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19.04.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #157: Cynic - Focus (1993)




CYNIC - FOCUS


In Erinnerung an Sean Malone und Sean Reinert.


Als ich "Focus" im Jahre 2019 bereits auf diesem Blog unter der so beliebten wie völlig egalen "Die Heavy Metal-Ursuppe"-Reihe rezensierte, erschienen mir zwei Aspekte besonders wichtig. Erstens sollte deutlich werden, welchen Einfluss das 1993 erschienene Debut auf die weitere Entwicklung des Genres hatte, auch um dessen Entwicklungsstand im damaligen Zeitstrahl zu kontextualisieren. Zweitens wollte ich mit ein paar Metern Sicherheitsabstand im Rückspiegel auf "Focus" schauen und die in meiner Wahrnehmung etwas außer Kontrolle geratenen Narrative, das Album sei völlig abgedreht und abgehoben, ein kleines bisschen entmystifizieren. Einerseits fällt mir letzteres nicht gerade leicht, weil ich ziemlich auf Mystifizierung stehe - dieser Countdown wäre ohne ein gerüttelt Maß an Verklärung und Idealisierung praktisch unmöglich. Und außerdem: "Wo ein Begeisterter steht, ist der Gipfel der Welt" (Joseph von Eichendorff). Andererseits, pardon, scheißen sich weite Teile der Metalszene schon beim Gedanken an einen dissonanten Ton und der Idee eines hauchdünn krummen Takts vor Freude die Hosen voll, weil der hochkultürliche Distinktionsgewinn so unwiderstehlich attraktiv ist. Wenn der Metal-Fan eines möchte, dann ist es ernstgenommen zu werden. Das weiß ich, weil ich Metal-Fan bin. Benn there, done that.


Wir blättern ein paar Jahre zurück:

"Focus" gilt heute weitläufig als Klassiker des Progressive Metals/Death Metals, und zieht man die Umstände der damaligen Zeit sowie der Szene in Betracht, hat es diesen Status als Zeitdokument einerseits, aber auch als Einfluss auf die spätere Entwicklung des Genres andererseits nicht zu Unrecht. 

Zwar war man selbst als Death Metal Fan im Jahr 1993 schon so einiges gewohnt, weil die "Anything Goes"-Mentalität der frühen neunziger Jahre den Zeitgeist bis in den Untergrund bestimmen sollte: Fear Factorys Debut "Soul Of A New Machine" zeigte bereits ein Jahr zuvor Experimente mit Klargesang zwischen dem gutturalen Geröchel, Atheist lösten die schon auf früheren Alben nur unzureichend gesicherten Bremsen mit "Elements" endlich komplett und verbanden die fast vollständig aufgelösten Restspuren ihrer Death Metal Vergangenheit mit Latin und Salsa-Beats, während Chuck Schuldiner von Death, dem Großteil der Szene stets mit Sieben-Meilen-Stiefeln voraus, mit "Human" nicht nur einen Meilenstein des technischen Death Metals vorgelegt hatte, sondern auch automatisch die Marschrichtung der kommenden Entwicklungen im extremen Metal vorgab. Maßgeblichen Einfluss daran hatte auch die Hälfte von Schuldiners damaligem Line-Up: Paul Masvidal an der Gitarre und Sean Reinert am Schlagzeug spielten auf "Human" förmlich um ihr Leben und beeinflussten damit Musiker wie einen Gene Hoglan (u.a.Dark Angel), der Reinerts gewebte Prog- und Fusion-Fäden auf "Human" als späterer Death-Schlagzeuger auf den Alben "Individual Thought Pattern" (1993) und "Symbolic" (1995) aufnahm und dabei selbst stetig weiterentwickelte. 


Ein paar Tage, nachdem der Artikel auf 3,40qm veröffentlicht wurde, erreichte mich ein Kommentar, der mich darauf hinwies, eine wichtige Facette in der Bewertung von "Focus" ignoriert zu haben: Die Demos von Cynic. Und ich bin schuldig im Sinne der Anklage. 


