21.11.2010

Abschiedsgeschenk




BILL EVANS TRIO - AT TOWN HALL

Es ist Zeit, ein paar Hosen fallen zu lassen. Erstens: das ist meine erste Bill Evans-Platte und zwotestens hatte ich bisher, aus welchem Grund auch immer, nie das dringende Bedürfnis, diesen Zustand zu ändern. Drüttens: Ich habe von Jazz eigentlich keinen sitzen, aber mir gefällt's halt. Das war vermutlich das offensichtlichste Bekenntniss des Dreierpacks.

Ich glaube fast, dass ich in den letzten Jahren immer dachte, Bill Evans' Musik sei mir nicht wild oder lebendig genug, und dass ich unbedingt diesen total crazy Freejazz-Shit brauche, mit all dem Krach und all dem Chaos. Mittlerweile schließt das eine das andere nicht mehr aus: Mir wurde kürzlich "At Town Hall" wärmstens ans Herz gelegt, eine toll aufgemachte Wiederveröffentlichung des ursprünglich 1966 erschienenen Albums auf schwerem Vinyl im aufklappbaren Cover und da konnte ich einfach nicht widerstehen. Um es kurz zu machen: das waren vielleicht die am besten investierten 20 Euro des Jahres.
Zusammen mit Bassist Chuck Israels und Schlagzeuger Arnold Wise schwebt, tänzelt und fließt er durch vier Kompositionen, darunter der Standard "Spring Is Here" und entfacht dabei ein Feuer der Kommunikation mit subtilen Zwischentönen und betörenden Betonungen, das speziell unter dem Kopfhörer eine Magie entwickelt, die mich geradewegs an der Anlage festkleben lässt.

Absolute Sternstunde des Albums ist die Soloperformance "Solo - In Memory Of His Father", seinem zwei Wochen vor dieser Aufnahme verstorbenen Vater gewidmet. Evans hatte die Wahl, angesichts der tragischen Situation dieses Konzert abzusagen, oder trotzdem zu spielen, und er entschied sich für letztere Option. Das Resultat ist ein 13-minütiges Opus, das er exakt in diesen zwei Wochen entwickelte; Kernstück ist die Sektion, die sich später zu dem Titel "Turn Out The Stars" entwickeln sollte. Kenner sind sich einig, dass Evans es später nie wieder schöner und wärmer spielte als auf dieser Aufnahme. Lässt man die umwebenden Improvisation beiseite, kämen die meisten Menschen wohl nicht auf die Idee, dass es sich hierbei tatsächlich um Jazz handelt, viel mehr kommt Evans' klassischer Einfluss wie der des französischen Komponisten Maurice Ravel zum Tragen.

Selbst das New Yorker Publikum vermittelt angesichts der Intensität dieses Stücks den Eindruck, als ob es über die ganze Spieldauer gespannt den Atem anhält. Es ist Mucksmäuschenstill unter den gut 3000 Zuhörern und erst nach dem atemberaubenden Epilog bricht die Bewunderung und vielleicht auch das Mitleid und die Trauer aus ihnen heraus.

"At Town Hall" wurde mir mit den Worten empfohlen, dass insbesondere dieser Titel tief beeindruckend sei und eine Gänsehaut erzeugen könne, wie ich sie selten erlebt haben dürfte. Der Mann hatte recht.

Das ist eine der schönsten Jazzplatten, die ich jemals hörte.

Erschienen auf Verve, 1966
Re-Issue auf Verve/Speakers Corner, 2010

13.11.2010

Das Finnen-Debakel


VLADISLAV DELAY - TUMMAA


Ich kann's nicht ändern, aber das ist und bleibt eine Enttäuschung. Letzten Endes beweist mir "Tummaa" mein zugegebenermaßen beschränktes, aber eben doch oftmals zutreffendes Vorurteil: der Nachfolger eines Meisterwerks ist in den seltensten Fällen ein ebensolches - nicht ganz so selten kann das Ergebnis gar umso niederschmetternder sein.

Wenn also vor allem die Indiehampelmänner und -frauen "Tummaa" als "große Kunst" (Intro - wer sonst?) mit "faszinierendem Klangkosmos" (irgendwer - 's auch schon egal) und "live eingespielt, frisch und organisch-unmittelbar" (Kristina "Vakuumrübe" Schröder) bezeichnet, dann kann das nur zur Abschreckung dienlich sein. Ich hatte nach Delays fantastischem Opus "Whistleblower" tatsächlich große Bedenken, ob "Tummaa" die Qualität hält und sie sollten sich bestätigen. Delay agiert hier weitaus bestimmter und konkreter als zuvor, was erstmal nicht Schlimmes sein muss - aber dafür bleibt er im Verlauf der Tracks zu sehr an der Oberfläche, er begnügt sich mit offensichtlichen Standards und Sounds, die mich angesichts der Platzierung und ihres reinen Klangs verwirren. Und das ist ausdrücklich keine positive Verwirrung, das ist verwirrende Verwirrung, weil ich ihm diese billig und durchsichtig klingenden Aldi-Sounds nicht im Geringsten zugetraut hätte.

Bei aller Stringenz, mit der Delay beispielsweise den Albumopener "Melankolia" mittels Klangfetzen und einer Pianofigur aufbaut, erscheint er insgesamt doch seltsam ziellos. Die dargestellten Brüche ergeben keinen Sinn, sie führen nicht zum großen Endgegner, zum großen Bilderrahmen, der wenigstens einen Geschmack oder einen Dunst im Zaun hält, sondern eher in ein heilloses Durcheinander und einem "Touch & Go"-Mischmasch, dem es gefällt, mit überhöhter Geschwindigkeit an Tiefe und Gefühl vorbei zu rasen. Was soll man von einem Stück wie "Mustelmia" halten, das mit dem verzweifelten Versuch spielt, so irrelevant wie möglich zu erscheinen? Einzig das zerrissene "Toive" und das gute Titelstück können hier und da wenigstens einen Stimmung und eine größere Idee vermitteln, der Rest taucht in unnötigem Nichts umher.

Wenn mir außerdem jemand sagen kann, wo "Tummaa" die in verschiedenen Rezensionen immer wieder geäußerten "Jazz-Einflüsse" präsentiert, wäre ich ausgesprochen dankbar. Merke: nicht jedes traurig-klimperndes Piano ist gleich ein Fall für einen angedachten Distinktionsgewinn.

Erschienen auf Leaf, 2009

08.11.2010

Denkt denn niemand an die Kinder (2)

Und ab in die zweite Runde meiner kleinen 7-Inch-Schau. Verrückt, wie die Zeit rennt. 



GLEN PORTER - SMILE NOW, CRY LATER

Eine kleine Single, die, wenn es nach mir ginge (und das geht es bekanntermaßen nie), viel mehr Staub hätte aufwirbeln dürfen. "Smile Now" beginnt als dubbige Hymne im Sonnenschein-Familienpack, einem blitzgescheiten Gitarrenlauf und einer perfekt austarierten Bassdrum, die einem nicht mehr viel übrig lässt, als sich mit seeligem Lächeln im Liegestuhl am Strand von Los Angeles zurück zu lehnen, bevor plötzlich das Tempo Richtung Südpol geht und die Melancholie die Tür aufrummst. Ist das hier auf einmal Miami Vice, 1986? Oder ist das eine in Musik gegossene Vision vom Scheitern als einzige Option? "Cry Later" auf der Flip dreht die Lautstärke und den Weirdo-Faktor nach oben und bietet eine Eddie Spaghetti-Gitarre über frühen Beck'schen Hip Hop-Beats. Auch hier auffällig: das Break in der Mitte das sich nur wenige Sekunden später wieder mit dem Thema verbindet, und aus der Aura des Tracks etwas völlig anderes entstehen lässt. Groß. Und für die Nerds - die Zugabe: limitiert auf 300 Stück, white wax, in schön handgemachten Silk-Jackets verpackt. Beeilung, heiß und fettig!

Erschienen auf Ooohh! That´s Heavy, 2010




MIDDLE CLASS RUT - BUSY BEIN' BORN

Und jetzt zu etwas völlig anderem, wenn auch aus den gleichen, wo nicht selben Breitengraden wie der gute Herr Porter. Ich wollte schon vor Ewigkeiten etwas über das kalifornische Duo Middle Class Rut schreiben, aber ihr wisst ja, wie's ist. Wie man's macht, ist es verkehrt und das Runde muss in die Grube, in die ein anderer reinstrullte - jedenfalls: Zack Lopez und Sean Stockham verzichten auf den Bassisten und spielen damit meiner frühen (und ich meine sehr frühen) Ansicht in die Arme, dass der Bass sowieso völlig unnötig ist. Auf der Bühne war das ungeheuer intensiv und beeindruckend, zumal sie den fehlenden Bumms untenrum mit Samples (beispielsweise mit einem durchdringenden, tiefen Ton) locker wettmachten. Ihre Musik ist ein wilder Mischmasch aus 70s-, Stoner- und Alternative Rock, Punk und vor allem aufgrund des Gesangs einer Prise Hardcore. Vor allem das Titelstück ist mittlerweile ein schwergroovender, kleiner Klassiker mit einem herzallerliebsten Wutausbruch zur Mitte, der im Hause "Flori" (Mutti) auf keinem Sampler fehlen darf. Die B-Seite bietet mit "All Walks Of Life" ein nach vorne preschendes Rock'n'Roll-Riff, auf dem zunächst - ich schwöre! - der kleine große Bruder von Noel Gallagher loslegt, bevor der Whiskey und die ganzen Scheißkippen ihre Wirkung entfalten und der Wahnsinnige von The Bronx alles totrotzt.

Happy, happy family!

Erschienen auf Bright Antenna, 2008




MUHSINAH - ALWAYS (SMILE)

Achtung, nix für schwache Nerven, dafür aber eventüll für Flying Lotus-Devotees. Muhsinah (Einflüsse: Chick Corea, Alice Coltrane und J Dilla - nur mal zur groben Einrichtung) ließ zwei ihrer Tracks von 00Genesis und von ebenjenem Flying Lotus überarbeiten, die mir beide mit sehr kruden Mixes den Schädel auf halb acht drehen. 00Genesis hat sich den Titeltrack vorgeknöpft und glitscht zwischen Avantgarde-Hip Hop und einem winzigen Geschmack, so ein ganz kurzer, auf der Zunge sich verflüchtigender, von 60s Soulmusik umher - und kaum ist der Track vorbei, ist er tatsächlich vorbei. Potzblitz! FlyLo - wie wir Checker ihnen schnippisch nennen - hingegen hat "Lose My Fuse" den typischen Nebelschleier übergewemmst und ein Hamsterrad an irgendwas angeschlossen, was da im Hintergrund die ganze Zeit tschagga-tschagaa macht. Muhsinahs Stimme schwebt zwischen diesem Science Fiction Entwurf von Popmusik mal kurz in Richtung butterweiche 70er-Stimme und Intimrasur, bevor sogar Radiokopf Thom Yorke auf den Geschmack gekommen ist. Das hat der Track zwar nicht verdient (wie so häufig), aber hey: Drahtpropeller machen ja auch schönes Licht!

