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28.03.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #159: Flotsam And Jetsam - Cuatro (1992)




FLOTSAM AND JETSAM - CUATRO


"Du brauchst mehr Menschlichkeit, Du brauchst Tiere!" (Rudi Carrell zu Harald Schmidt)


Metal wäre noch töter als er sowieso schon ist, gäbe es nicht diese außerordentlich starke Verbindung zwischen Bands und Musikern auf der einen, und ihren Fans auf der anderen Seite. Vielleicht lässt es sich tatsächlich unter der Überschrift "Loyalität" einsortieren, aber ich glaube, selbst das ist nur eine Art Symptom?! Da passiert noch mehr in den tiefer liegenden Schichten, irgendwas psychologisches, irgendeine Schwachstelle im zwischen Hirn und Herz gespannten Verteidigungsnetz, durch die der Eros der Rebellion, die Selbstidentifikation als Außenseiter, die Verlustangst und der irgendwann mal erfahrene Liebesentzug eine Projektionsfläche finden. Egal, wie oft mich Metal und Metalfans in den letzten dreißig Jahren schon an den Rand des Wahnsinns trieben, das Konservative, das Besserwisserische, die Hybris, das Aggressive, Unbedachte, Oberflächliche, Ignorante, die niemals verreckenden Klischees und all das peinliche Szene-Klimbim - ich kam nie davon los. Und irgendwann war mir auch klar, warum nicht: das ist alles ein Teil von mir und es lässt sich nicht einfach so abtrennen, rausschneiden oder weglasern. 

Du bekommst den Florian aus dem Metal, aber Du bekommst den Metal nicht aus dem Florian. 

Egal, wie oft ich mich über die Jahre musikalisch umorientieren sollte, egal ob sich die Türen zum Jazz, Ambient, Hip Hop, Soul, Funk oder Techno öffneten, mindestens ein halbes Bein blieb immer im Metal. Um das Jahr 2008 herum stand ich beispielsweise knietief in Freejazz und experimenteller elektronischer Musik, durchsuchte Plattenläden nach obskuren Erstpressungen von französischem Jazz, aber als ich sah, dass es mit dem zu gleichen Teilen debil wie charmant betiteltem "Thrash, Speed, Burn" eine neue LP von Exciter gibt, musste ich die ganz selbstverständlich kaufen. So ähnlich lief die Sache auch schon in den stark polarisierenden neunziger Jahren, zumindest in den noch enger gesteckten Grenzen von zeitgenössischer Rockmusik. Ich war Grunge- und Alternative-Fan, war fasziniert von den neuen, frischen Vibes, der Aufbruchstimmung und der zumindest gefühlten neuen Freiheit, aber Stopp: Grave Digger haben ihr mit kalter, abgestandener Kotze randvoll gefülltes Comebackalbum "The Reaper" am Start?! Und sie leben in einem kleinen gallischen Dorf, das sich standhaft gegen die Major-Besatzungsmacht aus Seattle stellt? So echte Außenseiter? Mauerblümchen? Mit Überzeugung gegen den Hype? Irre! Shut Up And Take My Money! 


