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18.01.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #165: Cradle Of Filth - Dusk...And Her Embrace (1996)




CRADLE OF FILTH - DUSK...AND HER EMBRACE


„Wer sonst gar nichts hat, der hat doch ein Vaterland. Patriotismus ist die Religion der ganz armen Schweine.“ (Wiglaf Droste)


Ich habe von Black Metal keinen sitzen. Beziehungsweise, und diese Einschränkung sei mir erlaubt, habe ich von jenem Black Metal keinen sitzen, der unter dem Begriff der "zweiten Welle" zu Beginn der 1990er Jahre entstanden ist und anschließend so populär wurde, dass er bis heute die Grundlage für das komplette Genre darstellt. Wenn ich sehr kühn sein wollte, könnte ich mich zu der Einlassung hinreißen lassen, mit der ersten Welle in der ersten Hälfte der 1980er Jahre aufgewachsen und also vertrauter zu sein. Mein Bruder hatte sämtliche relevanten Alben im Plattenschrank: Venom, Celtic Frost, Hellhammer, Bathory; für den frühen amerikanischen Black Metal könnten NME und ihr Album "Unholy Death" (1986) als beinahe solitäre Randerscheinung genannt werden, und ganz vielleicht spielt Possesseds "Seven Churches" zumindest hinsichtlich des Auftretens und des Images noch eine Rolle.


Die Wirkung, die vor allem Venoms "Black Metal" und Celtic Frosts "To Mega Therion" auf den damals gerade mal zehnjährigen Florian hatten, spüre ich beim Anblick der Coverartworks und vor allem der Backcover mit den Fotos der Musiker bis heute. Die Einlassung, "tief beeindruckt" gewesen zu sein, ist geradeheraus ein Euphemismus. In Wirklichkeit hatte ich einfach Angst. Die Inszenierung mit schwarzem Leder, Schminke, Kerzen, umgedrehten Kreuzen (ich war Messdiener - nur falls sich jemand fragt, wo ein guter Teil meines Knacks seinen Ursprung hat), die Aura der mystischen, okkulten, unkontrollierbaren Outlaws und die zahlreich kolportierten Tabubrüche nebst sexuellen Innuendos verfehlten ihre Wirkung nicht. Ich erinnere mich an ein Interview mit Venom im Metal Hammer, in dem überliefert wurde, Sänger Cronos müsse sich nun absentieren und auf den bevorstehenden Auftritt vorbereiten, indem er noch schnell ein paar Leichenknochen kaut, damit's mit der Stimme auch so richtig hinhaut - und so lächerlich das fast vierzig Jahre später klingen mag, so groß war 1987 sowohl die Bestürzung als auch die Anziehungskraft. Zudem fehlten mir abseits dessen, was in den Musikmagazinen stand, jeglicher Kontext und der Austausch mit anderen zur Einordnung. Wer hat als zehnjähriger schon Freunde, die darüber diskutieren wollen, ob sich drei geschminkte Ledertypen aus England an Leichen vergehen und Pferdesex haben? Mein damaliger Freund Martin, den ich zunächst mit meiner Iron Maiden-Manie anstecken konnte, sagte mir eines Tages, er würde jetzt lieber die Pet Shop Boys hören. Hätte mir meine Mutter gesagt, sie sei in Wahrheit ein außerirdischer Goldhamster und müsse nun wieder auf ihren Heimatplaneten UX-9318 zurückkehren, hätte ich selbst dafür mehr Verständnis aufbringen können. Was ich sagen will: Martin kam als Ansprechpartner nicht mehr in Frage.  