Dabei können wir die ersten beiden Aufnahmen, das Debut "Demo 88" und das ein Jahr später erschienene "Reflections Of A Dying World" für den Moment aus der Gleichung nehmen, da die Band hier noch eindeutig im Thrash Metal zu Hause ist, und die sich später zeigende technische Komplexität nur in  rudimentären Ansätzen erkennbar ist. Aber sowohl das Demo aus dem Jahr 1990, als auch ganz besonders die drei Songs, die sich auf dem 1991 erschienenen und letzten Demo befinden, sind für die erweiterte Einordnung von "Focus" durchaus relevant. Nicht zuletzt soll das 1991er Demo einen so großen Eindruck auf Chuck Schuldiner gemacht haben, dass er Cynic-Sänger und -Gitarrist Paul Masvidal und Schlagzeuger Sean Reinert zu seiner Band Death lotste, um mit ihnen und Steve Di Giorgio am Bass das Album "Human" aufzunehmen. "Human" sollte eines der wichtigsten und wegweisendsten Werke des Heavy Metal werden. Großen Anteil daran hatte vor allem die Schlagzeugarbeit des zum Zeitpunkt der Aufnahmen gerade mal zwanzig Jahre alte Reinert, die ein ganzes Genre auf den Kopf stellte und als Stunde Null für modernes Metal-Drumming gilt. Masvidal und Reinert verließen Death nach der Tour zum Album und veröffentlichten ihrerseits im September 1993 "Focus". Betrachtet man die über den Verlauf von vier Demos dokumentierten Entwicklungsstadien der Band, muss man "Focus" als die vorübergehend letzte Ausbaustufe ihres Sounds bezeichnen. Cynic nahmen sich nach dem Release von "Focus" eine Auszeit und kehrten erst 2008 mit dem Album "Traced In Air" zurück, das stilistisch erneut Grenzen verschieben und erweitern sollte, allerdings dieses Mal mit deutlich geringerem Einfluss auf die Szene. 


An dieser Stelle nochmals ein Rückblick auf meinen Text aus dem Jahr 2019:

In Zusammenhang mit dem "Focus"-Produzenten Scott Burns und dem Morrissound Studio in Florida, beides in der Kombination zur damaligen Zeit DER Maßstab schlechthin, wenn es um Death Metal Produktionen ging, wurden Cynic als "Next Level Death Metal" vermarktet - und dafür hatte der ungewöhnlich progressive Sound es durchaus in sich. Die Band wechselte von anspruchsvoll zu spielendem, technischem Death Metal in Bruchteilen von Sekunden in spirituell anmutende und ätherisch wirkende Traumwelten, in denen Akustikgitarren und die mittels Vocodereinsatz surreal verfremdete Stimme von Masvidal den Sound prägten - nicht zu vergessen das melodische Harmonien aufziehende Bassspiel von Sean Malone, der mit seinem Fretless Bass dem Bandsound zusätzliche Originalität verpasste. Im Ergebnis habe ich "Focus", trotz der recht eindeutigen Vorzeichen, nie als Death Metal wahrgenommen; tatsächlich habe ich mich nie darum bemüht, überhaupt irgendeine passende Schublade dafür zu finden. 

Ich habe mir vor wenigen Wochen den Vinyl-Reissue von "Focus" gegönnt und mich in diesem Zuge wieder intensiver mit dem Album befasst. Ich war zunächst über den Sound überrascht - und nicht unbedingt im positiven Sinne. In meiner Erinnerung war das Brett, das die Band mit Scott Burns bohrte, bedeutend dicker und druckvoller als ich es heute empfinde. Ein Gegencheck mit der CD und einem digitalen Format verschaffte Aufklärung: "Focus" klang auch schon 1993 nach heutigen Maßstäben nicht besonders gut, was vielleicht das eindrücklichste Zeichen dafür ist, dass der Zahn der Zeit auch in diesem Fall ein Stück der Faszination abnagen konnte. Interessant ist indes, dass sich im Vergleich zu Burns' Standardsound (Bass- und Schlagzeug-Regler auf 11, alle Mitten raus) auf "Focus" etwas mehr Transparenz und Differenzierung zeigt - das ist unter gegenwärtigen Gesichtspunkten zwar immer noch nicht viel, war aber für damalige Verhältnisse immerhin eine Varianz, eine Öffnung. 