Und jetzt nochmal ganz kurz in echt und ernst:
dieser ganze Schmuhkäse von "grenzenauflösend" und so - ist ja alles Kappes, wahrscheinlich direkt von den kranken Hirnen einer Intr....- quatsch! Indiepostille ausgedacht, aber scheißrein: hier stimmt's. Ich habe wirklich nicht den leisesten Dunst einer Ahnung, was das hier ist. Oder nicht ist. Oder, haha, vielleicht mal war. Der Kopf nickt, und das ist ja wohl (jawohl!) das Wichtigste, aber er weiß einfach nicht - wozu zum Fick?

Erschienen auf All City Dublin, 2010

27.10.2010

On They Slay!

ATHEIST, die Ende 1993 völlig zu Unrecht aufgelöste und folgerichtig 2006 reformierte Death/Thrash Metal-Legende aus Florida, hat tatsächlich ein neues Album eingespielt. Bei Reunions von  vermeintlich alten Helden bin ich schon lange über das Stadium eines bloßen Skeptikers hinaus - ich kann mich trotz der unüberschaubaren Flut von Comebacks und Wiedervereinigungen im Heavy Metal im Grunde an kein einziges Album erinnern, das mir länger als drei Minuten Spaß bereitete. Weswegen ich alleine bei den üblicherweise vollmundigen Ankündigungen mittlerweile locker und entspannt, genau: weghören kann.

Das aktuelle (und meinerseits mit nicht zu wenig Spannung erwartete) Heathen-Album "The Evolution Of Chaos" kann hier und da zwar glänzen - allerdings ist es durchaus bezeichnend, wenn die Lackpolitur am hellsten bei bereits fünf Jahre alten Demosongs strahlt. Und die ersten Hörproben der neuen Comebackscheibe von Forbidden, der ehemals vielleicht besten Techno-Thrash Band der Welt ("Twisted Into Form" - also bitte?!), lassen gleichfalls Böses erahnen. 

Und auch wenn ich ob des nun wirklich erscheinenden ATHEIST-Comebackalbums "Jupiter" immer noch nicht im Quadrat hüpfe: der Albumopener "Second To Sun", den die Band vor wenigen Tagen der Öffentlichkeit zugänglich machte, macht mich - zugegeben - gerade ziemlich wuschig. Ich denke nachwievor nicht, dass "Jupiter" in 10 Jahren einen ähnlichen Status bei mir einnehmen kann und wird wie die drei Göttergaben harter Musik "Piece Of Time" (1990), "Unquestionable Presence" (1991) und vor allem das leider noch immer unterbewertete "Elements" (1993), aber die Chancen stehen gut, dass ATHEIST ohne allzu großen Schaden aus der Nummer wieder rauskommen. Und das wäre, gerade bei allem Respekt für die Arbeit der Burschen, viel mehr als das, was ich erwartet habe. 

Spannung! Hui!




05.10.2010

Brot und Spiele

Damit könnte man wegen mir 24/7 das ganze Scheißland beschallen. Flächendeckend.



02.10.2010

I wouldn't call it Kulturpessimismus, but...

Jeder weiß es: der Musikexpress aus dem Hause Axel Springer ist der Guido Westerwelle unter den Musikmagazinen, womit auch der wahrhafteste Grund genannt wäre, das Heftlein im Laden ganz weit hinten verschwinden zu lassen: die Springerpresse kann mich mal. Aber auch der gute Florian ist manchmal schwach und bekloppt und irgendwie musste ich die Warterei am Flughafen ja 'rumkriegen. Außerdem köderten sie mich mit der Ankündigung von 250 im Heft präsentierten Geheimtipps, also Plattem, und ich hatte schon beim Gedanken daran Schaum vorm Mund, also musste ich zugreifen. "And I'm not proud of it, 'kay? 'kay!" (Bill Hicks).

Dass die Redakteure des MEs zu den gewieftesten Wortonanisten und Architekturtänzern gehören - bon, ist nun auch keine umwerfende Neuigkeit mehr. Dass die beknackten Modestrecken mittlerweile und offensichtlich zum guten Ton eines jeden Quatschmagazins gehören - geschenkt, ich muss sie nicht anschauen. Dass der allmächtige Berlin-Hype gegenwärtig selbst bis in die Bäckerblume vorgedrungen ist - gut, ist ärgerlich, aber was juckt mich Berlin? Dass über die Mitglieder von "mental verrotteten" (Malmsheimer) und darüber hinaus sogenannten Indiebands wie Bonaparte und Cobra Killer neuerdings geschrieben werden muss, welche Klamotten sie am Leib tragen - puh, die Bette Midler is' ja auch tot! 

Dass jedoch der nicht weniger als wahnsinnig zu nennende Musikexpress all das eben unter Schmerzen aufgeführte nun in einer einzigen, verkackten Modestrecke bündelt, den Schmutz mit "Berlin Geht Style" übertitelt, darin ein frisch gevögeltes Frettchen der Band Jeans Team zu Wort kommen lässt, der - abgelichtet mit schwarz angemaltem Gesicht, einem Knochen im Mund und auf einem Stuhl sitzend, während neben ihm ein offensichtlich mittels Schmerzmitteln und/oder Schwachsinn im Quadrat betäubter Blondling eine rote Flagge hisst - ohne mit der Wimper zu zucken zwei Sätze wie "Berlin ist stilfrei und darum glücklich. Mein Lieblingsort ist seit Mitte der 90er das "Metzer Eck" im Prenzlauer Berg, wegen des Kasslertellers." einfach mal so und total nonchalant ins Blatt kotzen darf und als Krönung dieses eiskalt konstruierten Ekels die Redaktion direkt im Anschluss per Anzeige auf den hauseigenen Heftableger "me.style" hinweist, der selbstredend und wie bestellt - wen würde es angesichts dieses zenterschweren Dummfugs auch schon wundern - mit dem Titelthema "Berlin" versucht, die letzten Minderbemittelten zu einem Kauf zu überreden - das finde ich in der dargestellten Stringenz dann doch wieder total geil.

26.09.2010

Verschollen im Licht


ALICE COLTRANE - LORD OF LORDS


Soweit mir bekannt ist, wurde "Lord Of Lords" aus dem Jahr 1973 bisher lediglich in Japan auf CD (wieder)veröffentlicht und ist heute nur für eher absurd zu nennenden Geldbeträge käuflich zu erwerben. In Zeiten von Downloads interessiert das vermutlich "keine müde Sau" (Hagen Rether) mehr, aber verwunderlich ist es angesichts des Re-Issue-Wahnsinns schon ein wenig, ist es nicht? Zugleich ist es ihre letzte Arbeit für das Impulse!-Label, das sie nach nach den Aufnahmen in Richtung Warner Bos. verließ. Als sich der Jazz in den frühen siebziger Jahren in Richtung Rockmusik auf der einen und Funk und Soul auf der anderen Seite entwickelte und damit extrovertierter und massentauglicher wurde, ging Alice stattdessen nach innen: ihre Werke wurden immer spiritueller und erhielten einen stetig stärker werdenden Bezug zur indischen Musik, aber auch zur Klassik. "Lord Of Lords" ist dabei kaum mit ihren früheren Alben wie "A Monastic Trio" oder dem unglaublichen "Ptah, The El Daoud" zu vergleichen: unter der Leitung von Coltrane selbst, dem Produzenten Ed Michael und dem ersten Geiger Murray Adler entsteht ein exklusiv orchestrales Prachtstück eines 28-köpfigen Orchesters (inklusive Ben Riley am Schlagzeug und Charlie Haden am Bass), das deutlich die in den kommenden Jahren stattfindende Entwicklung vorgibt. Bereits auf dem gleichfalls fulminaten "Journey In Satchidananda" (1970) konnte man spätestens bei "Something About John Coltrane" und dem abschließenden "Isis And Osiris" schon erkennen, was da noch alles auf uns zukommen sollte: große, ausfüllende Epen, die eine tiefe Theatralik und Romantik versprühen, etwas, was ich leicht süßlich durchaus als Herzenswärme wahrnehme. 

Ich verbrachte erst letzte Woche einen ganzen Tag mit "Lord Of Lords". Immer und immer wieder setzte ich die Nadel erneut zurück und dann wieder auf, es war als sei meine Wohnung mit purpurnem Licht ausgefüllt. The healing colours of sound oder was, jedenfalls: bis auf das Ende des Titelsongs, in dem eine kleine Verwandschaft zu Coltranes früheren, ja nicht immer kantenlosen Freejazz-Ausflügen aufblitzt, ist ihr siebtes Album an klassischer Musik angelehnt, und hier besonders an das Werk Igor Stravinskys, dessen "Feuervogel" sie folgerichtig und in Auszügen auf "Lord Of Lords" verarbeitet. Hinzu kommt ein soundtrackartig arrangiertes Traditional "Going Home", das einem die Tränen der Rührung in die Augen treiben kann.

Freunde ihrer Mitt-Siebziger Alben wie "Eternity" oder "Radha-Krisna Nama Sankirtana" (wenn man die allzu gegenwärtigen und oftmals nicht leicht verdaulichen Mantra-und Buddhisten-Verweise etwas beiseite räumen mag), werden mit "Lord Of Lords" eine große Freude haben. Und ich kenne damit immer noch kein Album von Alice Coltrane, das ich nicht den wortwörtlichen Heiligenschein ausstellen würde.

Erschienen auf Impulse!, 1973

21.09.2010

I'm fucking staaaarving!


NICE NICE - EXTRA WOW

Astrein auf das falsche Pferd gesetzt. Nach der großartigen Vorabsingle "Sea Waves", die ich kürzlich auf dem Seziertisch hatte, konnte man davon ausgehen, dass sich das Duo Jason Buehler und Mark Shirazi auch auf Albumdistanz etwas handzahmer und poppiger geben würden, aber nix da: schon der Eröffnungstrack "Set And Setting" nagt an den Nervensträngen, ist laut, fauchig und kratzig. Das scheppert wie Hölle und ist fast ein bisschen unangenehm - also schlicht fantastisch.

Darüber hinaus sind auch die übrigen Tracks von "Extra Wow" nicht das, was man gemeinhin als massenkompatibel bezeichnen könnte, genau genommen nicht mal im Ansatz, dafür sorgt alleine der blecherne, unkontrolliert wirkende Sound, der alles dafür tut, dich bloß nicht zu dolle in Sicherheit zu wiegen. Und trotzdem: die Grundsubstanz ihrer Songs ist gar nicht mal so kantig , wie sich das auf das erste Hören anfühlen mag. Der große rote Faden innerhalb ihrer Kompositionen ist allgegenwärtig, er wird nur durch gefühlt hunderte von Layern, Beeps und Glitches ziemlich in Mitleidenschaft gezogen. Selbst wenn sie wie ihn "A Little Love" das Schweben anfangen und auf einem Berg aus mit Metallsplittern verfeinerter rosa Zuckerwatte Tele Tubbies niedermetzeln, achten sie fast überpenibel darauf, bloß nicht zu anschmiegsam zu werden. Nichts von all dem erscheint real, es sind Andeutungen und Reflexe, die das Bild von "Extra Wow" prägen. Kaum greifbar, sind sie im nächsten Augenblick im Off verschwunden, um im selben Moment von neuen Schattierungen und Blitzen ersetzt zu werden. Es ist das unendliche Rad des Wahnsinns, das die beiden mit großer Wucht immer wieder neu anschieben.