In den folgenden Jahren entwickelten sich allerdings sogar in meinem Kopf ein paar Hirnzellen mehr, auch wenn es sicherlich ein paar Weggefährten gibt, die vehement Gegenteiliges behaupten würden. Das waren vermutlich in erster Linie jene, die sich der ab 1991/1992 in Norwegen aufbäumenden zweiten Welle des Black Metals verschrieben hatten und nicht so richtig erfreut darüber waren, dass ich im übertragenen Sinne lieber die Pet Shop Boys hören wollte. Mir fehlte wirklich JEDE Verbindung zu dieser Musik und dieser Szene. Es klang alles scheiße, es war scheiße gespielt, die Typen, und zwar ALLE!, waren offensichtlich scheiße - der braune Nazisumpf, in dem heute Teile der Black Metal-Szene recht feudal und widerspruchsfrei residieren, sowie die Kapitulation der übrigen Szene, inklusive Presse, Labels, Agenturen, Veranstalter, Clubbetreiber und Fans, hat genau dort seinen Ursprung - kurz: ich wollte damit absolut NICHTS zu tun haben. Black Metal war für mich Venom. Und zwar "Für Immer" (Doro). 


Und dieses "Immer" hatte immerhin bis in den Oktober 1996 Bestand, als nämlich die vierte Ausgabe der CD-Beilage des Rock Hard-Magazins erschien. Cradle Of Filth präsentierten hier den Titeltrack ihres just erschienenen Albums "Dusk...And Her Embrace", und obwohl mir der Bandname bereits geläufig war, nicht zuletzt aufgrund der provokanten Cover-Artworks ihrer bisher erschienenen Alben "The Principle Of Evil Made Flesh" und "Vempire Or Dark Faerytales In Phallustein" sowie ihrer teils respektlosen, teils frivolen T-Shirt-Motive, landete die Band bis dato im großen Eimer mit den schlechterdings unantastbaren Bands aus Skandinavien. Was dann allerdings geschah, zählt bis heute zu den größeren musikalischen Revolutionen meines Daseins. Nicht nachhaltig zwar, weil die Tür zum Rest des Genres nach wie vor fest verschlossen blieb, aber ich wurde für die nächsten drei Jahre zu einem beinharten Fan, mit allem Drum und Dran. Zunächst verdrehte mir der Titeltrack tüchtig den Kopf, später das in geradezu euphorischen Zuständen gekaufte Album. Das ist umso erstaunlicher, weil dafür einige ziemlich hohe Barrieren überwunden werden mussten: das typische Black Metal-Gekeife, die Blastbeats, der symphonische Klimbim waren bis dahin für einen, der immer viel Wert auf gute Stimmen und einen guten Groove legte und orchestrale Begleitungen im Metal für Kitsch und ein ärgerliches Missverständnis hielt, gleich eine ganze LKW-Ladung roter Tücher. "Dusk...And Her Embrace" machte mit all dem kurzen Prozess. Plötzlich konnte ich nicht genug davon bekommen. Was zur Hölle ist denn da passiert?


Eine genaue Erklärung dafür habe ich bis heute nicht parat, aber ich kann ein paar Indizien über den Zaun werfen. Erstens klingt "Dusk...And Her Embrace" unglaublich gut - und das bis heute. Ich finde nicht, dass der Platte ihr Alter anzuhören ist. Für damalige Verhältnisse, vor allem, wenn einem noch die unproduzierte Kloake aus Norwegen in der Erinnerung herumschwappt, ist die Produktion geradezu herausragend, weil es der Band und ihrem Produzenten Kit Woolven gelang, die Mehrdimensionalität der Kompositionen einzufangen und deren morbide Dramatik in den Mittelpunkt zu stellen. So wie Slayers "Seasons In The Abyss" exakt so klingt wie das Cover aussieht, nach staubiger Verwüstung, nach Erstickungstod und Agonie, macht "Dusk...And Her Embrace" aus dem Artwork gleich ein ganzes Theaterstück: ein mittelalterliches Schloss im kalten Nebel, Fackeln, Hexen, Dekadenz, Chaos, Syphilis - und mit 27 Jahren liegt man in der Kiste. Irre! Zweitens schlagen die überlangen, verschachtelten Songs unzählige Haken mit wilden Breaks und lassen zeitgleich viel Raum für lange Instrumentalpassagen, beides makellos und maßgeschneidert nachzuhören im achteinhalbminütigen "Funeral In Carpathia" und dessen berühmtes "Never Leave Me"-Break, das gleich mehrere mit unbarmherzigem Drive umgesetzte Speed Metal-Riffs mit eindrucksvoll hymnischer Orchestrierung verbindet. Derlei Komplexität kann ein Handicap sein, wenn entweder der melodische Rahmen bricht oder die atmosphärische Spannung aus den Fugen gerät. Cradle Of Filth halten beide Komponenten über die kompletten 53 Minuten hingebungsvoll auf höchster Intensität, und man kann förmlich hören, wie sie darum kämpfen, die ganze Zeit die Temperatur am Siedepunkt zu halten. Volle Kontrolle bis zur Selbstaufgabe. Drittens hat die Band kompositorisch auch darüber hinaus ein bisschen in die Trickkiste gegriffen und viele Elemente klassischen Heavy Metals in ihren Sound integriert, angefangen bei den von Iron Maiden und der New Wave Of British Heavy Metal beeinflussten Twin-Guitars bis hin zu elegischen Melodiebögen aus dem US- und Epic Metal - es ist in diesem Zusammenhang auch keine besondere Überraschung mehr, dass die Band Maidens "Hallowed Be Thy Name" als Bonustrack coverte. Cradle Of Filth waren im Jahr 1996 deutlich näher an Maiden als an Immortal - und mit Verlaub: das war ich auch. 