Meine Loyalität zu einer Band wie Flotsam And Jetsam scheint seit fast vierzig Jahren ebenfalls keine Grenzen zu kennen, in guten wie in schlechten Zeiten. Die Band aus Phoenix, Arizona begleitet mich seit meiner Kindheit und gehört sicherlich zu den ersten Speed und Thrash Metal Bands, die ich jemals hörte. Mein Bruder war großer Fan, und die mittlerweile im Metal-Kanon als Klassiker fest verankerten ersten beiden Alben "Doomsday For The Deceiver" (1986) und "No Place For Disgrace" (1988) fanden immer öfter den Weg von seinem Plattenspieler zu meinem. Und als später in den neunziger Jahren wirklich niemand etwas von Metal wissen wollte, wurden Konzertreisen wie jene aus dem Jahr 1997 mit Flotsam And Jetsam, Exciter und Anvil fast schon zu verschwörerischen Treffen für drei Handvoll Eingeweihter, eine echte Schicksalsgemeinschaft. Die Gleichung war in Neunzigern jedenfalls ganz einfach für mich: es gibt ein neues Album von Flotsam And Jetsam, dann kaufe ich auch das neue Album von Flotsam And Jetsam. Da hat der Tag Struktur. Bis er das zu Beginn der nuller Jahre eben nicht mehr hatte, denn Flotsam And Jetsam wurden neben anderen Bands zum Kollateralschaden meiner Emanzipation vom Heavy Metal. Zwar war ich immer noch ganz gut über neue Alben und Tourneen informiert, aber ich nahm einen Sicherheitsabstand ein. Daran hat sich bis heute, zumindest hinsichtlich ihrer neuen Platten, wenig geändert, denn die sind mit ihrer Mischung aus synthetischem True Metal-Overdrive mit übermelodischen Kinderliedrefrains ohne einen Hauch von Dynamik durch die Bank unerträglich. Live hingegen hat ihr seit Ewigkeiten gesetzter Setlist-Fokus auf ihre beiden Klassiker aus den 1980er Jahren und dem damit verbundenen Kniefall vor den Ü50-Kuttenopas, die doch bitt'schön nicht in ihrer Nostalgie-Hypnose gestört werden wollen, etwas sehr unschön Verzweifeltes. Die Band betonte in den vergangenen Jahren immer wieder, wie sehr sie es endlich mal auf das Level von Bands wie Testament oder Death Angel schaffen wollen, aber leider nimmt ihnen der Einsatz der Kitsch-Brechstange jede Lockerheit und blöderweise auch ein gutes Stück ihrer Glaubwürdigkeit. 


Ich sage das in vollem Bewusstsein darüber, dass auch in den neunziger Jahren eine exzessiv geführte Glaubwürdigkeitsdebatte entbrannte. Eine durch und durch granatenbescheuerte zwar, aber immerhin wurde noch diskutiert, heute praktisch unvorstellbar. Denn wer damals in Verdacht geriet, sich der Trendreiterei schuldig zu machen, wurde ausgeschlossen. Wer in Verdacht geriet, sich mit fremden Federn zu schmücken, wurde ausgeschlossen. Wer sich dem Verdacht aussetzte, ein bisschen zu deutlich auf den Cashflow, den eigenen zumal, zu schielen, wurde ausgeschlossen. Rigoros und nachhaltig. Eine Rückkehr war zwar möglich, aber sie kostete viel Zeit, Geld und ein stets öffentlich geäußertes Bedauern über die vermeintlichen Fehlentscheidungen von früher. Man war halt "young, dumb and full of cum" (Maher), jetzt hat man aber glücklicherweise den Weg zurück in die Arme des wahren, echten, schönen Heavy Metals gefunden. Da wollen wir nochmal ein Auge zudrücken. 


Nun waren Metallica spätestens ab 1986 die strahlenden Vorbilder der gesamtem Metalszene, der Gold-Standard. Was in ihrem Camp passierte, entfachte stets eine immense Sogwirkung; ihre bahnbrechenden Entscheidungen hinsichtlich ihres Sounds, ihrer Attitüde, ihres Songwritings in Verbindung mit dem so überwältigenden wie überraschenden Erfolg wurden mit kleinem zeitlichen Versatz von tausenden Metalbands über Jahre hinweg kopiert. Als Metallica mit der Veröffentlichung des schwarzen Albums 1991 endgültig den Mainstream knackten und mit kompakten Rocksongs und emotionalen Balladen zum globalen Phänomen avancierten, machte sich die Konkurrenz aus ihrer Generation für den Windschatten bereit. Testament versuchten es mit "The Ritual", Megadeth, dank Dave Mustaines pathologischer Daddy-Issues zu James Hetfield so oder so schon vorbelastet, warfen "Countdown To Extinction" in den Ring, Anthrax zogen 1993 mit "Sound Of White Noise" nach, Annihilator schüttelten ein sehr fluffiges "Set The World On Fire" aus dem Ärmel, Xentrix wollten mit "Kin" mitspielen - und Nuclear Assault erlitten mit "Something Wicked" eine völlige Bruchlandung. Und wo wir schon beim Katastrophentourismus angekommen sind, darf ich der Vollständigkeit halber mit "Force Of Habit" von Exodus die vielleicht schlimmste Kernschmelze dieses Haufens erwähnen; eine Platte, die im Kontext stilistisch etwas aus dem Rahmen fallen mag, aber immerhin mit einen ähnlichen Motivationsvektor ins Rennen ging. Für die Zusammenfassung notieren wir uns, dass nicht jeder aus der alten Riege die Fähigkeiten und den Mut hatte, um die von Metallica gepflanzten Inspirationen auch umzusetzen. Für die Szene wär's ohnehin egal gewesen, denn absolut niemand überstand diese Karrierephase unbeschadet. Sie rutschten alle ab.   