Darüber hinaus erscheint "Focus" aus heutiger Sicht bei Weitem nicht mehr so abgedreht zu sein, wie es sich in der Erinnerung immer noch anfühlt - und wie Rezensenten und Kommentatoren es bis heute beteuern. Besonders ist das Album auch 25 Jahre später ganz sicher noch, technisch wie visionär herausragend - aber am Ende des Tages lediglich im traditionell sehr eng begrenzten Kosmos von Rockmusik und Heavy Metal als unkonventionell zu bezeichnen. Das ist aus diesem Blickwinkel auch im Jahr 2019 noch legitim, vielleicht angesichts der tatsächlich noch dramatischer in Erscheinung tretenden Mutlosigkeit der Szene noch mehr als das. Aber für die, die keinen Tellerrand kennen, weil sie nicht mal einen Teller haben, spielt sich dann eben doch zu viel im Rahmen dessen ab, was man so kennt: klassische Instrumentierung, klassisch-progressive Arrangements, klassischer Sound. Das stete Gerede über ein mit übergeschnappten Ideen vollgepacktes Avantgarde-Jazz-Experimental-Feuerwerk ist letzten Endes irreführend. 


In weiten Teilen stimme ich diesen Einschätzungen auch heute noch zu, vor allem die Einlassungen zum aus heutiger Sicht nicht gerade überwältigend klingenden Sound halte ich noch immer für richtig. Andererseits erscheint mir der vor sieben Jahren verfasste Text heute eine Spur zu kritisch. Und vielleicht beruht der letzte zitierte Absatz auch auf einer falschen Wahrnehmung meinerseits. Ich wüsste ehrlich gesagt heute auch gar nicht mehr, warum die Diskussion überhaupt relevant sein sollte, wie abgefahren "Focus" denn nun wirklich ist. Zumal: Easy Listening ist's nun ja wirklich nicht gerade. All das sagt am Ende wahrscheinlich mehr über mich aus, als über die Platte. Go figure. 


Im Frühjahr 2026 höre ich "Focus" als Erinnerungsstütze für diesen Beitrag und bin damals wie heute einfach nur beeindruckt von der Vision, der Kompromisslosigkeit und der Courage, die dieses Album ermöglichten.


Für die Ewigkeit. 



Vinyl und so: Die Preise für die Erstpressung aus dem Jahr 1993 sind mittlerweile jenseits von gut und böse und bewegen sich irgendwo zwischen 400 und 700 (!) Euro. Ab 2013 wurde "Focus" immer wieder mal neu aufgelegt und in verschiedenen Vinylfarben veröffentlicht. Meine schwarze Version aus dem Jahr 2013 offenbart wie im Text erwähnt die Schwächen der Produktion, klingt dafür natürlicher und, der Musik auch irgendwie angemessen, ätherischer als die Erstpressung der CD. Finanziell wird die Luft allerdings wie bei sämtlichen Represses mittlerweile ebenfalls sehr dünn: 80 bis 100 Euro müssen investiert werden. Darüber hinaus brachte Paul Masvidal zum 30.Geburtstag des Albums eine remixte und remasterte Version heraus. Die gibt es für um die 30 Euro, aber hier ist Vorsicht geboten: der Sound ist zwar im Bassbereich robuster als der Originalmix, aber dafür auch deutlich dumpfer und blutleerer. Ich besitze die Ausgabe auf Purple Vinyl, die wirklich toll aussieht, aber im direkten Vergleich mit der 2013er Version klar den kürzeren zieht. Ich bin mir insgesamt nicht sicher, was hier vorzuziehen ist, aber ich ertappe mich hier und da beim Gedanken daran, ob nicht die Original-CD des Albums die beste Option ist. 


Weiterhören: "Traced In Air" (2008), "Ascension Codes" (2021)





Erschienen auf Roadrunner Records, 1993.