Meine heiße Affäre dauerte indes nur knappe drei Jahre. Der 1998er Nachfolger "Cruelty And The Beast" war zwar ebenfalls ein herausragendes Heavy Metal-Album, aber dann wurd's ganz allmählich kalt. Zum einen musste ich miterleben, wie Cradle Of Filth auf der 1999er Tour von ihrer Vorband Napalm Death nach Strich und Faden den Arsch versohlt bekamen, zum anderen nahm die Kapelle, die mehr und mehr zu einem Soloprojekt von Sänger/Texter Dani Filth mit angeheuerten Sessionmusikern avancierte, im neuen Jahrtausend ein paar sehr unglückliche Kurskorrekturen vor und wurde immer mehr zu einer stinknormalen Metalband, die sich offenkundig mehr um Vermarktung und Image kümmerte, als um die Musik. Die wurde in meiner Wahrnehmung immer melodischer, langsamer und damit bräsiger, mit optimalem Zuschnitt auf das, was das Ottonormalmetallerpärchen Heinz und Uschi in der Schrebergartenanlage hören wollen, wenn der Bauplan für den neuen Carport durchkalkuliert werden muss. Offen gesagt: Würde ich jene ungünstigen Entwicklungen der letzten 25 Jahre in Betracht ziehen, wäre hier und heute ein Text über eine andere Platte erschienen. Tatsächlich musste ich ein wenig mit mir ringen, ob ich wirklich nochmal so tief ins eigene fast 30 Jahre alte Badewasser steigen möchte. Der positive Bescheid wurde erst erlassen, nachdem im Sommer 2025 eine Re-Releasewelle durch meinen Sossenheimer Kiez schwappte, ich die 90er Alben nochmal Revue passieren ließ und hocherfreut feststellte: man bekommt den Florian (weitgehend) aus dem Metal, aber man bekommt den Metal nicht aus Florian. "Dusk...And Her Embrace" bringt mir immer noch Glücksgefühle. Trotz der vielen Vorbehalte aus praktisch allen denkbaren Richtungen: Unwithfuckable.



Vinyl und so: Aufgrund der höchstwahrscheinlich ausgesprochen verzwickten Rechtslage ist die 1996 erschienene Version von "Dusk...And Her Embrace" bis heute nicht auf Vinyl wiederveröffentlicht worden, was die Erstpressung womöglich zu einem der meistgesuchten Holy Grails des Heavy Metal macht. Die Preise sind so absurd wie indiskutabel. In eine immerhin gewisse Nähe kommt man heutzutage nur mit jener Version, die den Untertitel "The Original Sin" trägt (und die oben auch auf dem Foto zu sehen ist). Hierbei handelt es sich um eine Aufnahme, die die Band mit anderem Lineup als gedachtes zweites Album für ihr damaliges Label Cacophonous Records einspielte. Kurz darauf verklagte die Band allerdings das Label, zerfiel währenddessen in zwei Teile und hatte "Dusk...And Her Embrace" als rechtlichen Kollateralschaden eigentlich schon abgeschrieben. Erst nachdem im Jahr 1995 "Vempire Or Dark Faerytales In Phallustein" erschien, ein Kompromiss mit Cacophonous Records, um anschließend aus dem Vertrag rauszukommen, konnten Cradle Of Filth mit erneuertem Lineup die Platte erneut, nun unter der Aufsicht des oben erwähnten Kit Woolven, aufnehmen und über Music For Nations veröffentlichen. "Dusk...And Her Embrace - The Original Sin" ist also die ursprüngliche Fassung des Albums. Und das hört man. Ob jene Version einen ähnlichen Eindruck auf mich gemacht hätte wie die später erschienene, möchte ich bezweifeln, aber wer Bock auf ein bisschen Musik-Generde hat, könnte beim Philosophieren über die Dynamiken eines Bandgefüges, dem Einfluss eines Produzenten und ganz vielleicht auch ein bisschen der Größe des Aufnahmebudgets in Freudenschreie ausbrechen.  