Flotsam And Jetsam veröffentlichten 1992 mit "Cuatro" ihre Version des schwarzen Albums. Das ist nicht sonderlich originell, aber wie alle Labels waren auch MCA Records darauf aus, "ihre" Metallica zu finden, und ihre Investition von einer schlappen Million Dollar sollte sich gefälligst auszahlen. Also wurde nichts dem Zufall überlassen. Als Produzent wurde Neil Kernon ans Mischpult gerollt, ein Mann, der sich bis dahin in erster Linie mit Arbeiten für Hardrock/AOR Bands wie Dokken einen Namen machen konnte (eine weitere Parallele zu Metallicas Zusammenarbeit mit Bob Rock und dessen Beteiligung an Alben von Bon Jovi und Mötley Crue). Zusätzlich lagerten Flotsam And Jetsam das Schreiben der Texte an das "sechste Bandmitglied" Eric Braverman aus - und nicht nur das: MCA Records wollten außerdem mit einem Link zwischen "Cuatro" und einem Protagonisten des Seattle-Hypes protzen und ließen keinen geringeren als Chris Cornell den Text für "The Message" schreiben. Und bitte - "Guys! We need a single!" 

Für meinen Geschmack war "Cuatro" nicht nur besser als die Mehrheit der erwähnten Nachzügler, sondern auch besser als das große Vorbild. Bitte den Defibrillator wieder einpacken und die Herz-OP absagen: wir müssen nicht darüber sprechen, welche Band die Welt verändern sollte (Spoiler: es waren nicht Flotsam And Jetsam). Und wir müssen auch nicht darüber sprechen, warum es damals wie heute gute Gründe dafür gibt, warum "Metallica" zu den erfolgreichsten und einflussreichsten Alben aller Zeit zählt, während "Cuatro" nie über den Status eines Geheimtipps hinauskam. Knappe 35 Jahre nach der Veröffentlichung reicht es vermutlich nicht mal mehr dafür, nicht zuletzt, weil die Band ihre rockigere neunziger Periode längst dem Mob aus Kuttenadolfs geopfert hat und mithin komplett ignoriert. Dabei wissen die Kennerin und der Kenner: 90er Flotsams sind die besten Flotsams! 


Die Speed- und Thrash Metal Anteile ihres früheren Sounds haben sich auf "Cuatro" bis auf einige wenige Passagen, beispielsweise im Opener "Natural Enemies" oder in "Hyperdermic Midnight Snack", nahezu vollständig in Luft aufgelöst, stattdessen fokussiert sich die Band vor allem auf einen guten Groove (sehr prominent im "Enter Sandman"-Klon "Swatting At Flies" zu hören) und facettenreiche Gitarren-Arrangements, die in der Lage waren, die melancholisch verschlungenen Melodien abzubilden. Die stärksten Momente von "Cuatro" sind folgerichtig auch jene, in denen sich das Quintett am weitesten von ihrer Vergangenheit absetzt. Wenn sich die Intensität ihres Vortrags nicht mehr eindimensional aus Geschwindigkeit und Aggression speist, sondern aus wehmütigen, eingetrübten Motiven wie in den Höhepunkten "The Message", "Cradle Me Now" und "Wading Through The Darkness", die zudem allesamt noch mit bemerkenswerten Gesangsharmonien angereichert wurden. Und natürlich müssen wir jetzt über Sänger Eric A.K. sprechen, der allerspätestens ab den frühen neunziger Jahren zu den großen Metalsängern gezählt werden muss - ich rede hier über Dio, Dickinson und Tate, zur Einordnung. Eric konnte damals ALLES am Mikrofon. Fast bin ich geneigt davon zu schreiben, dass er's selbst mit Anfang 60 noch so gut kann wie kein anderer in seiner Altersklasse, müsste dann allerdings die beim 2024er Konzert im Frankfurter Nachtleben gemachten Beobachtungen vom mutmaßlichen Einsatz technischer Hilfsmittel unter den Tisch fallen lassen. Ich kann wirklich nicht sagen, was da genau passierte, und möglicherweise irre ich mich auch, aber es erschien mir alles ein bisschen fishy. Jedenfalls: Eric war schon vor 40 Jahren ein echter Ausnahmesänger - und ganz vielleicht ist er es sogar heute noch. 