Nice Nice sind rast- und ruhelos. Getrieben von der eigenen Kratzbürste, verschwommen dank der eigenen Nebelbank. Hitzig, hektisch, hormonell unausgelastet? Mit diesem Album gehst Du durch Butter wie mit einer Wand, quatsch, "durch einen Elefanten wie durch Marmelade" (G.Polt), jedenfalls: soweit mich die Beruhigsmittel, die Schulterpolster und der Irrsinn obenrum tragen, solange kann ich mit Nice Nice im Fegefeuer tanzen. Super-Sci-Fi-Post-Wave Rabimmel Rabammel Rabumm von zwei offensichtlich Bekloppten.

Es ist prima, aber es strengt an.

Erschienen auf Warp, 2010.

07.09.2010

Obsessed With Beauty


KEITH JARRETT - RADIANCE

"Wenn ich inspiriert werden will, höre ich Karl Dall." (M.Hanuschke)



Er kommt aus dem vielzitierten Nichts und tastet, manchmal springt und hoppst er, prescht ungebremst voran, in eine Nebelbank, in der nur er sich auskennt. Ist da tatsächlich immer die Geschichte als solche im Hintergrund, die Noten abgespeichert wie auf der leistungsstärksten Festplatte der Welt, atemberaubende Zugriffszeiten und flexibel wie ein Gymnastikband? Oder ist das alles nur Gerede, ein Mythos, Scharlatanerie gar?

"Radiance" ist reich. Es hat manchmal den Anschein, als sei Jarrett gar nicht alleine auf der Bühne in seinen stream-of-consciousness verstrickt, als seien hier mindestens drei weitere Flügel an Bord, die ihn unterstützen - und auch wenn das definitiv nicht der Fall ist - auf eine gewisse Weise ist das ja trotzdem richtig. Denn wenn er sie schon nicht auf der Bühne hat, hat er sie ganz bestimmt im Kopf. Er türmt Schichten und Patterns auf- und übereinander, gräbt sich unterirdische Tunnel, die früher oder später zu Fluchtwegen umgebaut werden können, verästelt Strukturen und Oberflächen zu großformatigen, abstrakten Bildern auf einer Notenleinwand, die nur er im Oberstübchen mit Leben füllt. Mich würde in diesem Zusammenhang ja mal interessieren, was neben dem, was sich dann letzten Endes den Weg in die Finger bahnt, so alles links und rechts abseits des Wegen von ebenjenem hinunterfällt, in die Tiefe des Jarrett'schen Nichts. Wenn schon das, was er uns hier vorzaubert, innerhalb von Sekunden und Augenblicken veraltet und irrelevant geworden ist - was passiert dann erst mit der Energie, die er aufwendet, um sich zu dem eigentlichen Ergebnis vor zu schieben, sich überhaupt zu bewegen?

Denn eines ist sonnenklar: "Radiance" zeigt das abgeschlossene System Jarrett, und Energie kann nicht vernichtet werden. Was in der Folge aber auch bedeutet, dass hier nichts ohne den Tod der Töne entsteht, ohne seinen Tod. Ohne Rauch kein Feuer, ohne Verlust kein Gewinn, ohne Scheitern kein Triumph. Ja, die Sache mit dem Scheitern. "Sie denken zu viel." hat er einem Zeit-Redakteur mal an den Kopf geschmissen, nur um danach auszuführen, wie groß der Einfluss von Konzertsälen oder den Zuhörern auf die Musik sein kann und wie man außerdem einen Konzertsaal mittels der Kraft der Töne aus Deutschland nach Italien überführen könne. Also ein strahlendes Beispiel tadellos vorgetragener Emotionen. 

Aber: Ohne Chaos keine Improvisation, erstrecht nicht von Keith Jarrett. "Was abstrakt klingt, gehört zum verbindenden Gewebe" hat er einmal gesagt und auf "Radiance" hört man ziemlich viel verbindendes Gewebe. Es gibt große Momente, in denen mir selbst beim Zuhören fast schwindelig wird (ich meine das übrigens so, wie es da steht), und dabei ist es überraschenderweise egal, ob Jarrett gerade seine Hände Amok spielen lässt, oder ob er eine der wunderbaren Balladen anstimmt, die eine Tiefe, Anmut und Eloquenz versprühen, dass mir spontan kein Vergleich einfallen mag.

Ich kann "Radiance" beileibe nicht zu jeder Tag- und Nachtzeit hören, aber ich lege es vornehmlich dann auf, wenn ich ruhige, weiche Musik hören möchte - dabei ist das Album in weiten Teilen weder ruhig noch weich. Was Jarrett jedoch für mich auf diesem über zweistündigen Trip repräsentiert, ist der Mann am Klavier, weder einsam noch deprimiert, sondern höchst emotional und hellwach an einem Entwurf arbeitet und dafür sein Innerstes, seine Freude und Euphorie, als auch seine Furcht und seine Zweifel in die Hände gleiten lässt. Jarrett ist somit bei aller Stärke und vor allem bei aller Kompromisslogkeit verwundbar, er ist zahm, er ist anschmiegsam. Ich denke das ist es, woher ich den Eindruck erhalte, "Radiance" sei bestens für den Soundtrack für das eigene Zurückziehen geeignet. Vielleicht lernt man ja was fürs eigene Leben.

Erschienen auf ECM, 2005.

03.09.2010

Rockmusik 2010


DISAPPEARS - LUX

Ja scheiß' die Wand an, "Lux" bummst mich gerade um die nächsten Häuserblocks und stürmt meine Jahrescharts. Die Experimental-Spezialisten Kranky kümmern sich also nun um das Quartett aus Chicago, das dieses Debut bereits vor einigen Jahren via Touch & Go herausbringen wollte, was durch die Schließung des legendären Labels aber verhindert wurde. Und es ist gut, dass sich jemand der Veröffentlichung angneommen hat, denn "Lux" ist eine kleine Sensation.

Disappears bauen Wolkenkratzer in die Erde hinein: tief, monoton, scheppernd, mit Gitarrenwänden so dick wie die Hüllen eines Luftschutzbunkers. Dabei bei Weitem nicht so sauber und poliert wie die grundlegend vergleichbaren Black Rebel Motorcycle Club, eher kaputt und dreckig, fies und verdrogt.

Als hätten sich die Young Marble Giants, My Bloody Valentine, Velvet Underground, Hawkwind, Motörhead und die verdammtem Melvins zu einer Jam-Session Mitte der achtziger Jahre getroffen. Bedingung: Kellerloch, Schimmel an den Wänden, kein Tageslicht, Sonnenbrillen, Zigaretten, Trockeneisnebel, rotes Licht, Feedback, Echo, Hall, Delay, Schleifen, Rauschen, Wabern und Ficken. 

Erschienen auf Kranky, 2010.

31.08.2010

Untouchable


Bonobo - Black Sands

Gute, also so richtig übergute Downbeat-Alben sind rar, und da das komplette Genre in den letzten Jahren nochmal an Relevanz einbüßen musste (gefühlt, lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen), werden es auch nicht unbedingt mehr. Und es ist ja immer schwierig zu identifizieren, warum das eine jetzt die Wutz in Dosen, das andere eher die Socke im Joghurt ist - es gibt Musik, die das gewisse Etwas hat, selbst wenn ihre Zutaten es eigentlich auf den ersten Blick gar nicht hergeben. Alleine, dass ich Simon Green aka Bonobo nun mit diesen ersten Zeilen in die Downbeat-Ecke gesteckt habe, wird er mir so oder so wohl nicht verzeihen können, er sagt über sich selbst, dass seine Musik sehr viel variabler und abwechslungsreicher sei als das, was sich gemeinhin unter diesem Moniker zusammenrauft. Nicht, dass er damit falsch liegt, aber wie soll ich diesen Stil-Mix von "Black Sands" anders einordnen, ohne gleich in eine sinnfreie Aneinanderreihung verschiedener Genres ab zu driften?

Bonobos neues Album "Black Sands" hatte mich jedenfalls nach den ersten paar Takten im Sack und es ist seltsam genug, dass ich schon früh an Coltranes "A Love Supreme" erinnert wurde. Freilich weniger aufgrund der eigentlichen Musik, als viel mehr durch den Spirit, den Bonobos Musik versprüht. Du hörst es und Du weißt augenblicklich - 'Okay, das hier ist wichtig, hör genau zu, Mann!". Zuletzt ging es mir so bei "What Happened" der großartigen Emeralds, deren Zutaten zu ihrem Ambient-Sound (Schubladen, jaja!) sich gleichfalls nicht wesentlich von anderen Künstlern und/oder Kollektiven unterscheiden, aber in der Wirkung plötzlich etwas entfalten, was einzigartig ist.

Gut, der Spirit also. Nur: was soll das nun schon wieder sein? Was ist denn der Spirit? Ist der greifbar? Ist der klar zu deuten, klar zu beschreiben? Vielleicht ist er nur das diffuse Gefühl von Romantik, oder einer Traumvorstellung. Was auch immer es ist: es ist da. Und "Black Sands" ist so reich und opulent, so farbenprächtig und detailverliebt (ohne dabei auch nur im Ansatz verkopft zu sein) - schlicht perfekt bis in die letzte Note ausgestaltet und durchlebt, dass es gleichfalls alles in den Schatten stellt, was Green bisher unter dem Namen Bonobo veröffentlichte. Ein unbeschreiblicher Flow, der die Elemente aus Hip Hop, Soul, Funk und Jazz zu einer schwebenden Einheit zusammen zieht, und sie wie einen Schwarm weißer Tauben fliegen lässt. Und wer glaubt, hier sei ja alles nur eitel Sonnenschein, alles so frei und unbeschwert, so leicht und flockig, dass man das Album eh nur zwei Mal hören muss, bevor man alles kennt, der sollte nochmal genauer hinhören: in "Black Sands" ist eine Menge Melancholie und Nachdenklichkeit eingebacken, und Bonobo macht sich nicht unbedingt die Mühe, diesen Grauschleier so gut es geht zu verstecken. Der sonore Bass, der sich oft unter den Layern aus verhallten Stimmen und Snaredrums in dunkeln Ecken herumtreibt, deutet wie die sparsam eingesetzten und perfekt integrierten, rot-grauen Streicher mit ihren großen Melodiebögen auf Skepsis und Dunkelheit hin, die sich mit den hellen, sonnendurchfluteten Seidenvorhängen einen Kampf um die Vorherrschaft auf dem Album liefern.

Und wenn dann noch Andreya Triana ihre dunkle, angerauhte, brennende Sehnsucht versprühende Stimme in die Songs hineinwirft, verbinden sich die Gegensätze zu einem großen Statement, zu einer großen Statue der Weite, des Raums und der Zeit.

Ich bin platt.

Erschienen auf Ninja Tune, 2010.

Liebe Qualitätsmedien!