Weiterhören: "The Principle Of Evil Made Flesh" (1993), "Vempire Or Dark Faerytales In Phallustein" (1995), "Cruelty And The Beast" (1998)




Erschienen auf Music For Nations, 1996.


09.01.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #166: Deep Space Network - Big Rooms (1993)




DEEP SPACE NETWORK - BIG ROOMS


"Comforting lies deliver more clicks, viewers, listeners and profits than uncomfortable truths” 
(James O'Brien)


Die 2000er Jahre waren hinsichtlich meines Musikkonsums eine Zäsur. Was in den vorangegangenen 15 bis 20 Jahren gekaufte Tonträger waren, also in erster Linie Vinyl und CDs, und zwar nur so viele, wie es zunächst Taschengeld und später Gehalt erlaubten, geriet nun vor allem quantitativ etwas - und das ist die Untertreibung des Jahrzehnts - aus den Fugen. Das lag nicht an den sagenumwobenen Tauschbörsen wie Napster oder Emule - die habe ich tatsächlich nie genutzt. Viel mehr war die Community des ehemaligen Leserforums des Visions-Magazins dafür verantwortlich, dessen Nutzer nach einem völlig in den Sand gesetzten Relaunch der Website und damit des Forums auf selbst- und also nachgebaute Replikate der zur damaligen Zeit durchaus bahnbrechenden Forumsstruktur umzogen. Und was schon zu Zeiten des originalen Visions-Forums eine sehr, nennen wir es "eigenwillige" Gemeinschaft war, wurde mit dem Umzug auf kaum moderierte Plattformen in den folgenden Jahren zur Anarchie.  Das sind jene Zeiten, von denen early adopter heute schwärmen, wenn sie vom "alten Internet" reden. 


Jedenfalls: was die Community damals vereinte und über eine überraschend lange Zeit am Leben hielt, war eine tiefe Verbundenheit zur Musik und zum Kontext, der sie jeweils umgab. Als Musikjournalismus noch nicht mausetot in der Kiste lag, Playlisten noch Mixtapes hießen, Musik nicht in der Hintergrundberieselung elendig verreckte und noch niemand ahnte, welcher infektiöse Klärschlamm uns die künstliche Intelligenz zwanzig Jahre später in den Rachen ballern wird, kurz: als noch nicht alles wirklich komplett scheißegal war, gab es ein großes Interesse am gemeinschaftlichen Austausch. Das passierte nicht nur übers geschriebene Wort, sondern auch über die Digitalisierung des ehemaligen Phänomens des Tapetradings. Was früher auf Kassetten überspielte Musikalben waren, waren nun auf CD gebrannte Musikalben. Das Brennen ging jetzt nicht nur schneller und billiger, es konnte nun auch ein ganzer Sack CDs in einem gefütterten Briefumschlag versendet werden. So bekam ich manchmal bis zu 50 CDs mit neuen Musikalben in der Woche zugeschickt, was je nach Lesart entweder glücklicher- oder dummerweise parallel zu meinem sich erweiternden Korridor für neue Stilrichtungen verlief. Um es etwas weniger neutral zu formulieren: es öffneten sich die Tore zur Hölle des Überkonsums. Man merkt derlei eher ungünstige Entwicklungen oftmals nicht unmittelbar, weil sie von der Euphorie über neue Musik und den sich damit materialisierenden frischen Eindrücke und Perspektiven überlagert werden. 