Ich bin mir darüber im Klaren, sich als Ultra-Edgelord auf ganz dünnem Eis zu bewegen, wenn die im Kontext eher unbekannteren Alben aus jener für die Metalszene durchaus wichtigen Zeit über die großen Klassiker einsortiert werden. Da landet man schnell im Umfeld von Sätzen wie "Nach dem ersten Demo ging's bergab!", noch schneller bei ritualisierter Abgrenzung und überheblicher Underground-Koketterie - und wie eingangs erwähnt, wird auch dieses Päckchen gratis in den Rucksack gestopft, mit dem man fortan als Metalfan durchs Leben geht. Ich selbst kann mich davon nicht komplett freisprechen. Für mich ist "Cuatro" eines der großen Metalalben der neunziger Jahre. Ich höre eine hungrige, brennende, hochkonzentrierte Band an der Schwelle zum nächsten Entwicklungsschritt, mit einem äußerst eigenständigen Sound, einem so originellen wie hochklassigen Songwriting und einem bemerkenswerten Gespür für Atmosphäre und Zusammenhänge. Flotsam And Jetsam haben auf "Cuatro" einfach alle richtigen Entscheidungen getroffen. 


Vinyl und so: "Cuatro" gibt es bislang nur in der sehr seltenen und sehr teuren Erstpressung. Das italienische Spezialistenlabel Night Of The Vinyl Dead hat kürzlich den Nachfolger "Drift" erstmals auf Vinyl veröffentlicht. Es besteht daher eventuell Hoffnung, dass im Zuge dessen auch "Cuatro" mit einem Reissue bedacht wird. 


Weiterhören: "Drift" (1995), "High" (1997), "Doomsday For The Deceiver" (1986), "No Place For Disgrace" (1988)





Erschienen auf MCA Records, 1992.


07.03.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #160: My Bloody Valentine - Loveless (1991)




MY BLOODY VALENTINE - LOVELESS


"Volume is an experiment, not a crutch." (Kevin Shields)


Wenn den Quatsch hier jemand ernst nehmen, oder zumindest lesen würde, dann könnte ich mich auf ein paar in meine Richtung abgefeuerte Giftpfeile gefasst machen, weil "Loveless" es nicht mal in die Top 100 geschafft hat. Ich möchte wirklich nicht in die wirklich hinterletzte Kloake hinabsteigen und über Gebühr die grundsätzliche Irrelevanz von "LiStEn" und "pLaTzIeRuNgEn" diskutieren; ich weiß freilich, dass Bestenlisten in Publikationen wie Pitchfork oder Rolling Stone in erster Linie Gefühle der Nostalgie und gleichzeitig des heiligen Zorns bei gleich ganzen Generationen von Musikfans treffen sollen, und das weiß ich, weil ich mich ebenfalls nur zu gerne davon treffen lasse. Das sind Reflexe. Und das ist ja auch ganz schön so. Wenn Pitchfork in einer ihrer 90er Bestenlisten Holes "Live Through This" über Nirvanas "Nevermind" setzen, dann ist das weniger eine mit Geodreieck, Elektronenmikroskop und Forensik fein justierte Einordnung, sondern vor allem ein Statement. Das kann man anerkennen - und trotzdem wie ein Rohrspatz darüber schimpfen. Macht Spaß. Und macht vielleicht auch nochmal ein paar neue Gedanken in der Denkmurmel. Ist mittlerweile sowieso völlig unterschätzt. 


Wie ich in meinem Eröffnungsposting bereits ausführte, sollte es im besten Fall wirklich niemanden jucken, ob "Loveless" auf Platz 160, 99 oder 11 steht. Ich selbst fühle mich von Zeit zu Zeit genötigt auszuführen, dass es mir selbst manchmal ziemlich egal ist. Ich sitze hier ja auch nicht in meinem Sossenheimer Kiez herum und füttere eine Exceltabelle mit Zahlen, Daten, Fakten, um später eine mit "chirurgischer Präzision" (Dabbelju) abgefeuerte Liste in den Blog zu rollen, denn alles ist Kontext. Ziehen wir die Tangente zum eben genannten "Statement", dann gilt das eben auch für Pitchfork, wenn sie "Loveless" in ihrer aktuellen 90er Liste aus dem Jahr 2023 auf Platz 1 setzen - für den Rahmen, in dem Pitchfork operiert, also Exklusivität, Intellektualität, Individualität, gibt es kaum eine bessere Nummer 1. 


