Posts mit dem Label indierock werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label indierock werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

05.01.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #167: Stereolab - Transient Random-Noise Bursts With Announcements (1993)



STEREOLAB - TRANSIENT RANDOM-NOISE BURSTS WITH ANNOUNCEMENTS


In Erinnerung an Mary Hansen (1966 - 2002)


Guten Tag zusammen, hier ist Werner Schulze-Erdel, ein herzliches Willkommen bei einer neuen Ausgabe von Familienduell. Auch heute treten wieder zwei Familien gegeneinander an und versuchen mit der höchsten Punktzahl ins Finale einzuziehen. Wir begrüßen Familie Bratwurst aus Erfurt *applaus* und natürlich unsere Titelverteidiger vom letzten Mal Familie Sack aus Gesicht am Rhein *gelächter**applaus*. Jetzt geht's los, starten wir gleich mit der ersten Runde.

Gesucht werden die sechs häufigsten Antworten. Wir haben einhundert Personen gefragt: Welches Wort fasst am besten die musikalischen Strömungen der 1990er Jahre zusammen?

*UMPF* - "Heinrich war am schnellsten, Deine Antwort!" - "Innovation" - "Heinrich sagt: Innovation."

*blingblingblingblingbling* - "Joaaaaa, auf Platz 3 der meistgenannten Antworten, nicht schlecht. Angelika kann das aber mit ihrer Antwort schlagen - Angelika, wie lautet Deine Antwort?" -"Vielseitigkeit" - "Angelika sagt "Vielseitigkeit". Schauen wir mal."

*blingblingblingblingbling* - "Oooooh, Platz 1, sehr gut - dann geht's jetzt mit der Familie Sack auf in die nächste Runde!"

Korbinian, Du bist gerade erst 37 Jahre alt geworden und spielst in Deiner Freizeit am liebsten mit den Unterhosen Deiner Oma. Wir spielen jetzt mit Dir weiter. Biste aufgeregt? Musste nicht, wir sind hier alles Familie, ehehehe. Also: Gesucht werden nun die fünf am häufigsten genannten Antworten auf die folgende Frage; einhundert Personen haben wir wieder gefragt: Welche Band oder welches Musikprojekt verkörperte in den 1990er Jahren Innovation und Vielseitigkeit in ihrer Wahrnehmung am besten? - uuuund die Zeit läuft! 

"Hmmmm…." - "Jetzt aber schnell, Korbinian - die Zeit läuft." "Mmmhhhmmmm…." - "KORBINIAN...." 

- "STEREOLAB!"

Korbinian sagt "Stereolab" - *blingblingblingblingbling* - "OOOOOHHHH - Stereolab auf Platz 1 bis 5 - damit gewinnt Familie Sack den goldenen Plattenspieler vom Fass, herzlichen Glückwunsch! Liebe Zuschauer, das war's für heute, schalten sie demnächst auch bloß nicht wieder ein. Tschüss! 

*zu Korbinian* "Sag mal, hast Du noch so eine Unterho *sendeschluss*

--

Ich vergesse immer ein bisschen, wie viele große, populäre Trends in den 90er Jahren außerhalb der von mir bewohnten Alternative-Bubble noch ins gesellschaftliche Kollektiv- und Konsensbewusstsein einbrachen und damit jene kulturellen Weichen stellten, die bis heute für Transport und Kommunikation neuer musikalischer Entwicklungen Verwendung finden - Techno und House, RnB und Hip Hop, Britpop und Eurodance - und wenn wir ein Stockwerk runterfahren und ganz kühn sein wollen, fügen wir noch Postrock hinzu - transformierten die ehemals  kruden Anfänge der häufig nicht mal abgesteckten Genres in Massenphänomene und schufen damit nicht nur global wirkende Identifikationsräume, sondern damit auch zwangsläufig ein hochdiversifiziertes Ökosystem von Subkulturen. Mir ist schon klar, dass derlei Verkürzungen für Organschäden und Wutausbrüche bei meinen Leserinnen und Lesern sorgen können, aber wir sind hier ja auch nicht in einer von Teddy Adornos Vorlesungen, sondern auf einem Deppenblog aus Deppenheim, dessen Depp vom Dienst gerade manisch damit kämpft, diese einigermaßen unerklärliche Band zu dechiffrieren. 