 Irgendwann aber kamen die ersten Zweifel - und das war unangenehm, weil man sich selbst dabei zusehen musste, wie sich das Engagement, also die bewusste Hinwendung zur Musik langsam zersetzte. Was vor ein paar Jahren undenkbar schien, war nun Realität: Coverartworks und Linernotes verschwanden, damit gab es keine Informationen über die beteiligten Musiker und Produzenten, keine Songtitel, kein Erscheinungsjahr, keine Plattenfirma, kurz: null Kontext. Manchmal vergaß man sogar die Titel der Alben, bevor schon wieder das nächste Päckchen mit zehn neuen Platten im Briefkasten lag. Wir hörten unglaublich viel Musik aus allen möglichen Genres und Epochen - und nahmen fast nichts davon mit. Wir übernahmen nichts, wir bauten nichts ein, nichts konnte sich mehr wirklich mit dem Innern verbinden. Wir häuften irrsinnig viel Wissen an - und wussten nichts mehr. Es erscheint mit Blick auf die Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre fast unmöglich, nicht im Brackwasser des Kulturpessimismus unterzugehen. 


Es war aber auch nicht alles Doom & Gloom. Ich lernte einerseits unglaublich viel neue Musik kennen, die ich ohne diesen Overkill sehr wahrscheinlich niemals gehört hätte, andererseits blieb auch ohne den oben beschriebenen Rahmen eine ganze Menge davon in meinem Leben, und das nun schon über Jahrzehnte hinweg. Eine dieser Platten ist "Big Rooms" von Deep Space Network, einem Projekt von David Moufang aka Move D und Jonas Grossmann. Ihr Debut aus dem Jahr 1993 gilt in eingeweihten Kreisen als Klassiker der frühen Ambient Techno und IDM Bewegung. Freund Jens, der in den neunziger Jahren und nach dem ersten Abebben der großen Alternative-Welle seine zumindest vorübergehende Erfüllung in elektronischen Sounds fand und sich von Downbeathelden wie Nightmares On Wax, Kruder & Dorfmeister, Red Snapper und Morcheeba die Pappen reichen ließ, machte mich in den besagten Nullerjahren auf "Big Rooms" aufmerksam, als ich gerade meine ersten Gehversuche mit stilverwandten Bands und Platten von Jazzanova und Thievery Corporation unternahm. 


"Big Rooms" arbeitet tief im Nervensystem, und das schon ab dem ersten Kontakt. Es ist eine dieser Platten, die praktisch ab dem ersten Ton auffällig anders sind. Denen man einfach zuhören muss. Und die, auch das muss erwähnt werden, mit dem von re:discovery herausgebrachten Vinyl-Release aus dem Jahr 2020 sogar nochmal zusätzlich Gravitas zulegen, weil im konkreten Fall dank eines wirklich sensationellen Masterings die Weite des Raums (pun intended) zur beinahe körperlich spürbaren Erfahrung gerät. Moufang und Grossmann rollen auf dem 75 Minuten dauernden Trip durch Raum und Zeit vom kargen Mondgesteinrauschen bis zum glühenden Milchstraßen-Gangbang auf Steroiden die ganz große Tapete elektronischer Musik aus, verwenden Einflüsse östlicher Musik, weben mystische Sprachsamples in bizarre Fantasiewelten ein, verlegen einen staubigen und von Grasrauch schwer gezeichneten Downbeatteppich, werfen mit links eine Prise reinstes Hochland-Koks auf die Klobrille vom Club und lassen die Kick von der Leine, dösen in einer warmen Augustnacht nackig im Kornfeld, besuchen die Plasmastürme in den Badlands und haben auf dem Rückweg ein Tässchen Ketamin mit Shai-Hulud auf Arrakis. "Big Rooms" verschenkt eine multidimensionale Reise durch spirituelle Welten, und Du bist der Pilot, Du übernimmst das Steuer. Es ist egal, wer Du bist oder woher Du kommst - und es ist auch egal, wohin Du gehst. Alles, was es braucht, ist Dein erster Schritt. 