Für den Rahmen, den die Redaktion von 3,40qm abgesteckt hat - Liberté, Egalité, Schwarzer Kaffé - reicht's dann eben leider nur für die 160, aber ich kann es erklären. Ich kam spät zu "Loveless", mein Erstkontakt kam erst zur Mitte der nuller Jahre zustande. Und mir fehlte der oben angesprochene Kontext, weil es eben einen Unterschied macht, ob man solche Alben als Bestandteil der Gegenwartskultur begreift oder sie sich mit dem Abstand einer späteren Generation durch einen Nebel aus neu formulierten Werten, Grenzen und Erfahrungen erarbeiten muss. Dabei ist "Loveless" aufgrund seines Status außergewöhnlich gut dokumentiert; so gut sogar, dass sich locker die Frage stellen lässt, wie spannend es im Jahr 2026 noch sein kann, dem bestehenden Kanon noch neue Gedanken hinzufügen zu wollen. Oder auch nur zu können. Denn was gesagt, geschrieben und gedacht werden musste, wurde gesagt, geschrieben und gedacht, und zwar tausende Male. Das Ding ist aber auch: die Faszination, die "Loveless" ausstrahlt, wird sich niemals kaputtreden lassen. Der Mythos überlebt uns alle. 


Über zwei Jahre verbrachte Gitarrist und Sänger Kevin Shields mit der Produktion von "Loveless", und er brachte damit nicht nur seine Plattenfirma Creation Records an den Rand des Ruins, sondern sich selbst gleich mit. Und streng genommen auch die ganze Band. Was der ganze Spaß am Ende wirklich gekostet hat unterscheidet sich je nach der genutzten Informationsquelle, aber man liegt vermutlich nicht ganz arg daneben, wirft man eine Größenordnung von 350.000 Pfund in den Ring - eine für die damalige Zeit, für eine Indieband und ein Indielabel zumal, unfassbare Summe. Alan McGee, Labelchef von Creation Records, verkaufte ein Jahr nach der Veröffentlichung von "Loveless" sein Geschäft an Sony Records. Noch Fragen?


Shields verschliss in diesen zwei Jahren Studiozeit eine Unmenge von Sound Engineers. Alan Moulder war einer von ihnen, und der sagte später in einem Interview, dass die Entstehung des Albums alles andere als eine Gemeinschaftsarbeit war. Obwohl Shields sich in seinem Kopf sehr klar darüber war, wie "Loveless" zu klingen hat, sah er sich außerstande, seine Vorstellungen in Richtung der übrigen Bandmitglieder zu artikulieren. Im Ergebnis spielte Shields nahezu alle Instrumente selbst ein. Für die finalen Schlagzeugspuren verwendete er Samples von Drummer Colm Ó Cíosóig, und obwohl Gitarristin/Sängerin Bilinda Butcher als auch Bassistin Debbie Googe in den Liner Notes des Albums mit ihren Instrumenten erwähnt werden, hatten sie mit seiner Entstehung fast nichts zu tun. Fürs gute Gefühl innerhalb der Band waren das offensichtlich keine guten Rahmenbedingungen, und auch dass Shields, ähnlich wie Brian Wilson von den Beach Boys nach dessen "Pet Sounds"-Martyrium, in den kommenden Jahren allmählich seinen Verstand verlor, war nicht hilfreich. Trotz der überschwänglichen Kritiken verkaufte sich das Album zunächst nur sehr schleppend. Gleichzeitig war Shields überzeugt davon, mit "Loveless" ein derart überragendes und unübertreffliches Werk erschaffen zu haben, dass es sich gar nicht mehr lohnen würde, jemals wieder ins Studio zu gehen. Nach einer Reihe von Liveshows, die Berichten zufolge zu den lautesten aller Zeiten zählten, zerfiel die Band zur Mitte der neunziger Jahre und löste sich 1997 offiziell auf. Shields zog sich komplett zurück und verschwand für Jahre von der Bildfläche. 