Denn die 1990 von Tim Gane (Gitarre und Keyboard) und Lætitia Sadier (Gesang, Keyboard und Gitarre) in London gegründeten Stereolab sind ein Universalphänomen. Im Opener "Tone Burst" klingt's, als würden Sonic Youth im frühen 20.Jahrhundert die Monster & Mutanten-Show eines Jahrmarkts musikalisch begleiten, im Hit "Pack Yr Romantic Mind" nehmen Stereolab gleich eine Handvoll Postrock Alben aus Chicago vorweg, in "Golden Ball" schrauben sich Velvet Underground - mit Nico, klar -  und die Frühneunziger-Ausgabe von Monster Magnet gemeinsam ins Nirvana, nachdem alle eine Opium-Hochdosistherapie ins Frühstück gemischt bekamen. Der über 18-minütige Frontalangriff "Jenny Ondioline" versammelt bei fast durchgängig und stoisch durchgepeitschtem Uptempo alle großen Hypnoseartisten unserer Zeit, angefangen bei My Bloody Valentine über Sonic Youth und Neu! bis hin zu The Cure, gönnt sich aber mit Sadier's französisch-englischem Kauderwelsch melodisch sehr eindrücklich inszenierte Pop-Momente, die den dunklen Vibe des Songs immer wieder brechen. 

Eigentlich bekommt man das alles nicht so richtig auf die Reihe, diesen Wahnsinn aus dieser albern zischenden Farfisaorgel, dem das ganze Werk durchziehenden kosmischen Retro-Futurismus, den kantigen Gitarrenrock, den naiv-kindlichen Pop-Gesang der beiden Sängerinnen Sadier und Mary Hansen, bei dem man sowieso stets ins Zaudern gerät, ob hier Distanz oder Zugang entstehen soll. Und obwohl hier eigentlich alles "NEUNZIGER!" kreischt, das experimentelle Element, die Courage, die Unberechenbarkeit, die Slacker-Attitüde und nicht zuletzt auch das Coverartwork, hat "Transient Random-Noise Bursts With Announcements" auch 32 Jahre später seinen Biss nicht verloren - zeigt es doch auf geradewegs schockierende Weise, wie viel Innovation, Diversität und mit Verlaub: Aufbruchstimmung wir in den letzten Jahrzehnten an die Gleichmacher verloren haben. Sowas darf einfach nicht in Vergessenheit geraten.



Vinyl und so: Warp hat 2019 insgesamt sieben Stereolab Alben als Deluxe-Editionen wiederveröffentlicht, darunter auch "Transient Random-Noise Bursts With Announcements". Die 2019er Version kommt als Dreifach-LP im Gatefold mit dickem PP-Sleeve und großem Poster und beinhaltet neben der Originalversion des Albums auch noch alternative Songversionen, Demos und bislang unveröffentlichte Mixe. Diese Ausgabe ist noch für um die 35 bis 40 Euro zu bekommen. Im Februar 2025 hat WARP mit einem neuen Reissue nachgelegt, dieses Mal allerdings ohne die Deluxe-Zusätze. Auch hierfür sollten 35 bis 40 Euro einkalkuliert werden. Ich selbst habe erstgenannte Version und halte sie für eine sehr empfehlenswerte Anschaffung. 


Weiterhören: "Emperor Tomato Ketchup" (1996), "Dots And Loops" (1997)





Erschienen auf Duophonic Ultra High Frequency Disks/Elektra, 1993.


05.09.2021

All On The Black




LEYA - WATCH YOU DON'T TAKE OFF

Liebe LeserInnen,

Während ich im Fiebertraum an etwas arbeite, das irgendwann mal die intellektuelle Verdunkelung dieses Blogs mit dem großen "Bad Religion Album-Ranking" fortführen wird, ich muss ja die zweite Jahreshälfte irgendwie rumbringen, beziehungsweise ihr entgegendämmern, gibt es nach dem geborgenen Interview mit The Sea And Cake noch eine weitere Resteverwertung aus einer anderen Zeit und einem anderen Leben. 

