berg halte und sie damit also auch nicht zum ersten Mal äußere - was mir stets nur die allerfeierlichsten Liebesbriefe von den Kuttenadolfs mit bioelektrischem Gewitter in der Großhirnrinde beschert. Und auch wenn Overkill weder in die eine, noch in die andere Kategorie so richtig hineinpassen - (1) zeitgenössichen Metal machte die Band zuletzt circa 1991 und (2) trotz ihrer nur schwer aushaltbaren Schwächephase in den nuller Jahren waren sie einfach IMMER da und spielten konsequent ihren Stiefel - so lassen sich dennoch Elemente davon ihrer Musik und ihrem Auftreten finden; es scheint ihnen allerdings in meiner Welt weniger als anderen Metalboomern etwas anzuhaben. Daher gilt das eiserne Gesetz im Hause Dreikommaviernull: in jede neue Overkill-Platte wird wenigstens reingehört. Ihr ureigener, hochspezialierter Thrash Metal-Stil mit den typischen Punk- und Hardcorevibes der US-amerikanischen Ostküste, ihre kaum glattpolierte Räudigkeit mit seltsamerweise immer noch authentischer "Fuck You!"-Attitüde, ihr immer noch sehr hohes Energielevel - mein vierzehnjähriges Reptiliengehirn findet vieles davon auch heute noch sehr, sehr anziehend.
Und so höre ich seit dem 1999er Album "Necroshine" in jedes neue Album rein, schätze fast immer den Drive und die Frische, finde ebenfalls fast immer ein paar Höhepunkte und ein paar solide Overkill-Generika, wundere mich darüber, wie gut die Stimme von Blitz immer noch klingt, und sinniere darüber, wie sie ihn wohl fürs Studio immer wieder so gut hingebogen bekommen (die Antwort: reiner Sauerstoff!), ärgere mich über den heutzutage leider typischen, lauten, undynamischen, phantasielosen Plastiksound, ärgere mich noch mehr über die seit vielen Jahren ubiquitären Einflüsse klassischen Metals mit eingängigen, kitschigen, hypermelodischen Refrains und Soli, wirklich der allerschlimmste Offenbarungseid eines ganzen Genres gegenüber des mental tiefergelegten ADHS-Publikums, und freue mich dennoch schlussendlich, dass sie immer noch da sind. Denn eine Metalszene ohne Overkill ist zwar möglich, aber sinnlos. Ich entschuldige mich für das absolut frische und unverbrauchte Zitat aus dem Loriot-Pleistozän.
Seit 1999 und also "Necroshine" hat es allerdings kein einziges neues Album des New Yorker-Quintetts mehr in die Sammlung geschafft - und wie anhand dieses Reviews zu erkennen ist, änderte sich dieser Zustand mit "Scorched". Wer hätte das gedacht?
Ich jedenfalls nicht, aber sei's drum: mindestens die Hälfte der Songs auf dieser Platte sind so gut wie seit des 1994 erschienenen Albums "W.F.O." nicht mehr. Der Titeltrack, "The Surgeon", "Wicked Place", "Fever" und "Bag O' Bones" sind knallharte, funkensprühende, energiegeladene Granaten, die jeden Thrashfreak in den Wahnsinn treiben können. Dazu gibt es einige Experimente, die zwar im Kontext Ihres Lebenswerks nicht umwerfend revolutionär erscheinen - die Band hatte vor allem in der Frühphase ihrer Karriere sowohl den Mut wie auch die Fähigkeiten, ihrer Liebe zu Black Sabbath mittels einiger sehr doomigen, schleppenden Songs wie zum Beispiel "Playing With Spiders/Skullkrusher" Ausdruck zu verleihen - die aber vor dem Hintergrund des Zustands aktuellen Metals fast schon wie ein "Aufstand der Anständigen" (Gerhard "Acker" Schröder) wirken. "Fever" ist beispielsweise eine harzige Huldigung an Ozzy/Sabbath, die angesichts der stimmlichen Ähnlichkeit zum Oppa of Darkness beinahe meinem bislang erfolgreich verlaufenden Unterfangen, einen Ozzy-freien Haushalt zu führen, gefährlich wird. Und obwohl "Fever" hier und da einen ganzen Gang runterschaltet, verursacht es keine Schäden an der wuchtigen Gesamtwirkung des Albums. Toll! "Wicked Place" bringt uns im Chorus ebenfalls einen doomigen Touch mit viel Macht, viel Druck, viel Neunziger. Viel Gut!
Die übrigen Songs sind im besten Fall solide wie "Harder They Fall" oder "Twist Of The Wick", im weniger guten Fall unnötig bis ärgerlich: "Going Home" startet eigentlich als guter, straighter Thrasher mit Reminiszenzen an die "W.F.O."-Ära, bevor er vom melodischen Chorus und den ultrapeinlichen Kosackenchor-Shouts gekidnappt und mit Handschellen gefesselt ins niederste Bierzelt gezerrt wird, wo sich schon Jürgen und Annika das Prosit zur Gemütlichkeit gegenseitig ins Genital singen. Einziger echter Tiefpunkt ist für mich "Won't Be Coming Back" und ich fürchte, ich muss es dabei schon belassen - das ist für Overkill-Verhältnisse schlicht ein unwürdiges Nichts von einem Song. Mir fällt dazu nicht viel ein.