Könnt ihr jetzt bitte nach Tagen der unwürdigen und überdies kostenlosen Promotion für ein verkacktes Buch eines lobotomierten immer-noch-Sozialdemokraten, dem unter normalen Umständen keine Sau zuhören würde - weil wer will schon einen Schimpansen etwas über Atomphysik sagen hören? - langsam mal wieder über etwas berichten, was so einen Restfunken von Relevanz besitzt? Habt Ihr denn ansonsten absolut rein gar nichts, was es zu besprechen gibt? Wie steht's denn in Pakistan? Ist Haiti schon wieder aufgebaut? Der Golf von Mexico wieder glasklar? Die völkerrechtswidrigen Kriege in Afghansistan und in Irak beendet, hat man Herrn Niebel endlich seine rudimentär entwickelte Kopfmurmel gegen einen schönen Broccoli ausgetauscht? Sprengt Ihr Euch und Eure Zentralen der Blödheit, der Sensationsgier, des Neids und der Missgunst, der Quadratbeklopptheit, der Anbiederei und der Korruption mal schön selbst ins Nirwana, ist also Rettung in Sicht? Hm?

Es wird mal Zeit, ne?!

27.08.2010

Tag Der Offenen Hose

Es ist ekelerregend. Widerwärtig. Niederträchtig.

Und es ist brilliant. Ein früher Schramm, frisch bei YouTube aufgetaucht. 

Teil 1:

Teil 2:


26.08.2010

Break Stuff


Die großartigen The Shitty Limits aus England - ein DIY-Quartett, dessen Livegigs ein mittlerweile legendärer Ruf vorauseilt - bieten auf ihrem Blog alle eigenen bisherigen Veröffentlichungen zum kostenlosen Download an. 

Es lohnt durchaus ein Ohr zu riskieren, auch wenn der NME ausnahmsweise richtig anmerkte, dass es sicherlich mehr Spaß brächte, würde man diese kurzen, schnellen Punk-Eruptionen in einem kleinen, schwitzigen Konzertsaal präsentiert bekommen. 

THE SHITTY LIMITS

Nichtsdestotrotz: das könnte Bestandteil des Soundtracks für die nächste Abrissparty sein. Black Flag trifft auf die Sex Pistols, aufgenommen in einem Blecheimer. 

Marvellous.

12.08.2010

Der Doktor Spricht

THE LLOYD MILLER TRIO - THE LLOYD MILLER TRIO EP

 "The big thing now is to see if this whole spiritual, peaceful and sensitive music becomes the next stage of the world's musical awareness or if it just sits there as a niche item among the intelligentsia and cool people while the infernal meaningless thumping we have been subject to for 50 years continues to torment the world forever." Lloyd Miller 

Jazzer, stürmt den Laden.

Erschienen auf Jazzman, 2010

08.08.2010

Der Strom Kommt Aus Der Dose


ROBERT HOOD - OMEGA


And now to something completely Dingsbums: was mich an "Omega", dem aktuellen Album von Detroits Techno-Opa Robert Hood, am meisten fesselt ist sein makelloser Aufbau, die geradezu stromlinienförmige Entwicklung seiner Tunes, seine perfekt ausgearbeiteten Nuancen der Schatten, der dunklen Ecken, der Unwirklichkeit.

"Omega" bezieht sich inhaltlich auf den Film "The Omega Man" von 1971, ein düsterer Science Fiction-Streifen über ein außer Kontrolle geratenenes Bakterium, das die Menschheit vernichtet, und es gelingt Hood tatsächlich mühelos, die düstere Untergangsstimmung nach zu zeichnen. Er hat allerdings auch aktuelle Studien zur Hand: im Grunde ist "Omega" eine Situationsbeschreibung seiner Heimatstadt Detroit:"You can look at downtown Detroit at night after the nine to five have migrated home and it turns into a ghost town. You had abandoned buildings during the crack epidemic and this progressive city had these ‘zombies’ walking the street. Detroit is a prophetic vision of the sign of things to come." Ausgezehrt und entstellt.

Sein Minimal Techno rauscht und zischelt, ist in futuristisches Silber getaucht, er glänzt und ist bei näherem Hinhören gar nicht so straight, wie man meinen könnte. Die Soundshifts sind kaum wahrnehmbar, die vertrackten Rhythmen entfalten sich in düseren, brettharten Patterns, ohne dass man ihnen direkt folgen kann. Fettfrei, muskulös und vielleicht das Wichtigste: völlig kompromisslos. Und dabei doch erstaunlich lyrisch, aber nicht in dem Sinne, wie wir es von den sogenannten Autorentechno-Platten der letzten Jahre kennen. Hood gibt einen Scheiß auf Allgemeinplätze und auf hell ausgeleuchtete Flächen, die man der Melancholie zuliebe mit einem Dimmer aus dem Werkzeugkasten für Jedermann abgedunkelt hat. Vielmehr ist ihm mit "Omega" ein für heutige Verhältnisse nicht nur in der Aussage sehr rauhes, untrendiges Techno-Album gelungen, dass seine Geschichte nicht erzählt, sondern sie mit jedem Durchlauf neu erlebt. Das ist toll, und ich habe ein solch durchgreifendes, stoisches und dabei überaus opulentes Techno-Album schon seit langer Zeit nicht mehr gehört.

Es bleibt eine seltsame Angelegenhet, aber eine sehr inspirierende und anregende.

Erschienen auf M-Plant, 2010.

26.07.2010

Jungfrauen, Herpes, Kokain

Ich weiß - mit dieser Überschrift hole ich mir wieder das größte Pack auf meinen Blog - aber sei's drum.

Es mag auf den ersten Blick etwas seltsam anmuten, dass ich hier tatsächlich ein paar Sätze über die größte Metalband aller zeiten (keine Widerrede!) verliere, und womöglich verbessert sich der Eindruck auch auf den zweiten Blick nicht wesentlich. Gerade ich, der ohne Iron Maiden wohl nie zur harten Musik gefunden hätte - oder zur Musik überhaupt, wer weiß das schon? - und der wenigstens außerhalb dieses Blogs schon so oft und auch so ausschweifend über seine Beziehung zu dieser Band referierte, manchmal sehr zum Leidwesen Anwesender. Da ist doch schon alles gesagt.

Im Grunde ist das völlig richtig und auch wenn es verlockend wäre, besonders über die Erkenntnisse der letzten 10 Jahre Bandgeschichte zu berichten, muss ich mir immer wieder vor Augen halten: das ist kein Iron Maiden-Blog. Und wenn ich einmal damit anfinge, dann fände ich kein Ende mehr. Es gibt zuviel zu erzählen, zuviel zu bewerten, zuviel zu spekulieren. Womit wir schon einen ihrer Erfolgsfaktoren genannt hätten: Maiden lassen zwischen sich und der Öffentlichkeit soviel Luft alleine hinsichtlich des Managements, des Bandgefüges oder, etwas martialisch/animalischer beschrieben, der "Rangfolge" innerhalb der Band, dass dem Fan ebensoviel Luft zum Spekulieren bleibt. Aber ich schweife schon ab. Ich sollte mich lieber auf das konzentrieren, was mich ursprünglich zu diesem Blogeintrag brachte: der Umgang mit der Frühphase. Und hier insbesondere mit den ersten beiden Alben, das selbstbetitelte Debut sowie dessen Nachfolger "Killers".

In meinen Augen wird diese Phase von beiden "Parteien", also den Fans auf der einen und der Band selbst auf der anderen Seite immer wieder kolossal unterschätzt - wobei es hier sicherlich eine Rolle spielt, dass zunächst mal viele Fans derart auf die Post-"Killers"-Ära fixiert sind und die ersten beiden Scheiben grundlegend ausblenden, was sich dann natürlich im Umgang der Band mit ihren Frühwerken niederschlägt. Zum einen hören Maiden immer sehr genau auf das, was die breite Masse ihrer Fans will (weshalb wir auf Konzerten bis ans Lebensende von Steve Harris auch Songs wie "The Number Of The Beast" oder "Fear Of The Dark" hören werden), zum anderen strömen dank eines überragenden Marketings auch immer noch Tausende junge, neue Fans in die Konzerthallen, die Maiden noch niemals zuvor auf der Bühne sahen. Und da man es sich mit ebenjenen nicht gleich wieder verscherzen will, wenn man ihnen nicht die Klassiker hinschmeißt, werden die eben gespielt, bis es allen aus den Ohren herauskommt. Von den ersten beiden Alben ignoriert die Band bis auf den Standard "Iron Maiden" vom Debut, das traditionell den offiziellen Teil eines jeden Gigs beschließt, und allerhöchstens noch "Wrathchild" von Nachfolger seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten alles weitere, vermutlich in dem Glauben, niemand wolle die alten Schinken hören. Aber gut, Iron Maiden und Setlists, allein darüber könnte ich bis 2038 durchschreiben - vielleicht komme ich darauf irgendwann nochmal zurück. Dass man 2003 eine Motto-Tournee fuhr, die sich auf die Songs der ersten vier Alben bezog, was dazu führte, dass man auch schon lange nicht mehr gehörte Tracks der frühen achtziger Jahre bewundern durfte, blieb die Ausnahme.

Was mich an diesen beiden erwähnten Scheiben so fasziniert ist ihre unterschiedliche, offenbar generationsbedingte Rezeption im Vergleich mit späteren Alben. Wo sich locker 98% der Fans hinsichtlich der Qualität der Phase zwischen 1982 und 1988 komplett einig sind, gehen die Meinungen überraschenderweise nicht nur für den qualitativ viel überschaubareren Bereich 1990 bis 1998, sondern eben auch für "Iron Maiden" und "Killers" auseinander. Selbst Maiden-Boss und -Bassist Steve Harris bezeichnet das Debut (neben dem 1986er Opus "Somewhere In Time") als schwächsten Maiden-Output, fügt jedoch schnell hinzu, das läge in erster Linie an der Produktion von Will Malone, "die Songs an sich sind okay.". Okay. OKAY! Was für eine bodenlose Frechheit.

In meinem Bekanntenkreis tummelt sich der ein oder andere Musikfan, der die Anfänge von Maiden hautnah miterlebte. Heiko, der Bassist meiner ehemaligen Band BROKEN beispielsweise, sah sie 1980 im Vorprogramm von Kiss auf dem Frankfurter Rebstockgelände und war danach praktisch erleuchtet. Dem Mann, der es in den nächsten Jahren in Sachen Fingerfertigkeit locker mit dem neuen Vorbild Harris aufnehmen konnte, entfuhr dann aber auch die Bemerkung, dass Maiden "ab 'The Number Of The Beast' [1982], spätestens aber ab 'Piece Of Mind' irgendwie komisch" wurden, was er in erster Linie auf den damaligen Wechsel an den Drums zurückführte, als Nicko McBrain den mit Alkoholproblemen kämpfenden Clive Burr ersetzte. Ein Einwand, der absolut nach zu vollziehen ist: beide sind hervorragende Drummer, aber es ließe sich trefflich darüber diskutieren, wie sehr McBrains Stil Maidens Sound in den nächsten Jahren beeinflussen sollte.