Als Schreibknecht beim Hamburger Tinnitus-Mag zur Mitte der nuller Jahre war ich angehalten, jeder Plattenbesprechung eine Punktzahl anzuhängen und also jede Platte auf einer Skala von 1 (Atommüll-Endlager) bis 10 (Bundespressekonferenz auf Acid) zu bewerten. Aus der etwas diesigen Erinnerung heraus lag mein Notendurchnitt sicherlich deutlich unter sechs Punkten - ich bekam wirklich erschütternd viel Schrott und noch mehr Middle-Of-The-Road-Gerocke zugeschickt; letzteres empfand ich oft als mindestens genauso ärgerlich wie den klar erkennbaren Bodensatz, weil es sich in jenen Fällen irgendwie verbat, emotional einigermaßen aufgewühlt und mit sprachlicher Finesse das eigene Ego zu befriedigen, sich also vermeintlich lustige Analogien und Metaphern einfallen zu lassen. Egale Musik war eben schon immer egal, und ein triviales Schulterzucken macht selbst der beste Comedian der Welt nicht zur guten Unterhaltung. Einen Verriss zu schreiben kann dagegen ein großer Spaß sein, und weil Spaß wirklich die überbewerteste Kernscheiße der Welt ist - guckt euch domma um, in welchem Autounfall wir hier leben, Ihr Assos! - und ich sowieso seit Anbeginn dieses Blogs stets darauf hinwies, gibt's auf Dreikommaviernull auch keine ebenjenen zu lesen. Weder Spaß noch Verriss. If you wanna see juggling, go watch clowns.

Mit Noten von 8/10 oder gar höher, tat ich mir gleichfalls immer schwer. Platten, die damals acht Punkte von mir bekamen, hätten von einem anderen, möglicherweise sagen wir mal: etwas unkritischeren Geist sicher eine 14/10 eingefahren, und um diesen Schwachsinn von Schwachsinnigen etwas auszubalancieren, war ich in der Redaktion als notorischer Tiefwerter bekannt. Ich glaube, ich vergab in den zwei Jahren meiner Mitarbeit an maximal zwei Platten eine 9. 10 Punkte waren eigentlich komplett undenkbar. 

Bis zu dem Tag, an dem ich tief durchatmete und eine 10 vergab. 

Wenn sich heutzutage wirklich noch irgendjemand außer mir dafür interessieren würde und mich also fragte, wie es denn 15 Jahre später damit aussieht und ob ich die zehn Punkte für "Watch You Don't Take Off" auch heute noch verteilen würde, dann müsste ich die Frage verneinen. I have moved on - und eigentlich war ich bereits im Sommer 2006 weitergezogen. Und trotz meiner natürlichen, und ich kann es nicht diplomatischer formulieren, "Skepsis" gegenüber dieser Spielart des im Pathos geradewegs abgesoffenen Indierocks, dem man zu allem Überfluss sowohl seine geografische Heimat als auch die Epoche anhört, in der er entstand, verstehe ich den Typen aus dem Jahr 2006 auch heute noch ganz gut und weiß, warum die Vergabe von zehn Punkte damals unausweichlich erschien. Während ich diese Zeilen schreibe, läuft gerade der Abschlusstrack "All On The Black" und ich bekomme immer noch eine kilometerdicke Gänsehaut. Ich kann mich gegen sowas einfach nicht wehren, das drückt einfach alle, alle, alle Knöpfe. Auch im Jahr 2021: Der blanke Wahnsinn. Wo hat diese Band das bloß hergeholt?

Bleibt mir zum Abschluss noch festzuhalten: entgegen aller völlig logischen Erwartungen, halfen die zehn Punkte von einem kleinen idiotischen Kartoffeldeutschen der Band nicht dabei, den winzigen und wahrscheinlich von einer abgewichsten Promoagentur herbeihalluzinierten "Hype" zu bestätigen. "Watch You Don't Take Off" sollte das einzige Lebenszeichen von Leya bleiben, die Band löste sich wenig später sehr sang- und klanglos auf. Leider erschien das Album nie auf Vinyl und die Chancen stehen denkbar schlecht, dass sich das nochmal ändert, denn viel tiefer untergehen kann eine Platte nicht. Wirklich nicht. Der daraus resultierende Vorteil ist indes, dass die längst gestrichene CD mittlerweile für unverschämt kleines Geld im Internet zu beziehen ist. 

Ich habe für diesen Beitrag meinen Rezensionstext von damals ausgegraben. Vielleicht versüßt die Platte jemandem die wahrlich abgefuckteste aller Zeiten.

--

Leya - Watch You Don't Take Off


Wasserwirbel. Herzensbrecher. Windgeflüster. Ein Album wie aus einer anderen Welt.