Insgesamt aber, und abgesehen von zwei, drei heiklen oder gar unterwältigenden Momenten, ist "Scorched" eine echte Überraschung. Ein hartes und gewaltiges, in einigen Passagen sogar intensives Thrashalbum und ziemlich sicher das beste Genrewerk seit Toxik's "Dis Morta" aus dem Jahr 2022. In Hinblick auf den Backkatalog der Band lasse ich mich mittlerweile sogar dazu hinreißen, "Scorched" als bestes Overkill-Album seit 1994 ins Karteikästchen einzusortieren.
In voller Anerkennung dessen, dass meine Wenigkeit nicht dafür bekannt ist, solche Sätze allzu leichtfertig ins Weltnetz zu häkeln: ich empfehle Ihnen dringend, "Scorched" auf Urknall-Lautstärke zu hören.
Uff, das wird nicht leicht. Den scharf denkenden Scharfdenker*innen mag aufgefallen sein, dass im letztjährigen Bestengetümmel ausgerechnet jene Band fehlte, die ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit als die beste Metalband aller Zeiten bezeichne. Und das, obwohl das kanadische Ensemble im Jahr 2022 sogar ein neues Album herausbrachte - nicht, dass der Umstand zwingend notwendig ist, um in die Bestenliste zu rutschen - für Voivod würde ich immer einen Weg finden; notfalls erfinde ich einfach eine Platte, mir doch egal.
Lösen wir hiermit also wenigstens dieses Rätsel (des süßen Nichts), dass uns alle (niemanden) schon so lange (noch nie) so beschäftigt (langweilt).
Nun erschien "Synchro Anarchy" also im Februar 2022 und ich hörte und hörte und hörte und hörte und hörte - und es bewegte sich absolut gar nichts. Nada. Rien. "Nassing!"(Olaf "ohne Deutschland darf nie wieder ein Krieg ausgehen" Scholz). Das war schockierend. Noch ein kleines bisschen schockierender war es, dass sich daran auch im weiteren Verlauf des Jahres nichts änderte. Die Band klingt auf "Synchro Anarchy" zum allerersten Mal in ihrer Karriere blutleer und bräsig. Ich kann beinahe nicht glauben, dass ich das wirklich öffentlich schreibe, aber sogar das Schlusslicht ihrer Diskografie "Infini" hatte noch eine Handvoll mehr Lebensgeister in den Plattenrillen stecken. In erster Linie muss ich das wohl der Produktion von "Synchro Anarchy" ankreiden, der wirklich jeder Esprit, jede Energie, jedes Leben abgeht. Das Album klingt, als wäre es in einem sterilen 4x4 Meter großen und komplett gedämmten Raum aufgenommen worden, in dem der Band vor dem Drücken der Aufnahmetaste all das operativ entfernt wurde, was sie für gewöhnlich ausmacht: Spielfreude, Spritzigkeit, Luft, Raum, Heaviness, die Lust am Wahnsinn. Vor allem Chewys Gitarre klingt so verdammt clean und gedrungen wie ein Gitarrenvideo von Peter Bursch aus dem Jahr 1986.
Vor dem Hintergrund meiner früher getätigten Einlassungen, die Band in den aktuelleren Mark VI/Mark VII-Besetzungen immer dann am besten zu finden, wenn sie die Haudraufundschluss-Ästhetik für psychedelischere und insgesamt leicht zurückgenommene, luftigere Momente ausfranst und nicht auf Teufel-komm-raus den Kuttenheinzies mit der x-ten Neueinspielungen ihres "Killing Technology"-Albums gefallen möchte, könnte man jetzt mit leicht schnippischem Unterton darauf hinweisen, dass "Synchro Anarchy" doch jetzt genau solche heruntergedimmten Elemente vorweisen würde - und jetzt wär's mir also auch wieder nicht recht? Ich bin kognitiv in der Lage, den imaginären Einwand nachzuvollziehen und vielleicht verstehe ich das ja alles auch nicht mehr, zu alt, zu doof, lebendig begraben unter der Last der Erwartungshaltung, aber: mit "zurückgenommen" meine ich nicht "ausgeblutet".
"Synchro Anarchy" ist mir ein Rätsel. Es macht überhaupt keinen Spaß, diese Platte zu hören.
Vinyl: Meine Version auf silberfarbenem Vinyl ist flach (no pun intended) und hat keine gröberen Hintergrundgeräusche. Die Schallplatte rettet den plattgequetschten Sound der Aufnahme aber leider auch nicht. Außerdem: bedrucktes Inlay mit Texten und ein beiliegendes A2-Poster. (++++)