Ich erinnere mich auch noch gerne an den ehemaligen Rock Hard-Webmaster Hansi Daberger, der mir Ende der neunziger Jahre bei einer Brause seine Maiden-Erlebnisse mitteilte:

"Als "Iron Maiden" veröffentlicht wurde - wir waren alle geschockt. Das war das größte, was wir bis dato gehört hatten, wir sind förmlich durchgedreht. Und jeder dachte 'Das war's jetzt auch schon wieder, das können sie unmöglich
toppen', wir konnten es uns wirklich nicht vorstellen, dass sie dieses Album nochmal übertreffen würden. Und dann kam "Killers". Und dann wussten wir 'Scheiße, es geht doch."


Doch auch er nahm nach "Killers" einen Knick wahr. Sowohl Hansi als auch Heiko waren natürlich immer noch "Fans", aber beide waren überzeugt davon, dass ihnen ab 1982 etwas an der Band fehlte - beide konnten aber auch nicht exakt bestimmen, was es war. Meine Vermutung: Maiden wurden als Ganzes klischeehafter und angepasster, sie orientierten sich ab "The Number Of The Beast" viel stärker an dem, was die Fans von ihnen erwarteten. Man mag nun entgegenhalten, dass die Band nach dem Sängerwechsel gar nicht ahnen konnte, was man von ihnen erwartete, aber ich glaube, sie ahnten oder wussten es gar tatsächlich. Wer die "Early Days"-DVD, eine Dokumentation über die Anfänge der Band, gesehen hat, mag nach dem kurzen Moment der Empörung gewillt sein, mir zu zu stimmen. Maiden überließen zu keinem Zeitpunkt ihrer Karriere etwas dem Zufall. Wer immer noch glaubt, dass diese Band einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und deshalb so groß wurde, liegt in meinen Augen verkehrt. Das Projekt "Iron Maiden" war von Anfang an generalstabsmäßig geplant. Manager Rod Smallwood und Bassist Steve Harris kannten von Anfang an exakt die nächsten Schritte, sie planten den Aufbau und den Werdegang dieser Band teils bis zu drei, sogar bis zu vier Jahren im Voraus. Sie waren sich einfach extrem sicher. Weil sie wussten, was zu tun ist. Weil sie wussten, welche Musik sie spielen mussten. Weil sie wussten, dass die Erfindung des Maskottchens Eddie ein marketingstrategischer Geniestreich war. Weil sie wusten, dass sie spektakuläre Bühnenshows präsentieren mussten. Weil sie wussten, dass das Spielen mit der Satanismus, mit Mystik und Klischees Aufsehen erregen wird.

Aber selbstverständlich trug auch die Ankunft Dickinsons dazu bei, dass "The Number Of The Beast" deutlich anders klang als "Killers". Paul Di'Anno mag technisch der eindeutig unterlegende Sänger sein, seine Kraft indes, seine wilde und unkontrolliert wirkende Stimme prägte das komplette Klangbild der Band und verpasste ihrer Musik den ursprünglichen, puren Charakter einer End-Siebziger Punkband, die Thin Lizzy-Hits covert. Dickinsons bretthartes und ungemein druckvolles Timbre brachte nicht nur mehr grundlgende Kontrolle mit sich, aber auch einen Zuwachs an Testosteron, an Männlichkeit im gesamten Auftreten der Band. Maiden wurden glatter und im gleichen Moment tougher; eine weitere erfolgversprechende Kombination für die von Männern dominierte Metalszene einerseits und den nach abgeschliffenen Kanten dürstenden Mainstream andererseits.

Natürlich waren das Debut sowie "Killers" äußerst erfolgreiche Alben und ich glaube sogar, dass speziell bei vielen US-Amerikanern "Killers" immer noch ganz hoch im Kurs steht, trotzdem habe ich den Eindruck, als blieben die ersten beiden Alben immer etwas außen vor, wenn es um eine Gesamtbetrachtung der Band geht - viel mehr als die beiden Aussetzer "The X-Factor" und "Virtual XI" aus den neunziger Jahren, als der ehemalige Wolfsbane-Frontmann Blaze Bayley den zwischenzeitlich geflohenen Dickinson ersetzte und erwartungsgemäß baden ging. "Iron Maiden" und "Killers" gehören nicht so richtig dazu, das sind doch die beiden Scheiben mit dem komischen Sänger, der so gar nicht Metal ist.

Bis vor etwa zwei Jahren war ich immer der Überzeugung, den Kampf um den Thron des besten Maiden-Albums aller Zeiten machen "Powerslave" (1984) und "Seventh Son Of A Seventh Son" aus dem Jahr 1988 unter sich aus. Mittlerweile jedoch bin ich auf einer anderen Seite aber immerhin im selben Buch: die wahren Kontrahenten um den Platz an der Sonne heißen "Iron Maiden" und "Killers", denn so großartig, frisch und ungehemmt-wild klangen Maiden hinterher nie wieder. Songs wie "Remember Tomorrow", "Transylvania" und besonders die beiden gigantischen Sternstunden "Strange World" und "Phantom Of The Opera" vom Debut, sowie "Murders In The Rue Morgue", "Innocent Exile", "Prodigal Son", "Killers" und "Purgatory" von "Killers" sind Meilensteine des Heavy Metal und sollten mindestens auf einer Stufe mit den viel, viel bekannteren Maiden Songs wie "Hallowed Be Thy Name" oder das erwähnte "Fear Of The Dark" stehen. Manchmal hat es den Anschein, als sei hier eine völlig andere Band am Werke gewesen. Und im Grunde...stimmt das ja auch. Hier standen fünf hungrige Typen in einem Aufnahmestudio, die es der Welt beweisen wollten, aber auch mussten. Und sie brannten. Lichterloh.

Wer hat hier eben nach einem Videobeweis gerufen?


24.07.2010

Tausendsassa


Andreya Triana - Lost Where I Belong

Killer 12-Inch mit einem der stärksten Tracks des bisherigen Jahres. Nach der wiederholt überaus wunderbaren Kollaboration Andreya Trianas mit Bonobo auf dessen Meisterwek "Black Sand" (über das ich an dieser Stelle in den kommenden Wochen sicherlich auch das ein oder andere Wort verlieren werde), hat sie sich für ein eigenes Stück erneut mit ihm zusammengetan und "Lost Where I Belong" zusätzlich vom derzeit wohl hippsten Produzenten überhaupt Flying Lotus remixen lassen. Schon das Original ist ein sonniger, grooviger Soul-Smasher, lasziv und leicht melancholisch, bei dem ein leichter Frühlingswind durch Seidengardinen haucht.

FlyLos Arbeit erkennt man dann schon nach dem ersten Takt, in dem seine berühmte Harfe deepem Jazz die Tür öffnet und die morphindicken Beats noch mehr Raum für den eigentlichen Song freiklopfen. Dass Ellington des Weiteren keine Probleme damit hat, der Dynamik zu Liebe sich auch mal komplett im Hintergrund zu tummeln, während Engelschöre und White Noise-Gezischel den Gesangsloop umkreisen und ihn am Ende wie Majestix auf den Schild heben, um ihn in seiner schieren Größe strahlen zu lassen, dürfte spätestens nach seinem Durchbruchsalbum "Los Angeles" aus dem Jahr 2008 bekannt sein. Die auch als Download (Preview) zur Verfügung stehende Maxi hält neben dem Full Length- und Radio Edit des Titelsongs außerdem noch eine Akustikversion und den Fly Lo-Mix in instrumentaler Fassung bereit. Und jetzt der Oliver Ding Gedächtnis-Nachsatz: "Darf man kennen."

Erschienen auf Ninja Tune, 2010

18.07.2010

Bill Hicks (1961-1994)


Another Dead Hero


Ich könnte hier nun zu einer elendig langen, fast schon grotesken Lobeshymne über den US-amerikanischen Stand-Up Comedian Bill Hicks ansetzen, über seine Radikalität, seine Schärfe, seinen großartigen Humor und vor allem über seine schmerzhafte Kompromisslosigkeit. Ich könnte sagen, dass fast kein Tag vergeht, an dem ich mir nicht mindestens einen YouTube-Ausschnitt aus seinen Programmen anschaue. Dass seine teils über 20 Jahre alten Einlassungen zur

US-Politik und seinen Kriegstreibern:

"You know what bugged me about the whole election? They totaly reduced us to this whole worship of money, and that's what they made the whole election about, was taxes, voting with your wallet. People say to me 'Bill, you vote for Clinton, he's gonna raise your taxes. M'kay? I mean, he may tell you he's not, but he's gonna. A vote for Clinton is a vote for higher taxes, Bill.' See, I have news for you, folks. There's other reasons not to vote for George Bush than taxes, OK? I don't know what's happened to us as a world, maybe twelve years of republicanism has made us think this way, but the reason I didn't vote for Bush is because George Bush -along with Ronald Reagan- presided over an administration whose policies toward South America included genocide. So yeah, ya see? The reason I didn't vote for him? 'Cause he's a mass murderer. I'll pay the extra nickel on petrol, just knowing brown kids aren't being clubbed to death like baby seals in Honduras, so Pepsi can put a plant down there."


zur Menschheit

"We're a virus with shoes, and that's all we are."


zum Leben

"Its just a ride, and we can change it any time we want, its only a choice, no effort, no work no job, job, no savings of money, a choice right now between fear and love. The eyes of fear want you to put bigger locks on your doors, and buy guns, close yourself off. The eyes of love instead see all of us as one. Heres what we can do to change the world right now to a better ride; Take all that money we spend on weapons and defence each year and instead spend it on feeding clothing and educating the poor of the world which it would many times over, not one human being excluded and we can explore space, together, both inner and outer, forever, in peace."


zur Kennedy-Ermordung

"What happened was Oswald's gun went off, causing an echo to echo through the buildings of Dealey Plaza and the echo went by the limo on the left up into the grassy knoll hitting some leaves causing dust to fly out which 56 witnesses testified was a gun shot, cos immediately... Kennedy's head went over. But the reason his head went over is cause the echo went by the motorcade one the left and he went "What was that?"

So there, we have figured it out. Go back to bed America, your government has figured out how it all transpired. Go back to bed America, your government is in control again. Here. Here's American Gladiators. Watch this. Shut up! Go back to bed America. Here's American Gladiators. Here's 56 channels of it. Watch these pituitary retards bang their fuckin skulls together and congratulate you on living in the land of freedom. Here you go America, you are free, to do as we tell you, you are free, to do as we tell you.
"


über Corporate Rockstars

"We're rock stars who do Pepsi Cola commercials!" Luckily Satan's dick has many heads, so all these little demon piglets can nuzzle up and suckle all at once. Here comes a fella named Vanilla Ice. Here comes MC Hammer. Here's Madonna with two heads. Suckin' Satan's pecker. Suck it! It's only you're dignity. Suck it! It's only your dignity! Suck it! . . . I am available for children's parties, by the way."


über Backward Masking

"Remember that a few years ago, you play albums backwards there are satanic messages? Let me tell you something, if you've ever sat around playing your albums backwards, you are Satan. Don't look any further."


oder über den zweiten Golfkrieg

"It was a very stressful time for me, the war. I'll tell you why - I was in the unenviable position of being for the war, but against the troops. And ah... Not the most popular stance I've ever taken on an issue."


auch heute noch aktuell, wahr (aber sowas von wahr!) und richtig (ABER SOWAS VON RICHTIG!!!) sind, dass ich ihn jeden Tag aufs Neue vermisse.