Leya sind eine langsam, aber stetig gewachsene Band. Von kleinen, privaten und lokalen Gigs zum Anfang ihrer Karriere im Jahr 2001, über gewonnene Bandwettbewerbe, Support-Slots für Damien Rice und Interpol bis hin zu einem weltweiten Management-Deal und einem Plattenvertrag in 2006 hat sich ihre Karriere stets nach vorne bewegt. In ihrem Heimatland Nordirland gelten Leya als DIE Hoffnung des Jahres und "Watch You Don't Take Off" ist das Album, das Herzen brechen wird. Das Tränen fließen lassen wird. Das den Boden unter den Füßen wegzieht. 

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich dieser Platte zunächst nicht die volle Aufmerksamkeit entgegenbrachte. Der Veröffentlichungstermin stand erst in ein paar Wochen auf dem Plan, ich sollte also noch genug Zeit haben mich mit "Watch You Don't Take Off" zu beschäftigen. Dennoch legte ich sie fast instinktiv immer wieder auf, allerdings ohne größere Auswirkungen. Ich sprang weder im Dreieck, noch aus dem Fenster; es schien, als sei das eine "ganz nette Platte" einer "ganz netten Band" mit einer "ganz netten Mischung" aus britischem Gitarrenrock und epischem, ausuferndem  Bombast. Bis zu jenem Moment, als ich während eines weiteren Durchlaufs plötzlich hellhörig wurde. Ach, was schreib' ich da...die Sicherungen sind mir durchgeknallt! Plötzlich fand ich mich mit Textblatt in der Hand vor der enthemmt aufgedrehten Anlage wieder und bekam den Mund nicht mehr zu. "Was machen die denn da? Hallo...? Verdammt, was machen die denn da???"

Das sanfte Piano, das eben noch an der Ecke lehnte und traurig in die Nacht hinein spielte, bäumt sich plötzlich auf. Aus dem Innern schwingen sich immer lauter und immer größer werdende Gitarren empor. Die Violinen breiten ihre überdimensionalen Flügel aus. Das Grollen des Himmels verschlingt das weite Land. Alles ist Eins. Schicht um Schicht legen die vier Musiker immer neue Farben und Gebilde übereinander. Wie ein Maler, der vor seiner großen Leinwand steht und jeden Pinselstrich genießt, der mit jeder Handbewegung, mit jedem Geistesblitz sich selbst und seine Kunst neu erfindet. Ein abgeschlossenes System, das dennoch so offen und frei ist, dass jede minimale Veränderung Auswirkungen nach sich zieht. 

Der Kern aber bleibt. Felsenfest. 

Das Lied, auf das sich diese Beschreibung bezieht heißt "Again" und ist eines von zwei totalen Unglaublichkeiten in einem Meer voller Unglaublichkeiten. "Who are we, where do we come from?" fragt Sänger Ciaran Gribbin und wir können ihn nur ungläubig anstarren und versuchen die warmen Schauer, die er uns damit über den Rücken jagt irgendwie zu kontrollieren. Ha, wir Narren! Hier gibt es nichts zu kontrollieren. Wer etwas anderes versucht, als sich treiben zu lassen geht im Wahnsinn unter.

Sie nahmen mich gefangen. Spielend leicht. Ihre Songs sind wie Raketen, die sich in den Himmel hineinschrauben, ohne jemals zu verglühen. So leicht und schwerelos wie eine Feder, die in einer sanften Brise herumtänzelt und nie den Boden berührt. Ihr Sänger Ciaran Gribbin, ein Künstler, der es mit Leichtigkeit vermag die perfekten Worte, Silben und Melodien an die perfekten Stellen zu platzieren. Der mit einer der grandiosesten und ausdrucksstärksten Stimmen gesegnet ist, die in den letzten zwanzig Jahren Musik veredeln durfte. Seine Hinterleute mit untrüglichem Gespür für den richtigen Anschlag, die richtige Geste. Das Laut/Leise Prinzip in Vollendung. Diese Songs strahlen so viel Herzenswärme, so viel Gefühl und so viel Leidenschaft aus, man weiß gar nicht mehr wohin damit. Dabei hochmelodisch, aber bitte nicht kitschig. Diese Lieder stehen weit über dem Kitsch.