Vinyl und so: Bitte einfach und ohne weitere Fragen den Vinyl Release aus dem Jahr 2020 von re-discovery kaufen und mir später danken. Für einen Fuffi ist man aktuell bei Discogs dabei. Shoot!


Weiterhören: Deep Space Network Meets Higher Intelligence Agency (1996), Deep Space Network & Dr.Atmo - Intergalactic Federation (1993)






Erschienen auf Source Records, 1993.


05.01.2026

My Nineties Were Better Than Your Nineties - #167: Stereolab - Transient Random-Noise Bursts With Announcements (1993)



STEREOLAB - TRANSIENT RANDOM-NOISE BURSTS WITH ANNOUNCEMENTS


In Erinnerung an Mary Hansen (1966 - 2002)


Guten Tag zusammen, hier ist Werner Schulze-Erdel, ein herzliches Willkommen bei einer neuen Ausgabe von Familienduell. Auch heute treten wieder zwei Familien gegeneinander an und versuchen mit der höchsten Punktzahl ins Finale einzuziehen. Wir begrüßen Familie Bratwurst aus Erfurt *applaus* und natürlich unsere Titelverteidiger vom letzten Mal Familie Sack aus Gesicht am Rhein *gelächter**applaus*. Jetzt geht's los, starten wir gleich mit der ersten Runde.

Gesucht werden die sechs häufigsten Antworten. Wir haben einhundert Personen gefragt: Welches Wort fasst am besten die musikalischen Strömungen der 1990er Jahre zusammen?

*UMPF* - "Heinrich war am schnellsten, Deine Antwort!" - "Innovation" - "Heinrich sagt: Innovation."

*blingblingblingblingbling* - "Joaaaaa, auf Platz 3 der meistgenannten Antworten, nicht schlecht. Angelika kann das aber mit ihrer Antwort schlagen - Angelika, wie lautet Deine Antwort?" -"Vielseitigkeit" - "Angelika sagt "Vielseitigkeit". Schauen wir mal."

*blingblingblingblingbling* - "Oooooh, Platz 1, sehr gut - dann geht's jetzt mit der Familie Sack auf in die nächste Runde!"

Korbinian, Du bist gerade erst 37 Jahre alt geworden und spielst in Deiner Freizeit am liebsten mit den Unterhosen Deiner Oma. Wir spielen jetzt mit Dir weiter. Biste aufgeregt? Musste nicht, wir sind hier alles Familie, ehehehe. Also: Gesucht werden nun die fünf am häufigsten genannten Antworten auf die folgende Frage; einhundert Personen haben wir wieder gefragt: Welche Band oder welches Musikprojekt verkörperte in den 1990er Jahren Innovation und Vielseitigkeit in ihrer Wahrnehmung am besten? - uuuund die Zeit läuft! 

"Hmmmm…." - "Jetzt aber schnell, Korbinian - die Zeit läuft." "Mmmhhhmmmm…." - "KORBINIAN...." 

- "STEREOLAB!"

Korbinian sagt "Stereolab" - *blingblingblingblingbling* - "OOOOOHHHH - Stereolab auf Platz 1 bis 5 - damit gewinnt Familie Sack den goldenen Plattenspieler vom Fass, herzlichen Glückwunsch! Liebe Zuschauer, das war's für heute, schalten sie demnächst auch bloß nicht wieder ein. Tschüss! 