Einen tollen Hintergrundbericht über Bill, sein Leben und leider auch sein Sterben (Hicks starb 1994 an Bauchspeicheldrüsenkrebs) stand vor einigen Jahren in der Satirezeitschrift Titanic. Oliver Nagel war der Autor und Gott sei Dank haben die Jungs die "Humorkritik Spezial" in ihrem Online-Angebot hinterlegt. Besser als Oliver könnte ich es sowieso nicht ausdrücken. Sehr lesenswert:

»Not all drugs are good. Some of them are great!«


Und zum krönenden Abschluss: Bill Hicks über das Rauchen. EPIC!



R.I.P., Bill.

17.07.2010

On A Single Page


Mia Doi Todd - Sleepless Nights


Einer kleiner Hinweis an die Folk-Fraktion, ein bisschen überraschend aus dem Hause Kindred Spirits. Das Amsterdamer Label überzeugt für gewöhnlich mit Soul, Funk, Jazz und Electronica im Katalog, während die Kalifornierin Mia Doi Todd auf dieser kleinen 7-Inch-Single mit zwei folkigem Singer/Songwriter-Perlen ihrer acht Alben und zwei EPs umfassenden Diskografie ein weiteres Mosaiksteinchen hinzufügt. 

"Sleepless Nights" ist ein mediterraner Pflaumenkuchen mit Früchten aus dem Garten Joni Mitchells, eingenommen um 3:11 Uhr morgens, in einer Hollywoodschaukel über den Hügeln L.A.s, dazu wird ein unkomplizierter Rotwein gereicht. "Night Of A Thousand Kisses" auf der Flip versprüht einen leicht schrägen Stimmungsfond und erscheint, ganz dem Titel entsprechend, ein bisschen sexy, schwül und entrückt. Mir kommt hier und da - und spätestens beim Gesangseinsatz - sogar kurz Dead Can Dance als mögliche Verbindung in den Kopf - eine Low Budget Version von Dead Can Dance, aber immerhin. Selbst das bekommt man schließlich nicht mal so mit links hin. Todd arrangiert schnörkellos, ihre einzigen Begleiter sind ein Bass/Cello (gespielt von Joshua Schwartz), hier und da eine schwerelose Percussion-Streichholzarmee von Andres Renteria und eben ihre mollig rollende Gitarre. No big deal, könnte ich jetzt sagen, aber mich haben die beiden Titel sofort gepackt. Das ist weit vom Kitsch entfernt und somit keine watteweiche Allerweltsmusik für "naive Allesgutfinder"(Peter Weihnacht). Die steht ja sowieso seit Jahren immerwährend an der Spitze der Indie-Charts, Mia Doi Todd ist also unschuldig.

Andererseits ist es angesichts der Tiefe der beiden Tracks dann auch kein Wunder mehr, dass Kindred Spirits den Zuschlag erhielten (und vor 2 Jahren auch das passende Album "GEA" zu dieser Single veröffentlichten), richtet sich ihre Message doch an ein Publikum, "that appreciates a wide range of soulful, spiritual music.".

Passt. Ganzes Album auch prima, also los da. 




Erschienen auf Kindred Spirits, 2008

10.07.2010

Die Verdammten

Keine Bange, 3,40qm wird kein politischer Blog. Dass mir dennoch von Zeit zu Zeit ob der unsagbarsten Schweinereien die Galle überschwappt und ich meinem Ärger irgendwie Luft machen muss ohne gleich einen Passanten zu verprügeln, bitte ich zu entschuldigen.

Heute auf dem Speiseplan der Schildbürger: die SPD, nicht erst seit gestern so in etwa das sinnentleerteste und trostloseste Häufchen Elend in der an sinnentleerten und trostlosen Häufchen, ach was: ganzen Haufen nicht so ganz armen politischen Szene, möchte die Zuschüsse seitens deutscher Krankenkassen an homöopathischen Behandlungen streichen.

"Richtig so!" kräht's aus dem obenrum nicht so reich beschenkten Kleingeist. Alles nicht erwiesen, ein Placebo tut's doch auch, die Kassen sind pleite, wir werden alle sterben. Es tut so gut, wenn man den eigenen Minderwertigskomplex mit dem Getöse der großen Politik spazieren tragen darf - das fühlt sich wichtig an und man gehört ja dann doch auch irgendwie dazu.

In einer Zeit, in der unser Gesundheitsministerium, das übrigens seit jeher reich von der Pharmalobby mit Spendengeldern im lockeren zweistelligen Millionenbereich bedacht wird - selbstverständlich ohne jegliche Einflussnahme, unsere gewählten Volksvertreter sind fraglos der Fels in der Brandung namens Korruption, eine Gesundheitsreform plant, die eben nicht den schmierigen Verbrechersumpf aus Krankenkassen, Kassenärztlichen Vereinigungen und Pharmaunternehmen, Apothekern und Ärzten wenigstens sachte beginnt aus zu trocknen, sondern sich nicht anders zu helfen weiß - eine Überraschung jagt die nächste! - als die Gesundheitsabgaben für Arbeitsnehmer zu erhöhen, bei gleichzeitiger Festsetzung des Arbeitgeberanteils sowie einem Persilschein an Krankenkassen hinsichtlich eines Zusatzbeitrags ausstellt und damit die "mafiösen Strukturen im Deutschen Gesundheitswesen"(Bundeskriminalamt Wiesbaden) weiter zementiert und sogar einen Markus Söder (CSU) zu der Aussage verleitet, es sei "politisch schwer vermittelbar (...) unbegrenzt Kosten auf die Versicherten [zu] übertragen", in einer Zeit, in der es eine Zusammenrottung aus menschlichen Wildschweinen im Rahmen einer veritablen Verschwörungsszenerie schafft, den Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Peter Sawicki, ab zu setzen (Link 1, Link 2) und mit einem industriefreundlichen Taugenichts namens Jürgen Windeler zu ersetzen, der zum 1. September die Nachfolge antritt und der nun im Spiegelbericht die Homöopathie als "spekulatives, widerlegtes Konzept" bezeichnen darf/muss, in einer Zeit also, in der das Geklüngel und die Korruption sich geradewegs explosionsartig vermehren, soll an der Homöopathie gespart werden.

Ich muss nur eine stinkesimple Wikipedia-Recherche bemühen, um folgendes heraus zu finden:

"2007 betrug der Anteil homöopathischer Arzneimittel im deutschen Apothekenmarkt am Umsatz 1,09 %, an der Zahl der verkauften Einheiten 3,26 % (3,16 % im Vorjahr).[52] Im Jahr 2008 lag der Anteil homöopathischer Mittel an verkauften rezeptfreien Arzneien bei rund 7 %, was einem Verkaufswert von 399 Mio. Euro entspricht. Dabei war der Anteil der Selbstkäufe weitaus höher als der Anteil der Käufe auf Verordnungen durch Therapeuten."

Außerdem:

"Weltweit liegt der Umsatz mit homöopathischen Arzneimitteln geschätzt in einer Größenordnung von 2 Milliarden Euro. Das sind weniger als ein Prozent des gesamten Arzneimittelmarkts."

Des Weiteren:

"Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen unter bestimmten Bedingungen homöopathische Behandlungen bei Ärzten mit der Zusatzbezeichnung „Homöopathie“, beispielsweise im Rahmen von Verträgen zur Integrierten Versorgung, an denen allerdings nur ca. 1 Prozent der Kassenärzte beteiligt sind."


Weltweiter Umsatz in Höhe von 2 (in Worten: ZWEI!) Milliarden Euro? Weniger als 1 (EIN!!) Prozent des gesamten Arzneimittelmarktes? "Können wir den Witz nochmal in Farbe hören?" (Volker Pispers). Schon wieder quallt es aus den Vakuumköpfen hervor:"Diese Kosten dürfen auf gar keinen Fall auf die Bürgerinnen und Bürger in diesem Land abgewälzt werden" - von den MILLIARDEN, die uns dieses korrupte Schweinesystem jährlich kostet, redet kein Mensch - stattdessen füttern wir es die ganze Zeit fett. Bin ich der einzige, dem das alles komplett absurd vorkommt?

Dem ganzen Schlamassel liegt übrigens dasselbe Prinzip wie beim Umgang mit Hartz 4-Beziehern zu Grunde: die, die keine Lobby haben, die, die es sich nicht leisten können, sich zu beschweren, die, die von der Politik schon lange aufgegeben wurden und damit mit allem gedemütigt werden können, weil's uns halt allen sowieso am Arsch vorbeigeht, die, deren Stimme niemals Gehör finden wird - die können wir schön in einem selbstgemachten Sud aus Hochmut, Gier und Demütigung weichkochen und sie hinterher als die armen Opfer, die nützlichen Idioten einer seit Jahrzehnten fehlgeleiteten Politik einerseits und einer außer Kontrolle geratenen Wirtschaft auf dem Silbertablett eines ebenfalls von Lobbyisten und Heuchlern unterminierten politischen Feuilletons präsentieren, und auf die herunter zu schauen uns soviel eigenen Stolz und einen prächtig geäderten, dicken Pimmel beschert. 

Wir müssen es echt nötig haben.

27.06.2010

Blues And Beyond

Joëlle Léandre & Akosh S. - Kor

"Jazz is taught now in conservatoires along the same lines as classical music, with concours [competitive exams] at the end of the year and all that.. We're producing a generation of old young people who know it all at age 27. It's sterile, antiseptic; there's no danger, no experimentation. I'm completely against it."
Leandre ist wütend. Wütend über eine verkrustete, unbewegliche Szene, die einerseits jede Sekunde den Non-Mainstream feiert, weil's halt so schön anspruchsvoll und unangepasst wirkt, andererseits aber all das, was sie nicht versteht, als "schwierig" und "abgehoben" verdammt. Über Konzertveranstalter, die Musik wie jene auf "Kor" am liebsten in 10qm großen Toiletten live präsentieren würden, weil sie es ihrem "geliebten Publikum", ergo: der goldenen Kuh, die man 24/7 melken muss, zur Primetime nicht zumuten können.

Die französische Bassistin, deren eindrucksvoll umfangreiche Diskografie ein Buch füllen würde, und die bereits mit Größen wie Hamid Drake, Marilyn Crispell, Anthony Braxton, John Zorn oder Evan Parker zusammen spielte, zelebriert auf "Kor" mit dem ungarischen Saxofonisten und Multiinstrumentalisten Szelevényi Akos ein gut 50-minütiges, improvisiertes Set, live aufgenommen im Olympic Cafe in Paris. Ich wurde durch den großartigen Freejazz-Blog auf dieses Album aufmerksam, das ebendort die Höchstwertung erhielt. Die Zusammenstellung Bass/Saxofon fand ich darüber hinaus ebenfalls sehr spannend, womit für genügend Kaufanreize gesorgt war. Ich habe es nie bereut und hätte, ehrlich gesagt, schon sehr viel früher über "Kor" schreiben sollen, wo nicht müssen. Genau genommen hätte "Kor" ohne Zweifel in meine "Best Of 2008"-Liste gehört. Ich glaube, Lloyds "Rabo De Nube" hat ihm in letzter Sekunde den Rang abgelaufen. Sei's drum.