"All On The Black", der letzte der elf Songs auf "Watch You Don't Take Off" und gleichzeitig die zweite totale Unglaublichkeit in einem Meer voller Unglaublichkeiten (siehe oben), setzt den Schlusspunkt und beschließt damit ein geradezu beängstigend rundes, stimmiges und - man traut es sich ja fast kaum zu sagen: perfektes Album. "Some days are right, some days are anything but right. Some days we'll fight, some days are anything". Gribbin holt zum letzten Mal Luft. Legt zum letzten Mal all seine Emotionen in diese Wörter. Und lässt uns zurück. In einer anderen Welt.

10/10


 


Erschienen auf Rubyworks, 2006.

21.02.2021

Best of 2020 ° Platz 14 ° GOLD - Recession




GOLD - RECESSION

Your shell is hollow, so am I
The rest will follow, so will I
(Neurosis)


Das letzte Konzert vor dem Virus. Ende Januar 2020 stand ich mit etwa 50 anderen Menschen im erschütternd leeren Colos-Saal in Aschaffenburg und ließ mir von GOLD Blutdruck und Herzfrequenz auf Stufe 11 drehen. Keine Ansagen, keine Zugaben - einfach nur auf die Bühne gehen, alles, aber auch wirklich alles supertight abreißen, und wieder gehen. Ich weiß noch, dass ich nach diesen 60 Minuten völlig euphorisiert und unangenehm laut "So macht man das! Genau so macht man das! NUR SO! EXAKT! GENAU! FUCKING! SO! MACHT! MAN! DAS!" rief und beim anschließenden Merch-Irrsinn sehr eindringlich auf Gitarrist Thomas Sciarone einredete, die Band möge sich bitte von der spärlichen Kulisse und dem fehlenden Zuspruch, dem quantitativen zumal, nicht beeindrucken lassen und für immer weitermachen - und dass, obwohl ich mich mit vermeintlich unangebrachten Reaktion gegenüber Musikern in der Regel sehr zurückhalte, weil ich diesen (und allen anderen) Menschen wirklich nicht auf den Sack gehen will. 

GOLD hatten für 2020 einen gut gefüllten Tourkalender. Die Corona-Zwangspause wurde mit nicht weniger als drei Veröffentlichungen überbrückt, die zunächst digital über ihre Bandcamp-Seite, später im Herbst als Sammelband unter dem Titel "Recession" auf Dreifach-Vinyl erschienen: "The Isolation Sessions", ein Live-Mitschnitt aus dem April 2020 eröffnete den Reigen, gefolgt von den intimen, nur von Sängerin Milena Eva und Thomas Sciarone aufgeführten "The Bedroom Sessions" im Juni und einer Zusammenstellung bislang unveröffentlichter Songs und Demoversionen unter dem Titel "The Archive Sessions" einen Monat später. 

Es war bereits bei dem immer noch aktuellen Studioalbum "Why Are You Not Laughing?" erkennbar, und ich muss es auch angesichts der Sammlung auf "Recession" wiederholen: das Aufregendste beim Eintauchen in den Kosmos von GOLD ist die Offenlegung der zu ihrem Selbstverständnis gehörenden bedingungslosen Verletzbarkeit und der gleichzeitig daraus erwachsenden Kraft - beides elementare Bestandteile ihrer Musik, ihrer Texte und ihres ganzen Auftretens. Es ist jene Ambivalenz, die diese Band so besonders macht und die sie mittlerweile so selbstbewusst und intensiv wirken lässt. Ihre Ideale und Überzeugungen zeigen sich dabei so tosend wie der sich entfesselt aufbauende Orkan aus den so dürr und nervös klirrenden Gitarren und den hypnotischen Schlagzeugfiguren mit Sängerin Milena Eva als Zeremonienmeisterin im Auge des Sturms: so karg und kühl ihr Vortrag an der Oberfläche erscheint, so unerschrocken kompromisslos und unmissverständlich ist ihre Botschaft von "individual empowerment", wenn sie von toxischer Maskulinität singt, von Unterdrückung, von ritualisierten und zementierten Geschlechterrollen, von Verlust, von Depression.  

Die Durchschlagskraft dieser Idee, diesem alles zusammenhaltenden Netz aus Worten und Tönen, dieser Aura von Klarheit und Mut, zeigt sich in jeder Sekunde der drei Eingangs erwähnten Alben, und dabei ist es egal, wie intim, spröde, fiebrig oder überspannt das Flackern ihrer Musik ist. 

Vielleicht die faszinierendste Band, die Rockmusik gerade zu bieten hat.

   


Self-Released, 2020.