*zu Korbinian* "Sag mal, hast Du noch so eine Unterho *sendeschluss*

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Ich vergesse immer ein bisschen, wie viele große, populäre Trends in den 90er Jahren außerhalb der von mir bewohnten Alternative-Bubble noch ins gesellschaftliche Kollektiv- und Konsensbewusstsein einbrachen und damit jene kulturellen Weichen stellten, die bis heute für Transport und Kommunikation neuer musikalischer Entwicklungen Verwendung finden - Techno und House, RnB und Hip Hop, Britpop und Eurodance - und wenn wir ein Stockwerk runterfahren und ganz kühn sein wollen, fügen wir noch Postrock hinzu - transformierten die ehemals  kruden Anfänge der häufig nicht mal abgesteckten Genres in Massenphänomene und schufen damit nicht nur global wirkende Identifikationsräume, sondern damit auch zwangsläufig ein hochdiversifiziertes Ökosystem von Subkulturen. Mir ist schon klar, dass derlei Verkürzungen für Organschäden und Wutausbrüche bei meinen Leserinnen und Lesern sorgen können, aber wir sind hier ja auch nicht in einer von Teddy Adornos Vorlesungen, sondern auf einem Deppenblog aus Deppenheim, dessen Depp vom Dienst gerade manisch damit kämpft, diese einigermaßen unerklärliche Band zu dechiffrieren. 

Denn die 1990 von Tim Gane (Gitarre und Keyboard) und Lætitia Sadier (Gesang, Keyboard und Gitarre) in London gegründeten Stereolab sind ein Universalphänomen. Im Opener "Tone Burst" klingt's, als würden Sonic Youth im frühen 20.Jahrhundert die Monster & Mutanten-Show eines Jahrmarkts musikalisch begleiten, im Hit "Pack Yr Romantic Mind" nehmen Stereolab gleich eine Handvoll Postrock Alben aus Chicago vorweg, in "Golden Ball" schrauben sich Velvet Underground - mit Nico, klar -  und die Frühneunziger-Ausgabe von Monster Magnet gemeinsam ins Nirvana, nachdem alle eine Opium-Hochdosistherapie ins Frühstück gemischt bekamen. Der über 18-minütige Frontalangriff "Jenny Ondioline" versammelt bei fast durchgängig und stoisch durchgepeitschtem Uptempo alle großen Hypnoseartisten unserer Zeit, angefangen bei My Bloody Valentine über Sonic Youth und Neu! bis hin zu The Cure, gönnt sich aber mit Sadier's französisch-englischem Kauderwelsch melodisch sehr eindrücklich inszenierte Pop-Momente, die den dunklen Vibe des Songs immer wieder brechen. 

Eigentlich bekommt man das alles nicht so richtig auf die Reihe, diesen Wahnsinn aus dieser albern zischenden Farfisaorgel, dem das ganze Werk durchziehenden kosmischen Retro-Futurismus, den kantigen Gitarrenrock, den naiv-kindlichen Pop-Gesang der beiden Sängerinnen Sadier und Mary Hansen, bei dem man sowieso stets ins Zaudern gerät, ob hier Distanz oder Zugang entstehen soll. Und obwohl hier eigentlich alles "NEUNZIGER!" kreischt, das experimentelle Element, die Courage, die Unberechenbarkeit, die Slacker-Attitüde und nicht zuletzt auch das Coverartwork, hat "Transient Random-Noise Bursts With Announcements" auch 32 Jahre später seinen Biss nicht verloren - zeigt es doch auf geradewegs schockierende Weise, wie viel Innovation, Diversität und mit Verlaub: Aufbruchstimmung wir in den letzten Jahrzehnten an die Gleichmacher verloren haben. Sowas darf einfach nicht in Vergessenheit geraten.



Vinyl und so: Warp hat 2019 insgesamt sieben Stereolab Alben als Deluxe-Editionen wiederveröffentlicht, darunter auch "Transient Random-Noise Bursts With Announcements". Die 2019er Version kommt als Dreifach-LP im Gatefold mit dickem PP-Sleeve und großem Poster und beinhaltet neben der Originalversion des Albums auch noch alternative Songversionen, Demos und bislang unveröffentlichte Mixe. Diese Ausgabe ist noch für um die 35 bis 40 Euro zu bekommen. Im Februar 2025 hat WARP mit einem neuen Reissue nachgelegt, dieses Mal allerdings ohne die Deluxe-Zusätze. Auch hierfür sollten 35 bis 40 Euro einkalkuliert werden. Ich selbst habe erstgenannte Version und halte sie für eine sehr empfehlenswerte Anschaffung. 


Weiterhören: "Emperor Tomato Ketchup" (1996), "Dots And Loops" (1997)





Erschienen auf Duophonic Ultra High Frequency Disks/Elektra, 1993.