Allein die Ausgangssituation bringt Begriffe wie "spröde", "rissig" oder "Zerfasert" in die Diskussion, und das, ohne vorab auch nur einen Ton gehört zu haben. Dabei ist es mitnichten ausschließlich der knarzende Bass, der für die Breite und den unbeweglichen Krunsch (wtf?) sorgt und der außerdem in so manchem Moment klingt, als würde er mit Leandre spielen und nicht umgekehrt. Das Ding lebt doch?! Leandre zieht alle Register: mal schmeckt es nach Mutterboden, nach rauchigem Holz, nach porösem Lavagestein, mal nach einem indischen Spiritual oder den Eislandschaften eines Thomas Köner. Auch Akoshs Spiel nimmt Leandres Grundmotive dankbar auf, ohne nicht auch hier und da in ein sattes Grasgrün zu tauchen und es Melodien regnen zu lassen. Ihre Kommunikation ist beeindruckend zu verfolgen, sie sind Seite an Seite und mit unsichtbaren Seidenfäden miteinander verbunden. Selbst wenn sie sich voneinander entfernen, treffen sich ihre Wege in dem großen Synapsen-Schaltkasten. Weil sich jeder auf den anderen einlassen kann, weil sie sich blind vertrauen können. Das hört man tatsächlich, und das gibt über die Musik hinaus einfach ein sehr starkes, positives und helles, leichtes Gefühl.

Besonders beeindruckend: Leandres tiefes Gebrüll über Akoshs in Fetzen fliegendes Saxofon in "Part 2". Ist das schon Avant-Blues? Es zieht einem die Kehle zu, man ist angewidert und fasziniert in einem. Katharsis ist ein Scheiß dagegen. Und trotzdem: "Kor" ist zu keiner Zeit abgehoben oder verkopft, ich empfinde es im Gegenteil als sehr geerdet und verwurzelt.

"People are there, they listen, they're moved. Who says this is difficult music?!" - Ja, wer eigentlich?

Erschienen auf Leo Records, 2008

23.06.2010

Viel tiefer wird's nicht mehr gehen, Junge!


FLYING LOTUS - Cosmogramma

Ich begreife es nicht. Ich begreife eigentlich gar nichts.

Da mal ein Fetzen, der vertraut erscheint, danach wieder into the void. Die Kombinationen sind's, die orientierungslos machen, wie Netzschwankungen beim örtlichen Stromdienstleister die Heliumlampe - quatsch - die Halogenlampen durcheinander wirbeln. "Cosmogramma" soll Steve Ellingtons "Space Opera" sein und die Aufsätze, die seit Erscheinen dieser Platte erschienen sind, dokumentieren natürlich genau jene Assoziationen, die ein solcher Begriff eben mit naturgemäß mit sich bringt - vor allem in der jungen, hippen, unangepassten Szene, die in der Spex die verlorengegangenene "bohemistische Geste" des Rauchens beklagen darf, wenn der Glimmstengel zwischen Mittel- und Ringfinger vor sich hin qualmt, beziehungsweise eben nicht (mehr). Wo raucht eigentlich Annett Louisan, wenn man sie mal braucht?

Herr, vergib' mir, denn ich trank White Russian und bin jetzt mindestens genauso unangepasst wie Karl Dall oder Kader Loth. 

Okay, okay..."Cosmogramma" ist ein Koloss. Viel monumentaler als das Durchbruchsalbum "Los Angeles" aus dem Jahr 2007, das auch nicht gerade arm an monumentalen Entwürfen war - wenn auch viel futuristischer. "Cosmogramma" ist des Weiteren viel anspruchsvoller als der Erstling "1983", der, Sie ahnen es bereits, jetzt auch nicht so super anspruchslos war. Ich kann die Durchläufe mittlerweile nicht mal mehr erahnen und so langsam, so ganz langsam steckt Herr Sinn den Kopf aus den Lautsprechern und zeigt mir den ein oder anderen Weg. Wobei das nicht angemessen formuliert ist: er zeigt mir keinen Weg, er zeigt mir immer öfter das Große.

Das Ganze. 

Wenn nach den gefühlten zwei Stunden die finale Auslaufrille erreicht ist, und ich zurückgelehnt und mit einem Gesichtsausdruck, der "Hatte ich eben einen Orgasmus, Baby?" fragt, versuche rückblickend und aus der hohen Ferne des Walsertals das saturngroße Zirkuszelt zu überblicken, das all diesen Irrsin einfängt und umspannt, luftdicht verpackt und dokumentieren will, dann wird mir immer öfter eine Idee geschenkt, die "Cosmogramma" zu etwas sehr Bedeutsamen und Epochalem werden lässt. Weil es da Nanofunken gibt, die mir aufgeregt und hektisch gestikulierend beweisen wollen, dass das alles tatsächlich zusammenhängt. Dass da eine Methode existiert, die nicht "Zufall" oder "Glück", sondern "Disziplin", "Märchen", "Respekt" oder "Demut" heißt. Vielleicht heißt sie auch "Rebellion" und "Aufruhr" - vielleicht erging es den Menschen 1960 ähnlich, als sie "Free Jazz" hörten und nicht wussten, was da gerade über sie hineinbricht. Wird "Cosmogramma" denn überhaupt von einer politischen oder gesellschaftlichen Message getragen, die mit den großen Meilensteinen des Jazz zu vergleichen ist? Natürlich nicht direkt, wir haben heute 2010 und die Welt wird von Tag zu Tag zynischer und obszöner - auch wenn wir gerne darüber diskutieren können, wie zynisch und obszön sie 1960 für Afro-Amerikaner in den USA ausgesehen haben mag. 


Aber gibt es hier ein vergleichbares Brodeln, dass Dir ohne Worte zeigt, aus welchem Wahnsinn es sich speist? Oder ist es am Ende gar kein Brodeln, ist es nicht viel mehr eine Umarmung, ein sanftes und gütiges Lächeln, dass Dir im tiefstem Innern versichern will, dass alles gut ist und noch besser wird? Oder ist "Cosmogramma" doch eher ein simpler Hedonismus, der eitel und selbstgefällig alle vierzehn Sekunden nachschauen muss, ob die Frisur sitzt, weil er es sich leisten kann?

Und jetzt, wo ich all das schreibe, kommt mir das doch wieder alles viel zu groß und viel zu pathetisch vor - wir reden schließlich immer noch und nur von Musik. Andererseits - und das glaube ich wirklich: ich könnte mich "Cosmogramma" gar nicht anders nähern, als über die Frage nach der Vision und dem Motiv. Und ich könnte mir "Cosmogramma" nicht anders erklären, als über die Frage nach der Einheit und nach der Spritualität, der Erhabenheit und der Ergebenheit.

Das ist keine banale Sammlung von Noise und Beats, keine wahllose Aneinanderreihung und Überhäufung von Schichten und Ebenen. Das ist das große Lexikon der Musik, der Spiritualität und des Lebens. Im Zeitraffer und in Milliarden kleiner Splitterfragmente ausgebrütet und dargelegt von einem, der dieses ganze Scheißspiel offenbar verstanden hat.

Und ich darf zum Ende und in diesem Zusammenhang den unvergessenen Bill Hicks zitieren:
"How about a positive LSD story, that would be news-worthy. Don't you think...? Anybody think that...? Just once, to hear a positive LSD story...? Today a young man on acid realized that all matter is merely energy condensed to a slow vibration, that we are all one consciousness experiencing itself subjectively, there is no such thing as death, life is only a dream, and we are the imagination of ourselves... Here's Tom with the weather.
"

Kapitulation? Niemals!

Erschienen auf Warp, 2010

20.06.2010

Neunziger (4)


ROLLINS BAND - Weight


Rollins Band-Alben sind für gewöhnlich nicht die schlechteste Wahl, mag man es sophisticated, kraftvoll, und ungewöhnlich genug, um nicht nach nur einem Durchlauf in den Dornröschenschlaf zu fallen. Vor diesem Hintergrund erscheint es etwas schade, dass sich Rollins zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts und mit Scheiben wie "Get Some Go Again" und "Nice" für den schnörkellosen und vergleichsweise banalen Rotzrock anstelle des groovigen, leicht verfrickelten und nie so richtig klar zu bestimmenden Sounds entschieden hat, der insbesondere zwischen 1993 und 1998 das klangliche Bild seiner Band ausmachte. "The End Of Silence" (1992), "Weight"(1994) und "Come In And Burn" aus dem Jahr 1997, alle eingespielt mit einer beeindruckenden Truppe von großartigen Musikern, zählen zu den von mir unterbewertesten Scheiben - und ich kann es nicht so recht erklären, woran das liegen mag. 

Rollins steht nie so wirklich auf meiner Agenda, dennoch lege ich die drei genannten Werke immer noch regelmäßig auf und bin jedes Mal auf's Neue erstaunt, wie gut sie sich anhören - bei Musik aus den neunziger Jahren alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Besonders erfreut werde ich vom 1994er Album "Weight", dank der Singleauskopplung "Liar", deren Video es in die Heavy Rotation bei MTV schaffte, vermutlich das erfolgreichste und bekannteste seiner Karriere. Und natürlich ist "Liar" die Krönung eines aber auch ansonsten nahezu makellosen Albums: die angejazzten Gitarrenakkorde, die ganz dem Songinhalt entsprechend den Boden doppelt und dreifach auslegen, Rollins' fantastisch arrangierte Sprechstimme, die funkigen Bassläufe - und dann der brachiale Übergang in ein Meer aus Blitz und Donner, aus Pech und Schwefel. Als würden Fugazi mit Motörhead Nirvanas "In Utero" hören und sich dabei gegenseitig an die Gurgel gehen. Ein großartiges Stück mit einem ebenso großartigen Video. Aber "Weight" ist alles andere als ein One-Hit-Wonder-Album:"Disconnect", "Fool", "Civilized" und "Volume 4" sind erfreulich unkonventionelle Musikgranaten, die von den Fähigkeiten jedes Musikers getragen und geprägt werden. Vom ungeheuer vielseitigen Gitarrenspiel eines Chris Haskett beispielsweise, der funky und jazzy Licks ganz selbstverständlich zwischen dampfenden Riffkeulen unterbringt, der es federleicht vor sich hin wedelnd kann und im nächsten Augenblick tiefergelegtes Bratzenschrot auf der gerifften Riffgitarre anschmort. Oder der mit massivem Punch ausgestattete Melvin Gibbs am Bass, der sich mit Drummer Sim Cain die wie improvisiert wirkenden, federnden Groovewolken und supertighten Megabreaks zuspielt, als sei es so einfach und unbeschwert wie Erdbeerkuchen. Und Eisenheinrich? Der presst sich sympatische Lyrik zum empathischen Weltuntergang aus dem baumstammdicken Halsgeschwulst:

now. what the fuck is going through your tiny little mind?
I'm gonna show ya how fragile you really are... yah.
yeah! I think I'm gonna fuck with you, I think I'm gonna fuck with you
yeah you, yeah you! yeah you, motherfucker!