Zieht man die Berichte von Zeitzeugen in Betracht, ist es naheliegend anzunehmen, dass die Mehrheit derer, die mit "Loveless" im Jahr 1991 konfrontiert wurden, zu gleichen Teilen überwältigt wie überfordert waren. Smashing Pumpkins Sänger und Gitarrist Billy Corgan berichtet davon, das Album zum ersten Mal gemeinsam mit Butch Vig im Aufnahmestudio gehört zu haben. Beide waren der Vision von Kevin Shields nicht gewachsen, beide hatten einen solchen Sound bis dahin einfach noch nicht gehört. 

"What is he doing?" (Billy Corgan)

Corgan verweist darauf, dass Shields, der als Jugendlicher zehn Jahre in den USA lebte, die "Larger Than Life"-Ästhetik der US-amerikanischen Rockmusik in den von Punk und Wave dominierten Sound Englands überführte und damit diesen undurchdringlichen, zähen Smog von "Loveless" entwickeln konnte. Als die Pumpkins später mit Alan Moulder zusammenarbeiteten, erzählte dieser davon, wie Shields täglich über acht Stunden an einem einzigen Gitarrensound herumfummelte. Shields holte sich sogar einen Hund ins Studio, um an dessen Reaktion zu erkennen, wie er die Einstellungen des Equalizers anpassen und verändern musste - bevor er anschließend den Song in einem Take aufnahm. Und als wären Shields' individuelle Spieltechnik, die den fast durchgängigen Einsatz des Tremolos zwingend erforderlich machte sowie sein ausgeprägter Hang zum fettesten Reverb des Universums nicht schon genug, legte er im folgenden Mix Tonspur über Tonspur, Layer über Layer, verschob Sequenzen im Millisekundenbereich, ließ die sowieso schon diffusen Stimmen im musikalischen Treibsand versinken, versteckte Feedback und Loops wie Ostereier bis in den allerletzten Winkel des Songs, wo sie ein seltsam entrückt wirkendes Eigenleben aus angedeuteten Melodien und Harmonien entwickelten. "Loveless" bekommt damit einen unnachahmlichen Edge, ein scheuerndes, von metallischen Texturen gekennzeichnetes Element, das mindestens so wichtig ist wie dieser tongewordene LSD Trip und seine sich immer weiter ausdehnenden Nebelbänke. Es kann zu einer Herausforderung werden, "Loveless" laut zu hören. Es ist nicht lieblich, nicht cozy, nicht weich. Es ist auch 35 Jahre nach seiner Veröffentlichung noch immer das ungezähmte Monster des Indierock. Und in dieser Gestalt bis heute, man muss das so klar sagen, unbesiegbar. 



Vinyl und so: Ich lege wirklich jeder Leserin und jedem Leser das hier verlinkte Interview mit Kevin Shields über dessen Arbeit mit den Vinyl-Remasters ans Herz. Shields Ansinnen war es, ein komplett analoges Remaster von "Loveless" zu erstellen. Es erscheint mir zu ausufernd, das alles hier im Detail wiederzugeben, aber in aller Kürze darf ich mit folgendem Text teasern:

"To do a version of "Loveless" entirely in the analog domain is a tricky thing, because back in 1991, when the record was mastered for CD, LP, and cassette, digital methods were used in its final editing and mastering stages. "Loveless" is defined by its sequencing and flow, and the brief transitions and interludes between tracks are part of what makes the album special. Those transitions were created at least in part using computers, so to re-create them using purely analog technology meant going back to the original tapes and reconstructing them by hand using tape splices.

That was part of Shields’ task for the new vinyl reissue—to create an analog master that didn’t have a single digital stage. But it was only one part. From there, Shields had to find a disc-cutting apparatus that didn’t have a digital process, a rarity in the current landscape. Finding the right facility and making sure its sound was up to snuff turned out to be another expensive and time-consuming proposition."


Und ich meine das jetzt wirklich nicht böse, oder so - aber wenn Dich das nicht dazu bewegt, sofort dem obigen Link zu folgen, bist Du hier irgendwie falsch. 

 
Weiterhören: "Isn't Anything" (1988), "m b v" (2013)





Erschienen auf Creation Records, 1991.