Und ein wenig differenzierter in "Disconnect":

all the things that they're saying & doing
when they pass me by it just fills me up with noise
it overloads me
I wanna disconnected myself
pull my brains damn out, unplug myself
I want nothing right now, I want to pull it out


Das hat alles eine enorme Wucht und Durchschlagskraft, die sogar soweit geht, dass man meint, Henry singe ausschließlich mit Schaum vorm Mund. Aber es hat eben auch Ausdruck, es hat Charme, im besten Fall. Im weniger guten Fall schreit die blanke Verbitterung aus ihm heraus, eine große Enttäuschung, die Wut - liest man das eine oder andere Interview mit Rollins, könnte man zu dem Schluss kommen, er sei über sich selbst am meisten wütend. Einerseits erscheint er als überzeugt und überzeugend, tough und diszipliniert, andererseits grollt ihm auch immer unterschwellig der Ekel vor sich selbst aus seinen Worten - der Mann kämpft nicht nur gegen die anderen, er stellt sich auch mit Vorliebe gegen sich selbst. Dennoch: kann mir bitte jemand seine "Support The Troops"-Scheiße erklären? 

Ich bin jetzt etwas "abgeschwiffen" (Urban Priol), komme aber hier und jetzt zum eigentlichen Thema zurück:"Weight" ist ein verdammt starkes Album.

Erschienen auf Imago Records, 1994

14.06.2010

Zwischenruf (4)

Einen ganz wunderbaren Northern Shore-Mix mit dem Titel "Lost In Smallville" gibt es bei Soundcloud zum Anhören und sogar zum Downloaden. Für Sommernächte und bekifft-sedierte Balkonabende nach dem Tanzrausch. Es fließt und wabbert - und das immerhin über 90 Minuten lang. Und es geht mir trotz der Länge noch nicht mal auf den Keks. 

Walk this way --> *KLICK*

03.06.2010

Denkt denn niemand an die Kinder??? (1)

Dreikommaviernull und Christian "Pogromstimmung" Wulff präsentieren: den (hoffentlich) regelmäßigen 7-Inch/Single/45rpm-Rundumschlag mit den besten Singles der letzten Wochen, Stunden, Jahre. Wir beginnen, schön aufpassen. 


Nice Nice - Sea Waves

Die "Chrome"-LP aus dem Jahr 2003 (damals noch via Temporary Residence erschienen) brachte mich auf dieses sympatisch angeschrägte Duo aus Portland - mittlerweile sind Jason Buehler und Mark Shirazi auf Warp gelandet und legten vor wenigen Wochen mit "Extra Wow" ihr dortiges Debut vor. "Sea Waves" ist die erste Singleauskoppelung und klingt, als hätten die Einstürzenden Neubauten 80er Jahre Discofuzz mit einem Sack Aufputschmittel gemampft. Es brizzelt, es fiept, es groovt wie Drecksau - und ist trotz aller oberflächlicher Zerissenheit wunderbar eingängig. "We Stayed" auf der Flip ist großer, schwebender Elektrofiep-Ätherpop. Etwas gemäßigter in der Anlage, aber unverkennbar clubtauglich.

"Sea Waves" gibt es hier zum offiziellen Download.




Year Future - The Hidden Hand

Geiles, politisches Postcore-Brett mit manischem Sänger (Sonny Kay, u.a. Angel Hair) irgendwo zwischen Fugazi und früh 80er Hardcore mit seltsam sublimer Wave/Goth-Schlagseite und depressiver Wut- und Verzweiflungskante.

Ziemlich apokalyptisches und verdrehtes Gestampfe in "Police Yourself" trifft auf intensiven, mit leichten Screamo-Elementen angereichterten Zappendustercore im Titeltrack. Textlich kommt intellektuelles Futter für Menschen hinzu, die nicht wissen, wo sie mit ihrer Wut noch hinsollen, ohne sich gleich strafbar zu machen (obwohl...). Hat durchaus etwas Versöhnendes, im Sinne von "Verbindendes". Nix für Sonnenanbeter. 



Bullion - Say Goodbye To What

Manch einer wird sich dunkel erinnern: Bullions "Get Familiar" war 2008 einer meiner Lieblingssongs und man kann nicht sagen, dass Nathan Jenkins seither untätig gewesen wäre. Seine Remixfinger sind immer da, wo die Musik spielt. Ich entschied mich für die aktuelle "Say Goodbye To What"-Single, die dank der Vocalsamples deutlich freundlicher erscheint, als das etwas nokturne "Get Familiar". Die Kinderchor-Hookline ist brilliant, der Beat lässt Köpfe und Gliedmaßen (sch)nicken. "Crazy Over You" ist dagegen fast schon bierernst, gar traurig, mit wunderbarer Soul-Verzierung und der verhallt-verzerrten Aura dunkler Dubstep-Produktionen. Erinnert mich brutal an irgendwas, respektive irgendwen und ich komme zum Fick nicht auf den Namen. Tipps und Vorschläge bitte an Horst Köhler, Erdloch 17, 49983 Woderpfefferwächst.

"Say Goodbye To What" kann man hier hören.

23.05.2010

The Beard Is Out There! - V


Das fünfte Studioalbum der "Locker wie Frischkäse"-Buben aus Kalifornien sorgte für die ersten Haarrisskratzer auf der bis dahin strahlenden Fassade, ist allerdings in meinen Augen lediglich um Nanopartikelchen schwächer als die vier Vorgänger.

Hatte die Band bis dato nicht einen nur-beinahe-perfekten Song geschrieben, gab es auf "V" das erste ganz, ganz kleine Stirnrunzeln. Gewohnt-geniale Tracks wie das mit massiven Hooklines ausgestattete "At The End Of The Day", das einem schon nach erstmaligem Hören schon nicht mehr aus dem Kopf fallen will oder der 26-Minuten-Klumpen "The Great Nothing", der locker in einer Reihe mit "The Water" oder "The Light" steht, hätten gleichfalls auf den Vorgängern für Begeisterung gesorgt. Die Problemchen beginnen hingegen mit dem für Beard-Verhältnisse tonnenschweren "Revelations" und dem "Thoughts"-Nachglüher "Thoughts Part 2", die beide erstmals etwas im Klischee festgeleimt wirken. Besonders "Thoughts Part 2" wirkt wie eine bloße Frickel-Schau, die Spock's Beard bis dahin niemals nötig hatten. Fraglos waren sie technisch immer mehr als nur state-of-the-art, aber sie mussten nie die Muskeln spielen lassen, sie überdeckten ihre brillianten Fähigkeiten eben lieber mit überlebensgroßen Songs. 

"Revelation" andererseits ist in der Stimmung und Anlage fast schon zu sehr Metal, zwangsläufig zu deutlich und offensichtlich und damit in der Wirkung einfach zu plump. Das kannte man bisher nicht von Morse - aber andererseits: da sich die Anhängerschaft, zumindest in Europa, fast ausnahmslos aus der Metalszene rekrutierte, wollte man dem Mob eben ein bisschen Fresschen hinwerfen, das weitgehend problemlos verarbeitet werden konnte. Die beiden Beard-typischen Ohrenschmeichler "All On A Sunday" und "Say Goodbye To Yesterday", die das Album komplettieren, sind solides, wenn auch nicht überragendes Futter für die Fangemeinde.  

Was sich im Vergleich mit den Vorgängern wie ein Verriss liest, ist bei Licht betrachtet ein immer noch sehr, sehr starkes Album mit einigen echten Höhepunkten und eineinhalb minimalen Absackern. Heißt in Gänze: Mein fünftliebstes Spock's Beard-Album. 

Den Verriss könnte ich für den überambitionierten und deswegen ganz schön in die Hose gegangenen Nachfolger "Snow" schreiben, nach dessen Erscheinen Neal Morse seinen Hut nahm und die Band verließ. Da Verrisse aber stinklangweilig sind, lass ich's bleiben. Lieber die ersten fünf Sahnealben in Endlosschleife hören. 

Erschienen auf InsideOut, 2000

19.05.2010

The Beard Is Out There! - Day For Night

Den Durchbruch auf breiterer Front erreichten Spock's Beard mit ihrem vierten Studioalbum "Day For Night". Die Verkäufe zogen nochmals an, die Konzerthallen wurden größer, waren immer öfter ausverkauft und entließen nicht selten ein freudentrunkenes Publikum in die Nacht.

"Day For Night" ist im Rückblick das wohl ausgereifteste Werk des Fünfers, das hier wirklich alle Stärken bündeln und in vollem Umfang ausspielen konnte. Mit dem Titeltrack gelang es Morse sogar, das Thema des Iron Maiden-Klassikers "Caught Somewhere In Time" unter zu bringen, "Gibberish" bot irrwitzigen Satzgesang der Marke Gentle Giant, "Distance To The Sun" ist nach "June" auf dem Vorgängeralbum eine weitere Megaballade, "Crack The Big Sky" ein typischer Beard-Track im Stile von "Walking On The Wind" mit unfassbarem Drumming von Nick D'Virgilio, während "The Gypsy" mit seiner schrägen Stimmung und ungewohnter Härte etwas aus dem Rahmen fällt. Bis dahin also alles wie gehabt: sieben Übersongs, mal eben mit links aus dem Handgelenk geschüttelt. 

Das dicke Ende sollte aber erst noch kommen: das knapp 25-minütige "The Healing Colors Of Sound" ist der wohl beste Longtrack, den die Band jemals geschrieben hat, auch wenn sich die Zutaten im Grunde nicht wesentlich von den anderen Göttergaben wie "The Water" oder "Time Will Come" unterscheiden. Morse flitzt durch all das, was sein Hirn in über 30 Jahren Musikverrücktheit aufgesaugt hat, perfekt ausgearbeitet, perfekt arrangiert, alles bis zum Ende und noch darüber hinaus gedacht. Hier sitzt einfach jede Note, jedes Wort, jedes Luftholen, jeder Klavier-, Bass-, und Gitarrenanschlag, jeder Beat. Jedes Umschalten von schleppenden Passagen in ein federndes "Sunny-California-Feeling" gelingt wie in Trance, jede Melodie berührt so tief, jede Akzentuierung löst Freudenschreie aus.

Gekrönt wird dieser Brecher von dem - ich lege mich fest - ergreifendsten und genialsten Gitarrensolo aller Zeiten: Alan Morse, der vor 20 Jahren mit seinem Bruder Neal wettete, ohne Plektrum schneller spielen zu können, als Neal mit Plektrum (und die Wette natürlich gewann), dieser Feeling-Gott mit seiner halb zerstörten Fender Stratocaster, grundsätzlich bis unter die Dachhaube zugekifft und im wahren Leben CEO einer amerikanischen IT-Firma, zeigt innerhalb von drei Minuten wie zum Heulen schön Musik sein kann. Die Luft vibriert, der Boden bebt, die Töne schweben, die Feedbacks lassen Felsmassive erzittern.

Oliver Klemm vergab vor 20 Jahren mal 8 von 7 Punkten für Aerosmiths "Pump"-Album und schloss seine Review mit den Worten "Was also tun? 8 Punkte geben? 'Pump' hat diese Ausnahmenote verdient.". Ich tue es ihm zumindest in der Sache gleich:"Day For Night" hat sich zweifellos die 11/10 verdient.

Erschienen auf InsideOut, 1999.